Chefcoach Jordan Neuman Deshalb setzt sich Stuttgart Surge hohe Ziele

Jordan Neuman: Der Chefcoach von Stuttgart Surge hat alles im Blick und alles im Griff. Foto: Baumann/Julia Rahn

Vor dem Start der neuen Saison in der European League of Football (ELF) ist Jordan Neuman gewohnt zuversichtlich: Der Cheftrainer will mit seinem Stuttgarter Team erneut ins Finale – auch wenn das Niveau in der Liga immer höher wird.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Zum Auftakt gibt es gleich ein Topspiel: In der Fußball-Arena der TSG Hoffenheim in Sinsheim treffen die American Footballer von Stuttgart Surge an diesem Sonntag (16.25 Uhr) auf die Munich Ravens. Es ist die erste Partie des Vizemeisters in der neuen Saison der European League of Football (ELF) – die Ziele von Cheftrainer Jordan Neuman und seinem Team sind erneut hoch.

 

Herr Neuman, interessieren Sie sich für die Fußball-EM?

Mich fasziniert es, bei solchen Turnieren zu sehen, wie der deutsche Stolz hervorkommt und überall Flaggen aufgehängt werden. Diese Stimmung begeistert auch mich. Ich habe eine deutsche Frau und zwei Kinder – das ist wie eine große Feier für alle. Ehrlich gesagt interessiere ich mich allerdings nicht so sehr für den Fußball.

Auch nicht, wenn die Schweiz spielt?

Auch dann nicht.

Weil das Team der Schweiz während der EM in Stuttgart logiert und trainiert, wird das Gazi-Stadion, das normalweise die Heimspielstätte Ihres Football-Teams ist, bis Mitte Juli gesperrt sein. Ist das ein Nachteil für Stuttgart Surge?

Ich sehe dies eher als Chance.

Warum?

Weil wir die Möglichkeit haben, Football in ganz Baden-Württemberg zu verbreiten. Wir spielen einmal in Sinsheim, dann zweimal in Reutlingen – damit vergrößert sich der Bekanntheitsgrad von uns und unserer Sportart. Deshalb bin ich eher aufgeregt als enttäuscht über die Situation in Stuttgart. Sie ist, wie sie ist.

Einerseits passt das zu Ihrer Art, Dinge positiv zu sehen. Andererseits war vergangene Saison der Heimvorteil im Gazi-Stadion ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Stimmt. Aber ich bin sicher, dass wir auch in Sinsheim und Reutlingen viele Fans haben werden, die uns lautstark unterstützen.

Ihr Team hat am Sonntag erstmals ein Heimspiel in einem Stadion, das 30 000 Zuschauer fasst. Was bedeutet das?

Wir kennen eine solche Atmosphäre vom ELF-Finale in der vergangenen Saison in Duisburg. Es ist etwas ganz Besonderes – und es macht Spaß.

Das Endspiel 2023 ist ein gutes Stichwort. Ist es Ihr Ziel, erneut ins Finale einzuziehen?

Absolut. Dass wir die Meisterschaft gewinnen wollen, war mein erster Satz zur Mannschaft bei unserem Eröffnungsmeeting. Aber ich habe dann auch gesagt, dass wir nie wieder darüber sprechen werden.

Warum nicht?

Weil die Arbeit wichtiger ist als Worte.

Wie stark ist Ihr neues Team?

Stärker als in der vergangenen Saison.

Inwiefern?

Die Kontinuität spielt eine wichtige Rolle, besonders in der Offensive.

Reilly Hennessey, einer der Topspieler in der ELF, ist weiterhin Ihr Quarterback.

Richtig. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass er fertig ist mit Football, wir hatten schon einige Nachfolgekandidaten. Dann gab es irgendwann ein Gespräch zwischen ihm und mir und ich habe gespürt, dass er noch Lust hat, weiter unser Anführer zu sein.

Was ist mit der Defensive?

Wir haben uns stark verbessert, viel Qualität dazubekommen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, die Jungs endlich auf dem Feld zu sehen. Sie können eine der besten Abwehrreihen der Liga sein.

