Deborah ist als Bufdi zur Bergwacht in Kirchzarten gekommen und geblieben. Jetzt liegt sie auf einer Tragbahre im Wald, ihr Bein ist mit einer Schiene stillgelegt. Es ist nur eine Übung, ihr Blutdruck ist okay, Allergien hat sie keine.
Ihre Kollegen führen Manuel Hagel, dem CDU-Fraktionschef im Landtag vor, wie kompliziert eine Rettungsaktion schon ohne Komplikationen im Einzugsbereich gut erschlossener Wanderwege sein kann. Während die Retter die Bahre mit einem Seilzug sichern, kommt das Donnergrollen immer näher. Deborah hat als Liegende das beste Los gezogen. Sie ist in eine Plane dicht eingepackt, nur das Gesicht liegt frei. Es regnet Schnüre, während die Bergwacht den Krankentransport zum fünfzehn Meter entfernt parkenden Geländewagen bewerkstelligt.
Es ist Tag eins von Manuel Hagels Sommertour. Der 35-jährige Fraktionschef, der mit der Schwächung von Landesparteichef Thomas Strobl durch die Polizei-Affäre immer mehr zum Hoffnungsträger der Südwest-CDU geworden ist, besucht in der Sommerpause Ehrenamtler und CDU-Ortsverbände im ganzen Land. Morgens um kurz nach sechs Uhr ist er zuhause in Ehingen losgefahren. Das Buch „Ist Gott demokratisch?“ von Otfried Höffe liegt auf der Mittelkonsole im Auto. Annette Schavan hat es ihm tags zuvor geschenkt. Zum Reinlesen ist Hagel noch nicht gekommen. Die Zeitungslektüre, mit der er jeden Tag ins Polit-Geschäft startet, hat länger gedauert. Dass das Wetter sich nicht kontrollieren lässt, ist schon die zweite Lektion an diesem Tag. Dass es mit der Kontrollierbarkeit – oder Selbstkontrolle – auch bei Friedrich Merz nicht so weit her ist, war die erste. Der CDU-Bundesparteichef hat Schlagzeilen produziert mit viel kritisierten Sätzen zur AfD und möglichen Kooperationen auf kommunaler Ebene. Die Aufregung ist erheblich, auch in der CDU.
Engagement für die Engagierten
Als Manuel Hagel aus dem Auto steigt, ist die erste strategische Entscheidung des Tages schon getroffen. Er rückt Merz’ Aussage gerade, ohne ihn anzugreifen. „Für uns Christdemokraten in Baden-Württemberg gilt ganz einfach: Keine Zusammenarbeit mit Extremisten, keine Zusammenarbeit mit der AfD – egal wo“, heißt das dann.
Bei der Bergwacht in Kirchzarten und beim Bund deutscher Blasmusikverbände in Staufen spielt die AfD ebenso wenig eine Rolle, wie bei der Tafel in Bad Krozingen und beim Deutschen Alpenverein in Offenburg. Beim Besuch ist Hagel ganz Auge und ganz Ohr für seine Gesprächspartner. Sie hielten als Ehrenamtliche „das Land zusammen“, wie er zu betonen nie müde wird. Hagels Verhältnis zum Ehrenamt ist komplex. Die ehrliche Wertschätzung für das, was Vereinsmitglieder leisten, ist für den CDU-Mann, der selbst in Bürgerstiftung, Narrenzunft und Jägervereinigung seiner Heimatstadt Mitglied ist, nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist das Engagement für die Engagierten zentraler Baustein seiner Strategie. Sie soll die CDU zurück in die Zukunft und ihn selbst an die Macht führen.
Update als Baden-Württemberg-Partei
„Die Idee, Baden-Württemberg-Partei zu sein, ist vor allem ein Lebensgefühl. Das haben wir im Land nicht mehr immer genau getroffen. Das bekommt jetzt ein Update.“ Auch deshalb macht er, seit er 2016 Generalsekretär wurde, jedes Jahr eine Tour zum Ehrenamt. Als Fraktionschef hat er seit 2021 alle Abgeordneten bekniet, sich gleichfalls zu engagieren. Hagel nennt das eine Frage der Haltung. Aber es ist auch ein Kampfauftrag, den angestammten vorpolitischen Raum zurückzuerobern, den die CDU vor dem Machtverlust und nach dem Aufstieg der Kretschmann-Grünen vernachlässigt hatte.
