Chaos bei Hertha BSC Berliner Pressestimmen zum Rücktritt von Jürgen Klinsmann

Von Marco Seliger 

Das Beben um Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC hallt in der Hauptstadt noch immer nach – wir liefern die Pressestimmen aus Berlin zum aufsehenerregenden Rücktritt des Trainers.

Schluss, aus, vorbei: Jürgen Klinsmann ist nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Foto: dpa/Gregor Fischer
Schluss, aus, vorbei: Jürgen Klinsmann ist nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Foto: dpa/Gregor Fischer

Stuttgart - Jürgen Klinsmann wollte Europa erobern und um Titel mitspielen, doch nach nur 76 Tagen war schon wieder alles vorbei: Mit seinem überraschenden Rücktritt als Trainer von Hertha BSC hat der 55-Jährige für eine Provinz-Posse beim selbst ernannten „Big City Club“ gesorgt und den Verein ins Chaos gestürzt. Klinsmann will bei den Berlinern im Aufsichtsrat bleiben, weitere Probleme scheinen damit programmiert. Wir haben die Pressestimmen aus Berlin zum Klinsmann-Rücktritt gesammelt.

Berliner Tagesspiegel: Der Eifer, mit dem Jürgen Klinsmann antrat, um Hertha in die Champions League hineinzureformieren, ist in den alten Ritzen des Klubs versickert. Am Ende waren wohl die internen Widerstände größer. Die Anhänger sahen ihren Verein zuletzt in zwei Lager gespalten: Auf der einen Seite waren Klinsmann und der Investor, die neue Hertha sozusagen. Auf der anderen Seite das alte Lager um Manager Preetz und Präsident Gegenbauer.

In seiner Abschiedsnotiz wirft Klinsmann den „handelnden Personen“ fehlendes Vertrauen in seine Arbeit vor. Ein schwerer Vorwurf. Und so wirkt seine letzte, egoistisch anmutende Amtshandlung auch ein bisschen so, als wollte er seinen Zweiflern eins auswischen, so unvorbereitet, wie es die Vereinsführung traf. Fast ist es ein bisschen schade, dass Klinsmann einfach so verschwindet. War ja plötzlich mal ordentlich was los bei Hertha. Wann konnte man das schon sagen.

Berliner Morgenpost: Nun weiß man, dass der von Klinsmann verbreitete Zauber ein fauler war. In seiner Funktion als Reformator hat er bei Hertha BSC erst jeden Stein umgedreht und nun ein schwer beschädigtes Haus hinterlassen. Schritt für Schritt hat er erst den Putz abgetragen, dann tragende Säulen entfernt.

Torwarttrainer Zsolt Petry, einer der besten seines Fachs? Durfte nie mit Klinsmann arbeiten. Athletiktrainer Henrik Kuchno? Wurde ins zweite Glied versetzt. Salomon Kalou, Vedad Ibisevic, Ondrej Duda, die drei erfolgreichsten Torschützen der vergangenen Saison? Wurden aussortiert oder verliehen.

Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Unser Kommentar zum Klinsmann-Rücktritt

Klinsmann besetzte fast alle Positionen im Trainerstab mit Vertrauensmännern, zerschlug über Jahre gewachsene Hierarchien im Team und übte großen Einfluss auf Entscheidungen aus, die Herthas sportliche Zukunft massiv beeinflussen. Viele der teuren Winterzugänge kamen auf sein Drängen.

Jetzt zurückzutreten, weil ihm nach eigener Aussage das Vertrauen einiger Personen im Verein fehlt, ist in höchstem Maße verantwortungslos. Hertha steckt mitten im Abstiegskampf, was auch daran liegt, dass Klinsmann Hertha sportlich in den letzten Wochen nicht voranbrachte. Nun benimmt er sich wie einer, der im ersten Überschwang alles kurz und klein schlägt, das Auffegen der Scherben aber anderen überlässt.

Berliner Zeitung: Jürgen Klinsmann ist seit Dienstag 10.08 Uhr nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Was so exakt zu fassen ist, weil der 55-Jährige über einen Facebook-Post seine Entscheidung ohne Absprache mit der Klubführung kundgetan hat. Das ist ungewöhnlich, passt aber irgendwie auch in das Bild, das man in den vergangenen Jahren von diesem unangepassten Menschen gewonnen hat.

Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Wie Jürgen Klinsmann den „Big-City-Club“ ins Chaos stürzt

Wobei „unangepasst“ in seinem Fall natürlich nicht nur im positiven Sinne verstanden werden darf. Bei ihm kommen einem nämlich auch gleich noch andere Adjektive wie beispielsweise „vermessen“, „seltsam“ oder „machtgierig“ in den Sinn. Klinsmann ist und bleibt ein Außenseiter, einer, der sich nicht um die Regeln anderer beziehungsweise die Regeln einer sozialen Gemeinschaft kümmert.

BZ Berlin: Jürgen Klinsmann hat über Nacht hingeworfen. Nach nur 76 Tagen. Einfach so!

Er hatte die Winterpause noch genutzt, um rund 80 Millionen Euro für seine neue Hertha auszugeben. Er hatte von „Augenhöhe mit Bayern“ als Ziel gesprochen – leere Worte, wie sich jetzt herausstellt.

Ein Abgang ohne Stil. Zumindest diese Saison hätte er als Trainer wie vereinbart zu Ende bringen müssen.

Aber nicht nur Klinsmann steht als Verlierer da.

Die Hertha-Führung hätte wissen müssen, worauf sie sich einlässt, wenn sie sich Klinsmann an Bord holen. Der Trainer, der zuvor auch schon beim DFB, den Bayern und als Nationalcoach USA angekündigt hat, jeden Stein umdrehen zu wollen.

Sie haben sich zunächst gerne in Klinsmanns Licht gesonnt, um sich dann über seine fordernde, visionäre und manchmal nervige Art zu beschweren.

Ja, sie sind den Trainer Klinsmann jetzt los – aber die Aufbruchstimmung auch.

Völlig absurd, dass Klinsmann im Aufsichtsrat bleiben soll, obwohl das Vertrauensverhältnis ein für allemal zerstört ist.

Berliner Kurier: Was ist bei Hertha BSC passiert? Ein Trainer verlässt mitten im Abstiegskampf sein Team – vor der spannendsten Phase der Saison. Oder besser gesagt: vor der großen Bewährungsprobe als Fußballlehrer. Der Rücktritt von Jürgen Klinsmann ist schlichtweg verantwortungslos. Die Ich-AG aus Kalifornien wollte in den vergangenen Wochen die persönliche Bilanz mit einer Vertragsverlängerung plus mehr Kompetenz aufbessern. Ohne nennenswerte Erfolge in seinen 77 Tagen Amtszeit.

Erst Leistung, dann Belohnung. So ist die kaufmännisch vernünftige Haltung von Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer. Es als mangelndes Vertrauen darzustellen, zeugt von irritierender Überheblichkeit. Nein, Klinsmann ist gescheitert, bevor er überhaupt richtig angefangen hat.

Dieser Blitzrücktritt sollte auch Investor Lars Windhorst zum Nachdenken bringen. Wer so geht, hat auch keinen verantwortungsvollen Posten als Mitglied der Hertha-KGaA verdient und ist der Aufgabe nicht gewachsen.

Herr Windhorst, handeln Sie bitte jetzt!