Chemiegewerkschaft Mehr Krawall ist kein Erfolgsrezept
Die Gewerkschaft der Chemieindustrie will in der Tarifrunde stärker mobil machen – das ist vor allem in einer krisenhaften Phase ein riskantes Unterfangen, meint Matthias Schiermeyer.
Die Gewerkschaft der Chemieindustrie will in der Tarifrunde stärker mobil machen – das ist vor allem in einer krisenhaften Phase ein riskantes Unterfangen, meint Matthias Schiermeyer.
In der Chemie- und Pharmaindustrie brechen womöglich neue Zeiten an. Die Gewerkschaft hat angedeutet, dass sie in der im Frühjahr beginnenden Tarifrunde krawalliger auftreten will als in den vergangenen Jahrzehnten. Warum wagt sie den Kurswechsel ausgerechnet jetzt, mitten in der Krise der Industrie? Vor allem sorgt sie sich nachvollziehbar um den Mitgliederbestand – dessen Erhalt ist angesichts der alternden Belegschaften eine existenzielle Frage.
Andere Gewerkschaften wie Verdi machen vor, dass sich ein intensiver Konfrontationskurs in hohen Mitgliedergewinnen auszahlen kann. Dies steckt ebenso an wie die allgemeine Proteststimmung im Lande. Offenkundig gibt es politischen Druck von der Basis, den Kuschelkurs mit den Arbeitgebern zu beenden.
Viele Jahre hat sich die Chemiegewerkschaft von der zumeist mobilisierungswilligen IG Metall offen abgegrenzt. Die eingespielte Sozialpartnerschaft, geprägt von Vertrauen und Verlässlichkeit, in Frage zu stellen, wäre freilich riskant. Und es würden auch die Erfolge in ein schiefes Licht gerückt. Durchschnittlich mehr als 73 000 Euro als tarifliches Jahresgehalt plus viele ergänzende Leistungen geben eine klare Auskunft darüber, dass die Belegschaften mit der Konsenskultur auf lange Sicht gut gefahren sind.
Die Tarifpolitik der Chemiepartner mag bisher von der Dramaturgie her relativ langweilig sein, doch sie hat die Belegschaften gestärkt. Es ist keine leere Drohung mehr, wenn Arbeitgeberverbände in der Industrie auf die Gefahr von Stellenabbau oder Verlagerung hinweisen. Dies kann eine reale Folge sein, wenn der Bogen überspannt wird.