André Breitenreiter ist mit dem FC Zürich Meister geworden. Jetzt möchte er seinen offensiven Fußball sowie seinen einfühlsamen Umgang mit den Spielern auch als Cheftrainer der TSG Hoffenheim anwenden.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Wenn es sein darf, dann greift André Breitenreiter schon mal zu ungewöhnlichen Methoden: „Wenn ihr es schafft, alle bis 23 Uhr im Bus zu sitzen, dann habt ihr noch einen Tag extra frei!“, sagte der Trainer des FC Zürich also Anfang März 2022 nach einem 2:0-Auswärtssieg beim FC Lausanne-Sport am Ende einer englischen Woche. Zuvor hatte ihn der Busfahrer um eine möglichst zügige Abfahrt gebeten. Letztlich sind seine Spieler nicht nur in Lausanne zackig auf ihren Plätzen gesessen, sie sind auch drei Monate später auf dem Züricher Helvetiaplatz ganz freudig dem Bus entsprungen. Das war, als André Breitenreiter den FCZ im Premierenjahr quasi aus dem Nichts zum Schweizer Meister machte. „Es war ein Erlebnis, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Jetzt verstehen wir uns als Brüder“, erzählt der 48-Jährige rückblickend von der turbulent-ausgelassenen Meisterfeier in Zürich, der ersten seit 2009.

Seinen Vertrag bis 2024 bei den Blau-Weißen vom Letzigrund hat der ehemalige Mittelfeldspieler aber nicht erfüllt. Schuld daran war der Lockruf der TSG Hoffenheim, die als Nachfolger des entlassenen, stets nüchtern-analytisch auftretenden Cheftrainers Sebastian Hoeneß einen Fachmann mit frischem Schwung, Empathie und Leidenschaft für die Spieler suchte. „André Breitenreiter ist ein sehr ambitionierter Trainer, der mit seiner offensiv ausgerichteten Spielidee sehr gut zu uns passt“, sagt der Hoffenheimer Manager Alexander Rosen.

Hopp fordert das intrnationale Geschäft

Unter Hoeneß waren die Hoffenheimer in einem grausamen letzten Saisonviertel abgestürzt: Die TSG holte da gerade mal zwei Punkte aus den letzten acht Spielen – und wurde letztlich nur Neunter. Diesmal, so fordert es nicht nur der Club-Mäzen Dietmar Hopp, soll es die Mannschaft wieder unter die ersten Sechs schaffen, was das internationale Geschäft bedeutet. Die Messlatte für André Breitenreiter liegt also hoch.

Doch dem Ex-Profi, der beim Hamburger SV seine größte Zeit erlebte und der 2011 beim Regionalligisten TSV Havelse noch zum Trainerjob überredet werden musste – ihm ist nicht bange. Was diverse Gründe hat: „Ich möchte eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Unsere Spielweise wird nach vorne ausgerichtet sein. Wir wollen hoch pressen – und den Gegner zu Fehlern zwingen“, sagt der Trainer über seinen Spielstil, dem auch eine klare Philosophie in Führungsfragen zugrunde liegt. „Ich will intern viel kommunizieren“, ergänzt Breitenreiter, „und möchte den Menschen hinter dem Spieler kennenlernen – auch abseits des Platzes.“

Schließlich gehört der Niedersachse nicht zu den Trainertypen, die ihr Lebensglück nur über den Fußball definieren. „André ist schon ein kleiner Fußball-Nerd, der unheimlich viele Details kennt“, sagt sein Mitspieler zu HSV-Zeiten, der einstige Torwart Richard Golz: „Man kann mit ihm sehr gut trainieren – aber auch ebenso gut feiern.“

„Im Training und Spiel fordere ich viel ein“, sagt Breitenreiter, dessen Vita als Chefcoach sich sehen lassen kann: So gelang dem 48-Jährigen vor der Meisterschaft mit dem FC Zürich mit dem SC Paderborn (2014) sowie mit Hannover 96 (2019) der Aufstieg in die erste Liga. Im Mai 2016 wurde Breitenreiter auf Schalke vor dem letzten Spieltag vom neuen Manager Christian Heidel freigestellt, weil er als Fünfter die Champions League verpasst hatte. Damals dachte man bei S04 eben noch ganz groß. Zweieinhalb Jahre ist André Breitenreiter vor seinem Zürich-Engagement ohne Job gewesen. Weil die Mutter starb und er seinen dementen Vater pflegte, waren in dieser Zeit andere Dinge wichtiger.

Zwei namhafte Neuzugänge: Kabak und Prömel

In Hoffenheim muss der Chefcoach nun auf den zu RB Leipzig abgewanderten Nationalspieler und Linksverteidiger David Raum verzichten. Auf der Gegenseite gibt es zwei namhafte Neuzugänge: Da ist zunächst der ehemalige Stuttgarter Innenverteidiger Ozan Kabak, 22, der über Schalke, Liverpool und Norwich in den Kraichgau gekommen ist. Er soll der zuletzt wackeligen Abwehr neuen Halt geben. Grischa Prömel, 27, wurde einst als Spieler der TSG-Jugend aussortiert. Nach zuletzt zwei starken Spielzeiten bei Union Berlin trägt der gebürtige Cannstatter nun wieder das Hoffenheimer Trikot – und soll zum Antreiber im Mittelfeld werden.

Dass beide Neuzugänge beim wackeligen 2:0-Sieg im DFB-Pokal gegen Viertligist SV Rödinghausen in der Nachspielzeit die Tore erzielten, will der TSG-Trainer nicht überbewerten. André Breitenreiter ist sich sicher: „Wir werden als stabile Einheit auftreten.“