Stadtkind Stuttgart

Campuskind - Die Studenten-Kolumne Schwarz, Rot, Glück

Von Wiebke Wetschera 

Deutschland ist mit einem Sieg gegen Algerien ins Viertelfinale eingezogen. Unser Campuskind erzählt seine eigene Geschichte rund ums Spiel - von Aberglaube bis Liveticker von Freunden.

Unser Campuskind ist abergläubisch. Nur mit der Deutschlandfahne auf ihrer Wange kann die DFB-Elf gewinnen.  Foto: privat
Unser Campuskind ist abergläubisch. Nur mit der Deutschlandfahne auf ihrer Wange kann die DFB-Elf gewinnen. Foto: privat

Die Weltmeisterschaft, die verbindet die Welt. In Zeiten der Globalisierung ist das nichts Besonderes mehr. Aber WM ist trotzdem immer etwas Besonderes. Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

So auch am Montagabend. Bereits vorher habe ich mir natürlich überlegt, worüber ich denn danach in meiner Kolumne berichten könnte. Aber sind wir doch mal ehrlich, es gibt nichts, was Béla Réthy nicht schon gesagt hat. Das Analysieren des Spiels und das Geschwafel drum herum. Und das, was er nicht sagt, das sagt dann Olli Kahn. Und da ich weder ihm noch Béla Réthy die Show stehlen will, liegt es nahe, etwas Anderes an diesem Abend zu entdecken. Etwas, dass der Kommentator nicht sieht – meine Geschichte rund ums Spiel.

Die Fan-Ausrüstung

Ich muss gestehen, dass ich bei den letzten Spielen besser ausgerüstet war. Dank einer Kommilitonin hatte ich ausreichend mit Deutschland-Dekoration versorgt. Vom Haarreifen und den Blumenketten bis hin zu einem Deutschland-Hut hatte sie immer alles dabei. Ich bin ein absoluter Fan davon – wenn schon, dann richtig. Schwarz, Rot, Gold bekennen – wenn möglich am ganzen Körper.

Aber beim Spiel gegen Algerien gab es ein Problem: die Uhrzeit machte es unmöglich, das Spiel zusammen zu gucken. Also keine Dekorationen. Und deshalb wollte ich dann doppelt Daumen drücken. Nach dem Public Viewing in der Alten Kanzlei, dem verpassten Ghana-Spiel wegen des Southside-Festivals und dem letzten Gruppenspiel auf dem Straussi-2-Sommerfest ging es dieses Mal in den Troll: Burger futtern und Fußball gucken, besser geht es ja wohl kaum. Außer vielleicht mit der perfekten Deutschlandausstattung, aber die fehlte nunmal.

Die unbeschreiblichen 120 Minuten

Zu dem Spiel möchte ich gar nicht viel sagen, denn schon ein einziger Gedanke daran versetzt mich wieder in Rage. Dass meine Nerven an einem Montagabend so überstrapaziert werden, damit hatte ich nicht gerechnet - und das hätte ich mir gerne erspart. Dass es nicht nur mir so ging, wurde mir klar als wieder ein Raunen durch die Bar ging oder einige verzweifelt dreinblickten. Was sollte man dazu auch sagen? Doch zumindest die Whatsapp-Chats blieben nicht stumm, doch waren sie nach der Halbzeit nicht optimistischer gestimmt als ich.

Es war ein einziges Gedankenmeer in das ich mich dann ziehen ließ. Da kam mir mein Aberglaube in den Sinn. Ich bin wirklich sehr abergläubisch. Mein Glücksarmband hatte ich allerdings um und mittlerweile auch ein Deutschland-Tattoo auf meinem Arm. Ich war perfekt ausgerüstet, aber Deutschland spielte nicht dementsprechend. Erst als dann jeder eine Deutschlandfahne auf die Wange gemalt bekam, wurde mein Aberglaube bestätig indem das erste Tor für Deutschland fiel. OH MEIN GOTT! Wie soll ich denn in Zukunft nicht mehr abergläubisch sein? In unserer Euphorie des Tores waren wir der festen Überzeugung, dass es nur an den Deutschlandfahnen gelegen haben kann. Jede andere Möglichkeit ist komplett ausgeschlossen.

Es stand also 1:0 und die ersten 15 Minuten der Verlängerung wurden gerade abgepfiffen, als ich realisierte, dass jetzt Schluss für mich war – Schicht im Schacht. So ist das eben, wenn man auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen ist, die sich leider nicht nach den WM-Spielen richten. Äußerst schade, wie ich dachte. Aber doch nicht allzu schade, wie ich im Nachhinein herausfand. Mit jeweils einer Deutschlandfahne auf meinen Wangen stieg ich in die letzte S-Bahn, die mich nach Hause bringen sollte. Und auch noch einige andere Fußballfans.

Es lebe der Liveticker!

Doch zum Glück gibt es Freunde, die einem in diesen Situationen beistehen. An der Zahl drei. „Ich mache dir den Liveticker, ich mache dir den Kommentator, ich sage dir, wenn was passiert.“ Das Ganze sah dann etwa so aus: „Schweini raus, Kramer rein. Deutschland hat den Ball. Nicht mehr. Abseits Algerien. Noch 10 Minuten zu spielen. AAAAHH. Ich kann nicht mehr. Wer ist schon Kramer. Algerien. Geklärt. Noch 6 Minuten. Haltet durch Deutschland. Die sollen gewinnen jetzt. Kramer hatte eine Chance – verkackt. Immer vorm Tor, aber der Ball geht nicht rein. Algerier heult, liegt rum. Ja TOOOOOOORRRR. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa. 2:0! Torwart war draußen, Özil trifft. Jetzt wird es nochmal spannend. Tor Algerien, 2:1. Alter, 45 Sekunden. Jeeeeeeeeeeeeeeeeeeeez Basta. Aber schön anzuschauen war das nicht.“

Also ist es wahrscheinlich gar nicht so schlecht gewesen, dass ich es nicht sehen konnte. Sonst wäre mir diese äußerst amüsante Liveticker-Mischung entgangen, ebenso wie die Fahrt mit der S-Bahn. Meine Sitznachbarin besitzt ein iPhone, hat den Liveticker an und wir alle gucken gespannt darauf – glücklich darüber, doch noch etwas vom Spiel mitzubekommen. Doch dann vibriert mein Handy: Das zweite Tor für Deutschland sagen meine drei Liveticker-Menschen. Der Livestream allerdings zeigt kein Tor. Doch dann, eine Minute später schreit auch die S-Bahn auf – huch, inklusive mir.

Auch wenn ich es natürlich schon vorher wusste. Mein Dank gilt den besten und schnellsten Livetickern meines Freundeskreises. Dank euch wusste ich schon vor dem Livestream was passiert. Und was alle nicht wussten: mit Sicherheit lag es an den Fahnen auf meinen Wangen, dass sich alles zum Guten gewendet hat. Zumindest glaube ich daran. Und das ist doch schon wie ein Sieg nach 120 endlosen Minuten!

 

 

Unsere Empfehlung für Sie