InterviewChef des Bora-hansgrohe-Teams will nicht auf die Tour verzichten Radsport-Manager Ralph Denk: „Die Tour de France ist ohne Zuschauer möglich“

Von Jochen Klingovsky 

Die Corona-Krise zwingt so ziemlich jede Sportveranstaltung in die Knie, doch noch haben die Bosse der Tour de France den am 27. Juni beginnenden Wettbewerb nicht abgesagt. Das sollten sie auch nicht, meint Radsport-Manager Ralph Denk.

Die Zuschauer mach das besondere Flair der Tour de France aus, doch aus Sicht von Ralph Denk sind sie nicht zwingender Bestandteil des Wettbewerbs. Foto: imago//Vincent Kalut
Die Zuschauer mach das besondere Flair der Tour de France aus, doch aus Sicht von Ralph Denk sind sie nicht zwingender Bestandteil des Wettbewerbs. Foto: imago//Vincent Kalut

Stuttgart - Nahezu jede sportliche Großveranstaltung ist abgesagt oder zumindest verschoben worden. Die Tour de France macht noch eine Ausnahme. Ralph Denk vom Bora-hansgrohe-Team sieht im Radsport einen Sonderfall.

Herr Denk, die Olympischen Spiele sind wegen des Coronavirus auf 2021 verlegt worden, die Spiele der Fußball-EM ebenfalls. Wann wird die Absage der Tour de France verkündet?

Gar nicht, hoffe ich.

Sie glauben, dass es möglich ist, die Rundfahrt wie geplant am 27. Juni zu starten?

Ich bin kein Virologe, und selbst für die ist es ja schwierig, in die Zukunft zu schauen. Klar ist für mich nur, dass der Radsport nicht mit anderen Sportarten zu vergleichen ist.

Inwiefern?

Er findet nicht in einem Stadion oder einer Halle statt. Sondern draußen. Ich gehe davon aus, dass eine Tour de France ohne Zuschauer, die ja keinen Eintritt bezahlen und somit für die Finanzierung des Rennens keine Rolle spielen, auf jeden Fall möglich ist.

Wie soll so ein Geisterrennen funktionieren? Normalerweise stehen während der drei Wochen rund zehn Millionen Fans an der Strecke.

Es wäre natürlich mit einem deutlichen organisatorischen Mehraufwand verbunden – aber was ist in Zeiten der Corona-Krise schon einfach? Nichts! Ich denke, dass es machbar wäre, die Start- und Zielbereiche abzusperren und den Fans zu verbieten, an die Strecke zu kommen.

Wer sollte sie davon abhalten?

Singapur ist auch deshalb einer der sichersten Orte der Welt, weil es dort horrende Strafen für Vergehen gibt. Wenn die Bußgelder entsprechend hoch sind, würden es sich auch die Radsport-Fans überlegen, ob sie sich an die Strecke stellen.

Was wäre das dann noch für eine Tour?

Fraglos eine ohne Flair, ohne Stimmung, ohne Begeisterung. Aber dennoch ein Rennen mit hohem sportlichem Wert. Die Tour ist für den Radsport so elementar wichtig, dass ich lieber eine Frankreich-Rundfahrt ohne Zuschauer bestreiten würde als gar keine.

Wie würden die TV-Anstalten reagieren?

Positiv. Die Bilder wären zwar weniger schön und emotional, aber die Quoten würden steigen. Und ein solches Rennen zu übertragen wäre allemal attraktiver als die ganzen Rückblicke, die derzeit gezeigt werden.

Angeblich tun sich die Organisatoren deshalb so schwer mit einer Absage, weil sie rund 200 Millionen Euro Verlust machen würden.

Dazu kommt die Situation der Teams. Unsere Währung ist der Werbewert, den wir während einer Saison generieren. 60 bis 70 Prozent davon hängen an der Tour. Deshalb hoffe ich darauf, dass der Veranstalter mit den Gesundheitsbehörden einen Konsens findet. Was übrigens auch für die Bevölkerung nicht unwichtig wäre – irgendwann brauchen wir wieder ein Stück Normalität, sonst droht uns die kollektive Depression.

Bis wann kann sich der Veranstalter Zeit lassen mit seiner Entscheidung?

Ich habe gelesen, dass man sich selbst eine Frist bis zum 15. Mai gesetzt hat. Das finde ich in Ordnung. Unsere Planung ist voll darauf ausgerichtet, dass die Tour stattfindet.

Was bedeutet das?

Bei uns steht der erweiterte Tour-Kader – die zwölf Fahrer trainieren für das Ereignis, so gut es unter den aktuellen Umständen geht.

Wie sind die Trainingsbedingungen?

Völlig unterschiedlich, je nach Wohnort.

Geht es ein bisschen konkreter?

