Ein stiller Akademiker kehrt im Sabbatical aus Kiel zurück in sein Dorf, um sich um seine demente Mutter und seinen grantelnden Vater zu kümmern. Dabei holen ihn familiäre Wirren und Geheimnisse ein, über die beharrlich geschwiegen wird.
Herr Hübner, was hat Sie an „Mittagsstunde“ gereizt?
Als das Drehbuch kam, dachte ich: Was ist das für eine Geschichte voller Sprachlosigkeit? Was der Krieg in Familien reingezimmert hat, dann der Kapitalismus, die ungeklärten Verhältnisse, vierfaches Schweigen. Es ist ein toller Versuch, das 20. Jahrhundert im ganz Kleinen zu beschreiben.
Der Protagonist Ingwer spricht kaum. Schauspiel-Offenbarung oder Prüfung?
Das war eher eine Befreiung, weil die Sprache oft wie ein Hindernis herumsteht. Und in ihm ist ja total viel los. Er steckt in einer klassischen Erkenntnistragödie, er stößt auf etwas, erlebt eine Katharsis, und die Rückblenden sind wie klassische Chöre, die erzählen, was früher passiert ist. Er hat nur nie gelernt, Sprache einzusetzen als vermittelndes oder erklärendes Korrektiv. Ingwer hat nichts zu sagen außer mal auf Platt: Ja, ne.
Sprachen Sie vorher schon Platt?
Ich kannte Mecklenburger Platt, aber das ist langsamer, einfacher gebaut und näher am Deutschen als das Schleswiger Geest-Platt im Film. Da sind viele urfriesische und dänische Begriffe drin, und es ist doppelt so schnell. Platt ist in meiner Generation untergegangen. Leider, weil man auf Platt den emotionalen Problemen viel näherkommt. Da hängt eher was im Raum, als dass es zu Eruptionen käme.
Wie haben Sie die Eltern-Sohn-Beziehung entwickelt mit Peter Franke und Hildegard Schmahl?
Das sind große Schauspieler und Komödianten, die Spielwut in sich haben und sich nicht schonen. Wir waren einander schnell vertraut. Die erste Szene mit Hildegard war die Offenbarung ganz am Schluss. Wir haben austariert, wie doll es Mutter und Sohn trifft, und wussten dann, was die Ziellinie ist: dass da ein weicher Moment kommt.
Ingwer überrollen Rückblenden. Wie behält man da den Überblick?
Wir haben das vorab auseinandersortiert. Aktive Erinnerungen laufen eher über den Schnitt. Gelebte Erinnerung, die man kennt von Muddern über Großvaddern, den man nie kennengelernt hat, ist eine Assoziationskette dazu im Kopf – es erinnert sich eher in einem, als dass man sich erinnert. Da braucht man die Kamera. Aber man muss aufpassen: Man kann viel Verwirrung stiften, wenn man zu viel macht.
Sie sind wie Ingwer in den Siebzigern als Gastwirtssohn aufgewachsen . . .
Das war ein Staatsbetrieb, ein Hotel im Wald, weniger Stammtisch. Aber man ist als Kind früh der Vielgesichtigkeit ausgesetzt. Bei uns war das eine ganz andere Klientel, es war auch viel mehr los als im Dorfkrug, aber wenn 500 Erwachsene betrunken schielen, ist das doch wieder das Gleiche.
„Mittagsstunde“ beschreibt auch die „Flurbereinigung“, die in Ihrer Heimat Mecklenburg erst nach der Wende kam. Wie haben Sie das damals empfunden?
Davor gab es noch etwas anderes. Als die Mauer fiel, haben die Alten gesagt: Jetzt kriegen wir unser Land zurück. Das habe ich anfangs erst gar nicht begriffen als 18-, 19-Jähriger. Ich habe wenig negativ wahrgenommen, weil so viel fehlte – auch weil man ständig erzählt bekam, was alles fehlte. Aber es kam dann auch ganz viel, was keiner haben will, das überrollte die Leute. Für viele war ihr inneres Schritttempo ein anderes als das äußere. Das ist ein Riss, eine Narbe.
Ingwer lebt in einer urbanen Ménage-à-trois mit Ragnet (Julika Jenkins) und Claudius (Nicki von Tempelhoff) – wie haben Sie die austariert?
Wir haben eine Aufstellung gemacht. Da stellte sich heraus, dass die Urbeziehung Ragnet und Ingwer waren, die dieses bürgerliche Hippietum gelebt haben. Ragnet stammt aus dem hanseatischen Bürgeradel. Irgendwann war sie mit so einem stillen Schweiger unterfordert, und der kindliche Claudius kam dazu. Ingwer war dann die ordnende Kraft in der Mitte und ist einfach stehengeblieben. Niemand hat ihm beigebracht, wie man aussteigt. Und ihn belastet das Gefühl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben, als er studieren gegangen ist.
„Mittagsstunde“ erzählt eine Selbstfindung. Gab es da Schlüsselmomente?
Ingwer sieht seinen Kumpel Heiko neu, der als Kind ein noch größerer Außenseiter war: Er ist sich treu geblieben, hat eine innere Kraft, ist lässig. Das ist ein äußerer Wink – wie die Künstlerin, die an seinen Geburtstag denkt: Es gibt noch eine andere Welt als die, die du kennst. Dazu kommt der andere Lebensrhythmus. Er geht nach Jahrzehnten als Akademiker zurück aufs Dorf, und dort kommen die Erinnerungen hoch wie Bläschen im See, wenn der Krebs wandert. Dörte hat da ganz schön was ins Schwingen gebracht, die Urfragen haben bei mir nur so geklingelt.
Sie sind beim „Polizeiruf“ Rostock ausgestiegen – was war der Grund?
Anneke Kim Sarnau und ich haben schon 2010 darüber gesprochen, wie lange man sich in so einem Format mit so einer Figur auseinandersetzen möchte. Wir durften viel ausprobieren, haben ausgelotet, wie weit wir gehen können. Die Figur hat eine innere Komplexität und ist irgendwann an Grenzen gestoßen. Wenn man das erkennt, zieht manch Spieler weiter. Auch wenn wir dann alle erst mal traurig sind.
Der Darsteller und der Film
Schauspieler
Carsten „Charly“ Hübner wurde am 4. Dezember 1972 in Neustrelitz geboren und studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Bekannt geworden ist er als Rostocker Kommissars Bukow im „Polizeiruf 110“, in dem er von 2010 bis 2022 spielte. Er war in Filmen wie dem Psychodrama „Unter Nachbarn“ oder der Actionserie „Transporter“ zu sehen. Preisgekrönt ist auch sein Dokumentarfilm über die Band Feine Sahne Fischfilet.
Mittagsstunde
ist in Stuttgart im Atelier am Bollwerk zu sehen, an diesem Freitag kommt der Regisseur Lars Jessen zur 20.30-Uhr-Vorstellung und steht nach dem Film Rede und Antwort.