Wie viele Spieler sind aus dem Kader der vergangenen Saison noch dabei?

Um die 40.

Also fast zwei Drittel der Mannschaft. Das ist eine sehr hohe Quote.

Die Philosophie von mir und meinem Trainerteam ist, den Jungs tolle Erfahrungen im Football zu ermöglichen, auf und außerhalb des Feldes. Gelingt das, dann wollen sie bleiben, was Kontinuität ermöglicht. Und Kontinuität bringt Erfolg.

Ihr Team ist stärker geworden. Die Konkurrenz auch?

Auf jeden Fall. Ich bin nun seit 18 Jahren Spieler und Trainer im europäischen Football. In den vergangenen drei, vier Jahren ist das Niveau noch einmal deutlich gestiegen.

Woran liegt das?

Es hat viel damit zu tun, dass die europäischen Spieler außerhalb der Saison und in der Vorbereitung viel mehr Einsatz zeigen als früher. Da wird jetzt richtig professionell gearbeitet. Dazu kommt, dass im vergangenen Jahrzehnt viele europäische Spieler in die USA gegangen sind, in unterschiedlichste Ligen bis hinauf zur NFL. Es gab Zeiten, da haben solche Leute nach ihrer Zeit in den USA meist aufgehört mit dem Football. Das ist jetzt anders. Diese Generation will zurückkommen, um hier in der ELF zu spielen. Das hebt das Niveau der Liga signifikant an.

Kann die European League of Football auch ein Sprungbrett in Richtung USA sein?

Selbstverständlich – insbesondere angesichts der neuen Regel, dass jeder NFL-Club zusätzlich zur normalen Kadergröße noch einen ausländischen Profi dazu verpflichten kann. Das ist für europäische Spieler mit Potenzial sehr interessant.

Zurück zur aktuellen Qualität der ELF. Wer sind die stärksten Konkurrenten von Stuttgart Surge?

Ich sehe sieben bis acht Teams, die das Potenzial haben, Meister werden zu können. Die Saison wird noch interessanter als 2023, ich erwarte sehr viele enge Spiele. Das spricht für die tolle Entwicklung dieser Liga und des Footballs in Europa.

Wer ist der Favorit?

Titelverteidiger Rhein Fire hat, Stand heute, die besten Chancen.

Als Sie vor einem guten Jahr nach Stuttgart kamen, war Ihr Ziel, hier etwas aufzubauen und die Professionalisierung voranzutreiben. Wo steht Stuttgart Surge aktuell?

Wir sind auf einem sehr guten Weg. Im ersten Jahr haben wir einen großen Schritt geschafft, mit dem wir gezeigt haben, dass wir in der Lage sind, in Stuttgart etwas Besonderes zu machen. Doch der Kampf um eine Weiterentwicklung hört nie auf.

In welchem Bereich?

Überall auf und abseits des Feldes – das ist absolut nötig.

Warum?

Ich nenne ein Beispiel: Mittlerweile ist es üblich, dass sich Spieler mehrere Clubs anschauen, ehe sie einen neuen Vertrag unterschreiben. Je professioneller eine Franchise ist, je besser die Trainingsbedingungen sind und je überzeugender ein Trainerteam ist, umso größer sind die Chancen, die besten Spieler zu bekommen.

Jordan Neuman – der Chefcoach von Stuttgart Surge

Spieler
Jordan Neuman (40) stammt aus Fort Worth im US-Bundesstaat Texas. 2005 ging der Quarterback nach Deutschland und spielte für die Schwäbisch Hall Unicorns. Gleichzeitig war er Spielertrainer der Baseballer der Schwäbisch Hall Renegades.

Trainer
2008 beendete er seine Karriere und wurde Trainer. Als Chefcoach gewann er mit den Unicorns 2017, 2018 und 2022 den German Bowl und blieb 50 Spiele in Serie unbesiegt. 2021 und 2022 war er nebenher deutscher Bundestrainer. 2023 wechselte Jordan Neuman zu Stuttgart Surge, erreichte mit seinem neuen Club das ELF-Finale.

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