Chance für einen Roma-Jungen Kinderstube im Dreck

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Der achtjährige Gusti wächst in Rumänien in ärmlichen Verhältnissen auf. Ein Saulgauer Verein hat ihm jetzt eine Augen-Operation ermöglicht.

Gusti wenige Tage vor seiner Augen-Operation Foto: Andreas Reiner
Gusti wenige Tage vor seiner Augen-Operation Foto: Andreas Reiner

Cidreag/Saulgau - Frei gelegte Fachwerkbalken, gepflegtes Interieur, gerahmte Kunst an der Wand. Der achtjährige Gusti kniet auf dem hochflorigen Wohnzimmerteppich und schneidet mit Engelsgeduld Papierschnipsel. Seine Mutter Maria, eine 40-jährige Roma mit pechschwarzem Haar, sitzt neben ihm und betrachtet ihn schweigend. Dieser Moment hat etwas Unwirkliches. Die beiden gehören nicht zu Bad Saulgau und zur oberschwäbischen Barockstraße, sie gehören zum rumänischen Hinterland. Eine Woche waren sie auf Besuch. „Ich bin sehr dankbar für die Hilfe. Das ist alles sehr wohlhabend hier und beeindruckend für mich“, sagt die Mutter auf Romani, „aber ich sehne mich jetzt wieder nach zu Hause.“ Ihre Heimat ist Cidreag im Grenzgebiet zur Ukraine. Ein Ort, wo die Zivilisation sich langsam aufzulösen beginnt.

Im letzten Frühling hatten sie Hepatitis im Dorf. Vielleicht lag das an den Ratten von der benachbarten Müllkippe, die hier gern vorbeischauen. Groß umgewöhnen müssen sich die Nager nicht, denn die Hütten sind aus Abfall gebaut: faulige Holzplanken als tragende Elemente, verschlissene Plastikplanen zum Abdichten, alte Lappen als Dämmmittel. Es zieht durch tausend Löcher. Bei Regengüssen verwandelt sich der nackte Erdboden in der Hütte in einen einzigen Matschteppich. Dagegen sind die höhlenartigen Lehmbauten nebenan wahre Luxusherbergen. Die Öfen haben auch hier keine Chance gegen die beinharte Winterkälte. In den schrott­reifen Geräten wird alles verheizt, was man gerade so findet, bestenfalls Holz.

In einer der Höhlen haust Gustis Familie auf zehn Quadratmetern. Der Bub liegt immer unter der schweren klumpigen Decke beim Vater, das siebenjährige Mädchen bei der Mutter. Das Männerbett ist vorne runtergebrochen, und so schlafen die beiden schon seit einiger Zeit in Schräglage wie auf einem sinkenden Boot. Gustis Familie verlässt das Bett ungern. Da ist es noch am gemütlichsten. Was soll der Vater draußen machen? Arbeit hat er eh keine. Was soll die Tochter in der Schule? Da kapiert sie eh nichts. Nur Gusti ist anders. Eine innere Uhr weckt ihn frühmorgens kurz vor sieben. Dann steht er auf, sei es noch so frostig, zieht die Schuhe an (die Straßenkleider hat er auch nachts am Leib), lässt die pofende Familie hinter sich und macht sich auf den Weg zum neuen Kinderhaus von den Deutschen. Nach dem Frühstück geht’s dann direkt zur Schule.

Die Welt am Ende der Straße

Cidreag ist ein 1200-Seelen-Dorf. Die Hälfte der Einwohner sind Ungarnstämmige. Die anderen sind Roma, sie leben am Ende der einzigen Straße in ihrer eigenen Welt. Genau genommen muss man die Romawelt weiter unterteilen. Es gibt wenige Reiche, die durch Schmuggel zu Geld kommen, ein Haus mit zwei Zimmern haben, ein Stück Land, Auto, Strom, Satellitenfernsehen – für ein Klo im Haus reicht es auch bei ihnen nicht. Es gibt die Armen. Und es gibt die Allerärmsten – ein Dutzend Familien, die am Europaplatz, wie das Quartier heißt, vor sich hinvegetieren. Man erkennt sie an ihrer unterwürfigen Haltung. Gustis Familie gehört dazu.

Die besser gestellten Roma haben ein paar Hühner, ab und zu sieht man auch mal eine Sau, aber im Grunde sind Kartoffeln das einzige Nahrungsmittel. Manche Kinder leiden wegen der Mangelernährung an Knochenschäden. Auch Gusti ist etwas schief in die Welt gebaut.

Zudem machte eine Augenfehlstellung ihn zum Verlierer. Das extreme Schielen wirkte sich auf die Motorik aus, Gusti taumelte mehr als dass er ging. Und weil er ohne spezielle Förderung keine Buchstaben lesen lernen konnte, galt er als dumm. „Dabei ist er ein richtig kluges Kerlchen“, sagt Stefan Zell, 47, der die Idee hatte, den Jungen in Deutschland operieren zu lassen.

Zells Einsatz für die Roma begann vor vier Jahren. Damals begleiteten er und seine Partnerin Heidi Haller, 46, einen Bekannten nach Cidreag. Bald interessierten sie sich für diesen rätselhaften Ortsteil, den kein ungarischer Rumäne freiwillig betreten wollte. Als Zell und Haller die Zustände dort sahen, wusste das kinderlose Paar: hier wartet eine Aufgabe. Zunächst organisierten sie von Oberschwaben aus Kleiderspenden. Schließlich wurde ihnen klar, dass es auf ganz andere Dinge ankommt. „Das mit den Kleidern war gut gemeint, aber Blödsinn“, sagt der Marketingmanager Zell. „Mildtätigkeit bringt nichts, weil sie nichts verändert.“