Chemsex-Szene im Internet Wie gefährlich sind Poppers?

Poppers werden eingeatmet oder getrunken. Foto: /Antwon McMullen/Pond5Images

Lachgas in Automaten sorgen in Niedersachsen für Aufregung. Auch andere psychoaktive Substanzen wie Poppers sind leicht zugänglich und können online bestellt werden. Das ist nicht ohne: Die Nebenwirkungen reichen bis hin zu Erblindung und Tod.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Drogen aus dem Automaten? Dass im niedersächsischen Gifhorn Lachgas im Snackautomaten gekauft werden kann, hat für Aufregung gesorgt, besorgte Eltern schickten deshalb sogar Post an Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Aber auch andere Schnüffelstoffe wie Poppers sind leicht zugänglich und können mit ein paar Klicks im Internet bestellt werden. Das erzählt auch die heute 26-jährige Emily, die eigentlich anders heißt: „Meine Freundin hatte Poppers damals bei einem großen Online-Versandhandel gekauft.“ Als sie die Droge ausprobierte, war sie 21 Jahre alt.

 

„Poppers sind Drogen, die zu den neuen psychoaktiven Substanzen zählen und die eingeatmet oder getrunken werden“, erklärt Maurice Cabanis, Ärztlicher Direktor für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten im Klinikum Stuttgart. Die Substanz wird in kleinen bunten Fläschchen verkauft, kann mit ein paar Klicks übers Internet bestellen werden. Poppers werden auch als Raumduft oder Imprägniermittel verkauft, um sie legal zu etikettieren. Der Konsum und der Besitz sind nicht strafbar, aber der Verkauf.

Maurice Cabanis ist Suchtmediziner am Klinikum Stuttgart. Foto: Klinikum Stuttgart

Wie viele Menschen Poppers konsumieren, ist unklar. Die Versorgungswege sind schwer zu durchschauen, weil man sie aus vielen verschiedenen Quellen erwerben kann, und weil Poppers als flüchtige Substanzen zudem kaum nachweisbar sind. „Verschiedene spezialisierte Ambulanzen für Chemsex erleben in Deutschland inzwischen eine deutliche Häufung von Fällen“, berichtet der Mediziner.

Es gibt keine umfassende Definition von Chemsex. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird damit häufig der Konsum von chemischen Substanzen beim Sex verstanden, sogenannter „Chems“. Menschen, die einem solchen Drogenkonsum geschuldet ihre Sexualität verändert erleben und damit Probleme haben, können spezialisierte Ambulanzen aufsuchen.

Als Emily Poppers ausprobiert hat, ist sie im Ausland bei Freunden, hat eine gute Zeit. Um die noch intensiver erleben, testen sie chemische Drogen. „Ich habe das eingeatmet und merkte auf einmal, wie alles anfing, zu kribbeln“, erinnert sie sich zurück. Es habe sich plötzlich alles gelöst. „Ich musste immer doller lachen und konnte gar nicht mehr aufhören.“ Was anfangs witzig war, bereitete ihr zunehmend Sorgen. Während die Wirkung bei ihrer Freundin nach circa zehn Minuten nachließ, konnte sie nicht aufhören zu lachen.

Poppers vor allem in der Chemsex-Szene verbreitet

Die Wirkung und die Dauer hängen von der Dosierung, der Verträglichkeit und der Gewöhnung ab. Schaut man sich die Inhaltsstoffe von im Internet verkäuflichen Fläschchen Poppers an, ist dort von verschiedenen Alkylnitriten zu lesen. Die sind für ihre schnelle Wirksamkeit bekannt, so Cabanis. „Poppers docken an den Stellen an, die dafür verantwortlich sind, die Gefäße eng oder weit zu stellen“, erklärt der Suchtexperte die Wirkung . „Im Gegensatz zum Gartenschlauch, bei dem sich der Druck erhöht, wenn man ihn dünner macht, erweitern Poppers die Gefäße, wodurch der Blutdruck abnimmt.“

Dadurch entstehen an den Nerven in den Blutgefäßen eine Menge Reize. Das Empfinden wird stärker, Konsumenten erleben Berührungen intensiver, sind euphorisch. Auch deshalb sind Poppers insbesondere in der Chemsex-Szene bekannt, wo zum Geschlechtsverkehr chemische Drogen eingenommen werden.

„Dieser Kontrollverlust hat mir richtig Angst gemacht“, schildert Emily ihren Konsum. „Es war mir so unangenehm, dass ich irgendwann geweint habe.“ Emily war erleichtert, als die Wirkung nach einer guten halben Stunde nachließ.

Eine Nebenwirkung von Poppers, die durch die Gefäßerweiterung auftreten könne, sei ein niedriger Blutdruck, so Cabanis. Gerade in Kombination mit anderen Präparaten könne das gefährlich werden. Etwa bei potenzsteigernden Mitteln, weil sie die Gefäße erweitern. „Substanzen, die die Gefäße erweitern oder den Blutdruck senken, können dazu führen, dass der Blutdruck stark absinkt und es zu Herz-Kreislauf-Störungen kommt, im schlimmsten Fall bis hin zum Tod“, warnt der Suchtmediziner. Und mahnt auch vor der Mischung mit Alkohol: Ethanol wirke auf den Kreislauf und Stoffwechsel, könne dazu führen, dass bestimmte Substanzen langsamer abgebaut werden. Die Einnahme von Poppers bewirke auch, dass die roten Blutkörperchen den Sauerstoff nicht mehr gut binden. Dadurch kann es zu Sauerstoffmangel kommen. Auch die Gefäße am Auge sind gefährdet, insbesondere bei Glaukomen (Grüner Star). Außerdem könnten die Netzhaut beschädigt werden oder Sehstörungen entstehen.

Poppers-Verbot als Lösung?

Psychisches Abhängigkeitspotenzial habe jede Substanz, erklärt der Mediziner – was bei Poppers auch deutlich öfter vorkomme als die körperliche Abhängigkeit. Gerade wer an Ängsten leide, könne darauf kommen, nur mit der Substanz Party machen zu können. Oder Sexualität nur noch mit Poppers als reizvoll zu empfinden. Doch auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Durchfall oder Verstopfung sind bei Entzug möglich: „Bei Poppers fallen diese Symptome aber in den meisten Fällen nicht so stark aus wie bei einer Alkohol- oder Opioid-Abhängigkeit.“

„Dass es als ein anderes Produkt verkauft wird, sollte eine Signalwirkung an alle Menschen sein, dass es nicht dazu gedacht ist, inhaliert zu werden“, kritisiert Cabanis den Zugang zu Poppers als Raumduft oder ähnliches. Und findet gleichzeitig, dass ein Verbot weder diese Versorgungswege einschränken würde noch den Konsum besser regulieren könne, im Gegenteil. Er plädiert stattdessen für mehr Aufklärung – gerade was die neuen psychoaktiven Substanzen angeht: „Es wäre hilfreich, wenn die Menschen, die Aufklärung betreiben, sich besser damit auskennen würden, was in der Szene vorhanden ist und was angeboten wird.“

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