Chemiemüll am Oberrhein Das Gift von gestern

Von Wolfgang Messner und Lars-Marten Nagel 

In einer Kiesgrube am Oberrhein liegen Tausende Tonnen Chemiemüll. Die Konzerne Roche und BASF müssen das Areal sanieren.

Peter Donath in der Kesslergrube. Der Rentner ist Gutachter der Bürger­initiative   Grenzach-Wyhlen. Foto: Silke Wernet
Peter Donath in der Kesslergrube. Der Rentner ist Gutachter der Bürger­initiative Grenzach-Wyhlen. Foto: Silke Wernet

Grenzach-Wyhlen - Der grünblaue Rhein strömt friedlich dahin, im Ufergestrüpp zwitschern Vögel, als Peter Donath mit dem Fuß im trockenen Staub der ehemaligen Kiesgrube scharrt. „Wer hier nur einen halben Meter gräbt, landet im Gift“, sagt er. Donath kann die chemischen Formeln aus dem Kopf aufsagen. Ammonium, das Fische tötet. Chlorbenzole, die Krebs erregen. Das Schwermetall Arsen, das Tumore in Lunge und Leber verursacht. Das alles haben die Behörden in hohen Konzentrationen im Grundwasser gemessen. „Aber was jetzt hier passieren soll, das ist eine Farce“, sagt Donath.

Kaum jemand kennt die Kesslergrube und die Gefahr, die von ihr ausgeht, so genau wie Peter Donath. Auf den ersten Blick ist er ein ganz gewöhnlicher Senior: 72 Jahre alt, Karohemd, beige Hose. Wenn da nicht die Anglizismen wären. Donath sagt „Environment“ für Umwelt oder „Rest of the world“ für Rest der Welt. So redet jemand, dessen Arbeitssprache lange Englisch war. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2004 flog Donath als Spitzenmanager der Schweizer Firma Ciba Spezialitätenchemie um die Welt. Zu Chemiefabriken in Asien, zu Werksgeländen in den USA, zu Chemiemülldeponien in der Schweiz.

Als Chef des globalen Risikomanagements schrieb Donath Expertisen für den Vorstand. Als Rentner schreibt er Gutachten für die örtliche Bürgerinitiative in Grenzach-Wyhlen. Er hat die Seiten gewechselt. Und das liegt auch an seinem Ex-Arbeitgeber Ciba, den inzwischen der deutsche Chemieriese BASF übernommen hat. „Das Gift muss raus aus der Kesslergrube und zwar endgültig“, sagt Donath, „aber da machen die nicht mit.“ Donath zeigt auf einen Zaun, der die Kiesgrube in zwei Teile zerschneidet. Er trennt die böse von der guten Sanierung, den Abschnitt der deutschen BASF von dem der Schweizer Roche. So sieht jedenfalls Donath die Sache.

320 000 Verdachtsfälle

Wie viel Chemiemüll in der Kesslergrube liegt, weiß niemand genau. Es gibt keine Aufzeichnungen. Schätzungen gehen von mehr als 15 000 Tonnen aus. Es könnte aber auch das Doppelte und Dreifache sein. Die chemische Industrie hat in der Kesslergrube organische Lösungsmittel, Galvanikschlamm und Schwermetalle abgekippt – oft in ganzen Fässern. Das war in den 1950er Jahren. Danach kam Schutt und Hausmüll obendrauf. „Sie hielten das für Fortschritt, weil sie das Gift nicht mehr direkt in den Rhein einleiteten“, sagt Donath. Auch die Ciba hat hier abladen lassen, aber das war vor Donaths aktiver Zeit. Der Boden ist heute dauerhaft verseucht.

So ist das vielerorts in Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Die Industrie hat den Ländern in den vergangenen 200 Jahren zu Wohlstand verholfen. Sie hat aber auch Altlasten hinterlassen. Allein in der Bundesrepublik gibt es 320 000 Altlasten-Verdachtsfälle, von denen laut Bundesumweltamt jeder zehnte saniert werden müsste. Seit Jahrzehnten war abzusehen, dass die Kesslergrube aufgeräumt werden muss. Aber der deutsche Amtsschimmel ist kein Rennpferd. Seit 1988 wird in der ehemaligen Kiesgrube gemessen, bewertet und geprüft. Seit 2011 steht fest, dass die Sanierung Pflicht ist. Sie käme noch nicht zu spät: Das vergiftete Grundwasser werde zurzeit von einem Industriebrunnen abgesaugt, heißt es im Lörracher Landratsamt. Erst wenn der eines Tages abgeschaltet wird, landen die Gifte tatsächlich im Rhein.

Dass jetzt etwas passieren muss, darüber sind sich alle einig: Peter Donath und die Bürger der Gemeinde Grenzach-Wyhlen, ihr Bürgermeister, das Landratsamt und die beiden Konzerne BASF und Roche, denen die Kesslergrube gehört. Wie das geschehen soll, darüber tobt unter den Beteiligten indes ein heftiger Streit.