Calwer Passage in Stuttgart Der Gegenentwurf zum Shoppingcenter

Ein Teil des Fluxus-Teams in der Calwer Passage: Initiator Hannes Steim, Florence Shirazi vom Label  Mademoiselle YéYé , Maria Marci von Là pour Là und Kai Alt (von links) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Ein Teil des Fluxus-Teams in der Calwer Passage: Initiator Hannes Steim, Florence Shirazi vom Label Mademoiselle YéYé , Maria Marci von Là pour Là und Kai Alt (von links) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Am Samstag startet mit dem Projekt Fluxus in der Calwer Passage ein alternatives und zeitlich begrenztes Shoppingkonzept. Doch nach Informationen der Stuttgarter Zeitung könnte aus der ungewöhnlichen Zwischennutzung sogar eine Dauerlösung werden.

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Stuttgart - Lange ist über die Nutzung der Calwer Passage diskutiert worden. Am Samstag startet mit dem Projekt Fluxus ein alternatives und zeitlich begrenztes Shoppingkonzept. Doch nach Informationen der Stuttgarter Zeitung könnte aus der ungewöhnlichen Zwischennutzung sogar eine Dauerlösung werden.

Das Fluxus-Konzept ist, überspitzt ­formuliert, eine Art Gegenentwurf zu den Malls Gerber und Milaneo. Statt Ketten und austauschbarer Marken präsentieren sich in der Calwer Passage Stuttgarter ­Einzelhändler, Marken und Konzepte. ­Bisher war die Dauer auf drei Monate ­begrenzt. „Wir können uns ein solches Konzept aber auch als dauerhafte Lösung für die Calwer Passage vorstellen“, erklärt der Geschäftsführer der Argon AG, Dirk Wehinger. Die Gesellschaft ist ein Tochterunternehmen der Piëch Holding. Die hatte das denkmalgeschützte Ensemble im März 2013 von der Württembergische Lebensversicherungs AG gekauft.

Suche nach Gesamtkonzept

Über den Preis wurde zwar Stillschweigen vereinbart, Immobilienexperten sprechen jedoch von einer Summe von mehr als 30 Millionen Euro, die für die 1978 eröffnete Passage bezahlt wurde. Bislang krankte die Passage an der mangelnden Anziehungskraft und somit an geringer Kundenfrequenz – viele Läden standen geraume Zeit leer. „Das können wir nur mit einem stimmigen Gesamtkonzept wieder verändern“, ist der Geschäftsführer überzeugt.

Nach Aussage der Argon AG könnte Fluxus nun dieses schlüssige Konzept darstellen. Wenn Fluxus eine Art Gegen-Gerber und das komplette Gegenteil eines Milaneo ist, so kann man das Stuttgarter Label Mademoiselle YéYé getrost als Anti-Primark bezeichnen. Kai Alt und Florence Shirazi, die Köpfe hinter der Modelinie, die sich am Stil der 60er-Jahre orientiert, lassen ihre Entwürfe zu fairen Konditionen in der Türkei produzieren. „Wir fliegen regelmäßig hin, weil uns der Austausch mit den Produzenten wichtig ist“, erklärt Kai Alt.

Der 35-Jährige entspricht so gar nicht dem Klischee eines Modedesigners. Alt ist kein schriller schwäbischer Lagerfeld, sondern eher die reflektierte Punkvariante davon. Er hat Erziehungswissenschaften studiert, engagiert sich in der Rassismusaufklärung an Schulen und hat aber auch einen Sinn für Mode. Seine Partnerin Florence Shirazi betreibt gemeinsam mit Melanie Ammer den Einzelhandel Flaming Star im Gerberviertel. Mit dem Wandel, den Malls wie das Gerber hervorrufen, hat Shirazi sich schon beschäftigt, als der durchschnittliche Stuttgarter noch gar nicht wusste, was dort an der Paulinenbrücke entstehen würde.

Einzige Chance für junge Unternehmer

„Ein Konzept wie das Fluxus ist für einen kleinen Einzelhändler wie uns die einzige Möglichkeit, in Stuttgart an eine bezahlbare Fläche zu kommen“, sagt ­Shirazi. „Die Miete in einer Mall wie ­Milaneo oder Gerber könnten wir uns nicht leisten. Im Fluxus können wir nun testen, wie unsere Mode ankommt, ohne dass wir gleich einen Fünf-Jahres-Vertrag abschließen müssen.“ Die Flächen, die sich Alt und Shirazi zuvor angeschaut hatten, waren für eine Kette zu klein, für einen inhabergeführten Einzelhandel aber zu teuer. „Dabei braucht eine Stadt wie Stuttgart eine Ecke, in der es spannende Läden gibt, die nicht nur Massenware bieten. Individualkonsum ist ein sperriges Wort, ich will das Einkaufen auch nicht romantisieren, aber Stuttgart sieht an vielen Stellen so langweilig aus wie jede andere Stadt in Deutschland“, sagt Kai Alt.

Ob der Verbraucher genau das will oder sich doch nach Individualität sehnt, wird sich auch im Versuchslabor Calwer Passage entscheiden. „Viele jammern herum, dass es in Stuttgart nur Einheitsbrei gibt, am Ende bestellen sie aber doch alles bei Amazon“, sagt Hannes Steim. Steim ist der Kopf hinter dem Fluxus-Konzept. Er hatte die Idee zur so genannten Concept Mall Fluxus. Steim betreibt die Boutique Là pour Là, die im Fluxus auch vertreten sein wird, er organisiert aber auch Musik-Festivals wie das „Pop not Pop“. „Der Wiederbelebungsversuch der Calwer Passage ist auch ein Appell an die Vielfalt. In anderen Ländern gibt es viel mehr Abwechslung als bei uns. Es ist ein Experiment, ob ein Alternativkonzept wie das unsere Erfolg haben kann“, sagt Steim.

Für die Dauerlösung braucht es einen Publikumserfolg

Sollte Fluxus ein Publikumserfolg ­werden, wird es von den Mietern abhängen, ob aus der Zwischennutzung eine Dauerlösung wird. Wenn das Projekt, das fürs Erste auf eine Laufzeit bis Ende Januar begrenzt ist, weitergehen soll, müssen alle Mieter mit ins Boot. „Einzelne Läden können nicht genug Kunden anlocken. Dazu brauchen wir eine ganze Palette“, erklärt Dirk Wehinger aus Eigentümersicht.

Festlegen will sich der Geschäftsführer im Moment jedenfalls nicht. „Vor Januar werden wir keine Entscheidung treffen“, sagt er. In Bezug auf den Start des Fluxus-Projekts am Samstag strahlt Wehinger ­Zuversicht aus. „Egal wo wir hinkommen, die Leute finden die Idee eines Zentrums für kleine Läden sympathisch“, sagt er. „Wir warten ab, was ­Fluxus bringt und wie es von den Kunden angenommen wird.“ Spezielle Bedeutung wird dabei das im Handel extrem wichtige Weihnachtsgeschäft haben. Dann wird sich zeigen, ob Stuttgart nur Primark, Milaneo und Gerber oder auch Fluxus kann.




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