Der nächste Wahlkampf gegen die Grünen wird auch ohne Winfried Kretschmann als Aushängeschild hart für die CDU; so stark wie sie mit ihrer Verankerung im Kommunalen einmal war, ist sie nicht mehr. Wenn Hagel der Basis signalisieren kann, dass sie im Blick aufs Ehrenamt bleiben darf, wie sie sich stets verstanden hat, ist ihm das nur zu willkommen. Er weiß ja, dass die Südwest-CDU den Rückwärtsgang bei der Flüchtlings- und Klimapolitik keinesfalls gebrauchen kann.
Abends beim CDU-Treffen im idyllischen Weingut Renner in Fessenbach, skizziert Hagel das Bild von der Welt, die aus den Fugen geraten ist. Er kritisiert, dass „hier“ still der See zu ruhen scheine, „als ob man nichts mehr tun müsste, damit es uns immer gut geht“. Beim Zuhören kann man glatt vergessen, dass nicht nur in Berlin die Ampel regiert, sondern in Stuttgart auch Manuel Hagel mit Grün-Schwarz. Dabei trägt auch er Verantwortung dafür, dass wichtige Weichenstellungen gemacht und nicht verpasst werden.
Die Sache mit dem Spiegel
Für die parteiinterne Werbetour in eigener Sache ist das – die Furcht der Basis vor Veränderungsstress lässt grüßen – nicht ungeschickt. Will Hagel denn nun der neue starke Mann der CDU im Land werden und den Kampf gegen welchen Kretschmann-Nachfolger auch immer aufnehmen? Die Frage beantwortet er seit Monaten gleich: Er schaue nicht täglich in den Spiegel und frage nach seiner künftigen Rolle. Das klingt so demütig und nach vorne offen. Dabei ist bei seiner Tour durchs Land schnell spürbar, dass die kritische Selbstbefragung vor dem Spiegel nicht vor, sondern längst hinter ihm liegt. Klar will er Landeschef, Spitzenkandidat und Ministerpräsident werden.
Zwar hält Hagel mit seinen Plänen konsequent hinter dem Berg. Aber offenbar hat er sich vorgenommen, dabei sein machttaktisches Meisterstück abzuliefern. Einvernehmlich und ohne Schlacht zwischen ihm und Landesparteichef Thomas Strobl soll der Wechsel über die Bühne gehen. Gegen die noch amtierende Nummer Eins der Südwest-CDU antreten, will er nicht. „Politische Führung heißt zuvorderst zu integrieren“, ist deshalb aktuell auch ein Standardsatz in seinen Interviews. Er war noch lange Polit-Novize in der Jungen Union, als die Südwest-CDU sich in Zweikämpfen zerlegte: 2004 mit Annette Schavan und Günther Oettinger bei der Teufel-Nachfolge, 2014 mit Thomas Strobl und Guido Wolf bei der Spitzenkandidatur. Eine Neuauflage zwischen Strobl und Susanne Eisenmann hat Hagel 2019 als Generalsekretär mitverhindert.
„Die CDU ist unschlagbar, wenn sie geschlossen ist, aber sie wird immer scheitern, wenn sie streitet.“ Das formuliert sein Selbstverständnis und transportiert den Appell an Strobl, Platz zu machen, wenn die Mehrheit fehlt. Am Ende will Hagel als Integrator auf dem Schild stehen – ohne Kampf um die Poleposition. Ob das funktioniert? Die Strategie ist riskant. Wenn Strobl, dessen Beharrungskräfte in der Partei als legendär gefürchtet sind, nicht weicht und es im November zu Kampfkandidaturen kommt, ist auch Hagel beschädigt. Die Gefahr kennt er wohl, aber auch die Stimmen aus der Partei, die Strobls schmale 66-Prozent-Mehrheit von vor zwei Jahren zerbröselt sehen. Insofern ist Hagels Sommertour an die Basis auch ein Zählappell, wo die Truppen stehen.
Strategie mit Risiko
Auf dem Weingut Renner wünscht ihm der Seniorchef gleich zur Begrüßung „einen steilen Aufstieg“. Natürlich ist die Wahl der Parteispitze da nur eine Etappe. „Ich hänge mich voll rein, damit unser Land eine Regierungschefin oder einen Regierungschef von der CDU bekommt“, betont Hagel. Wen er als indirekten Wahlhelfer einspannen will, verrät er auch: „Ich glaube, das wünscht sich ganz heimlich auch Herr Kretschmann.“