InterviewChansonnier Tim Fischer kommt ins Theaterhaus „Mein Publikum muss mitdenken“

Von Christoph Forsthoff 

Feste muss man feiern, wie sie fallen, sagt der Entertainer Tim Fischer. 30 Jahre Bühnenkarriere sind für ihn ein willkommener Anlass, das Genre zu pflegen, das ihm am liebsten ist: der Chanson. Die Gründe dafür verrät er im Interview.

Aus Liebe zum Chanson: Tim Fischer Foto: Sebastian Busse
Aus Liebe zum Chanson: Tim Fischer Foto: Sebastian Busse

Stuttgart - Zeitlos“ heißt Tim Fischers Programm, mit dem er am 4. Dezember im Stuttgarter Theaterhaus gastiert. Nach ziemlich wilden Zeiten in der Jugend pflegt der Chansonnier heute das Motto „Alles in Maßen“.

Herr Fischer, lieben Sie Jubiläen oder warum feiern Sie 30 Jahre Bühne so groß?

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Und das tue ich in Form eines Jubiläumsprogramms, für das ich 15 alte Lieder aus meinem Repertoire neu arrangiert habe, aber auch neue Songs präsentiere. Es gibt Stücke von zeitgenössischen Autoren wie Thomas Pigor und Sebastian Krämer, womit ich auch eine Art Kulturpflege betreibe innerhalb eines Genres, das gar nicht mehr so richtig existiert in Deutschland.

„Zeitlos“ heißt ihr Jubiläumsprogramm – ist Kunst immer zeitlos?

Nein. Es gibt auch in der Kunst Themen, die heute aktuell und morgen völlig langweilig und überholt sind. Aber es gibt eben auch diese wunderbaren Autoren wie Georg Kreisler und Friedrich Hollaender, die tatsächlich Themen aufgegriffen haben, die sich nahtlos in die Gegenwart transportieren lassen und uns heute genauso viel zu sagen haben wie damals. Leider, muss man bisweilen hinzufügen, wenn man etwa politische Umstände beleuchtet und feststellt: Das war vor achtzig Jahren genau der gleiche Missstand wie heute.

Der Chanson zweigt auch mal überraschend ab

Ist dem Chanson eine größere Zeitlosigkeit zu eigen als anderen Künsten?

Das Chanson hat ein sehr weites Spektrum und sehr viele Facetten. Es hält sich nicht wie der Schlager an der Oberfläche auf, wo der Verlauf der Geschichte schon vorher absehbar ist, sondern im Chanson gibt es sehr viele überraschende Abzweigungen.

Klingt nach einer Liebeserklärung an das Genre.

Es fordert mich einfach als Interpreten, da ich in ganz unterschiedliche Rollen schlüpfen und auch mein eigenes Ich zeigen kann. Und das spürt ein Publikum, in welchen Passagen man ihm etwas vorspielt, was durchaus auch zum Chanson gehört, und wo man ganz authentisch ist und Farbe bekennt: Ja, das liebe ich an diesem Genre.

Sehen Sie sich auch als einen politischen Sänger?

Ja, wobei ich ja kein durchweg politisches Programm habe und auch kein klassischer Polit-Sänger bin. Doch natürlich finde ich es wichtig, diese Facetten im Programm anzusprechen: Mein Publikum muss bei mir mitdenken und sich auch selbst positionieren.

Den Finger in die Wunde legen

Sind Sie lieber der traurige Clown oder der scharfe Spötter?

Für mich liegt das Geheimnis im Wechsel, den ja auch die Lieder schon vorgeben. Ich kann heute wie vor Jahren todtraurig sein, aber mich auch total des Lebens freuen, überdreht und überschwänglich sein. Oder ich suche mir eben bewusst Autoren aus, die den Finger auf die Wunde legen wie einen Thomas Pigor mit seinem gepfefferten Humor.

Sie tragen zwei Hörgeräte – ist das ein Problem auf der Bühne?

Es ist schwierig und eine Herausforderung, doch ich bin sehr froh, dass es diese Hilfen in Form von Hörgeräten gibt. Und sehr dankbar, dass bei mir noch ein großer Hörbereich vorhanden ist, denn ich ja nicht taub. Der eine trägt im Alter eine Brille, der nächste trägt einen Stock – und ich brauche eben Hörgeräte. Hauptsache, ich kann weitermachen.