Marcus Burghardt ist mein Nachbar hier in Oberbayern. Er kann draußen trainieren, ­alleine zwar, aber in vollem Umfang – harte, lange Einheiten. Patrick Gamper lebt 30 Kilometer südlich in Tirol. Er darf nicht raus.

Was macht er?

Er packt sein Rad ins Auto, fährt nach Deutschland und trainiert dort. Das ist absurd, aber die Realität, in der je nach Land völlig unterschiedliche Regelungen gelten.

Das bedeutet aber zugleich, dass es, wenn die Rennen wieder beginnen, keine Chancengleichheit geben wird.

Das stimmt und ist nicht optimal. Andererseits trifft alle gleich, dass derzeit keine Wettbewerbe stattfinden, zudem kann jeder auf der Rolle Umfänge machen. Das ist zwar kein Vergnügen, aber letztlich gilt: Umfang ist Umfang. Und zugleich ist die Corona-Krise so massiv, dass nicht auf alles Rücksicht genommen werden kann. Mich stört, wenn hier zu kleinkariert gedacht wird.

Was heißt es für den Radsport, dass es derzeit kein einheitliches Doping-Kontrollsystem mehr gibt?

Ich weiß nur, dass die Anti-Doping-Agenturen erklärt haben, weniger zu testen. Im Männer-Profiradsport gibt es aber zudem noch die von den Teams und den Rennveranstaltern finanzierte unabhängige Anti-Doping-Kommission CADF. Sie hat angekündigt, weiterhin zu kontrollieren. Ich gehe davon aus, dass diese Tests auch stattfinden.

Wenn nicht?

Würde dies die Grundlage verändern, weil es eine Einladung zum Manipulieren wäre.

Was bedeutet die Corona-Krise für Ihr Team?

Da gibt es viele Aspekte.

Erzählen Sie.

Zunächst mal den sportlichen. Maximilian Schachmann hat zuletzt die einwöchige World-Tour-Rundfahrt Paris–Nizza gewonnen, einen solchen Erfolg hatten wir noch nicht oft. Wir waren, was Leistungen und Ergebnisse angeht, voll auf Kurs, umso mehr hat es geschmerzt, ausgebremst zu werden.

Welchen Aspekt gibt es noch?

Den logistischen. Irgendwann ging alles ganz schnell – plötzlich waren die Grenzen zu, fast alle Flüge gestrichen. Zugleich hatten wir noch eine größere Gruppe im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada. Es war eine große Herausforderung, alle wieder nach Hause zu bekommen.

Hat es geklappt?

Ja. Aber wir haben noch Fahrzeuge und Material in Spanien, Frankreich und Belgien. Da mussten wir einiges zurücklassen, das wir hoffentlich irgendwann zurückerhalten.

Bleibt der finanzielle Aspekt. Schätzungen zufolge arbeitet Sie mit einem 20-Millionen-Euro-Etat.

Zu Zahlen äußere ich mich nicht. So viel aber kann ich sagen: Derzeit sehe ich mein Team nicht unmittelbar in Gefahr. Unsere Sponsoren haben Reserven, sie werden ihre Verträge erfüllen. Und auch wir stehen den Fahrern gegenüber zu unserem Wort. Das ist unser wichtigster Wert.

Es gibt also keine Kurzarbeit und keine Forderungen, auf Gehalt zu verzichten?

Eine Handvoll Angestellte im Büro haben wir auf 50 Prozent reduziert. Ansonsten bauen wir Urlaub und Überstunden ab.

Was ist mit den Fahrern?

Sie haben einen Vertrag, sind bis vor zwei Wochen noch Rennen gefahren und stehen auch jetzt bereit. Es gibt für uns keinen Anlass, mit ihnen über Gehaltseinbußen zu sprechen. Da müssen wir drüber reden, wenn die Krise noch vier oder fünf Monate anhält.

Manche Ihrer Kollegen, die ebenfalls ein Team führen, äußern sich da aber deutlich pessimistischer.

Ich bin ganz sicher, dass es immer Profiradsport geben wird, egal wie lange wir nun pausieren müssen. Eine Einschränkung allerdings gibt es: Je länger die Krise dauert, umso schwieriger wird es für den gesamten Sport, Sponsoren für sich zu gewinnen. Das wird eine große Herausforderung werden.

Wie sieht Ihre Strategie aus?

Es entspricht meinem Naturell, optimistisch zu sein. Ich sehe in großen Krisen immer auch eine Chance, weil sie den Wettbewerb ausdünnen. Aktuell geht es zwar in erster Linie um die Gesundheit, aber natürlich auch darum, nach vorne zu schauen. Dabei hilft mir, was mir ein Bankmitarbeiter gesagt hat, mit dem ich einst über einen Kredit für mein Fahrradgeschäft gesprochen habe.

Wie lautete sein Rat?

Dass alles ganz einfach ist: Man muss nur besser sein als die anderen. Wer das schafft, übersteht jede Krise. Und daran arbeite ich mit aller Kraft.