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China Die Harmonie-Pause in Peking

Von Wolfgang Molitor aus Peking 

An manchen Orten in Peking kann man ihn noch finden – den Charme des alten, weisen China.

Traditionelle chinesische Medizinprodukte müssen genau abgewogen werden. Foto: Ecopix
Traditionelle chinesische Medizinprodukte müssen genau abgewogen werden. Foto: Ecopix

Frau Doktor Wang fühlt den Puls. Zeige-, Mittel- und Ringfinger ans rechte, dann ans linke Handgelenk. Die Ärztin forscht nach dem Yin und Yang – den nach daoistischem Verständnis polaren Naturkräften des Körpers. Sie tastet nach der Ausgeglichenheit jener irden-weiblichen und feurig-männlichen Kräfte, nach denen die chinesische Medizin seit Jahrtausenden funktioniert. Doktor Wang will mit ihrer Diagnose nicht heilen, sondern vorbeugen. „Es geht um Harmonie“, sagt die Mittfünfzigerin in bestem Deutsch. Darum dreht sich alles: um Harmonie. In Kunst und Architektur, in Küche und Medizin. Von Harmonie erzählt der Koch, der Teezeremonienmeister, der Gärtner, der Apotheker. Harmonie-Pause sagt der Fremdenführer, wenn er den nächsten Pinkelstopp ankündigt.

Frau Doktor Wang zeigt einen traditionellen Apothekenwandschrank. In den Schubladen werden die unterschiedlichsten Kräutern der Traditionellen Chinesischen Medizin aufbewahrt. Sie fragt nach körperlichen Beschwerden, nickt bedächtig, wenn die mit ihrer Pulsdiagnose übereinstimmen – und verweist, Rezeptblock und Kredtitkartenmaschine zur Hand, auf die 65 Heilkräutermedikamente, die in der Pekinger Akademie der chinesischen medizinischen Wissenschaften entwickelt wurden und „seit 2001 für den Export in die USA“ zugelassen sind. Zhen Qi Jiao Nang, ein Tonikum zur Stärkung des Immunsystems. Shan He Ze, Kapseln gegen Übergewicht. Chang Xiang Yi gegen Schlafstörungen. Wen Zhuang Zhi für mehr Vitalität. „Natürlich ist das nicht billig.“ 80 Euro für 60 Kapseln, eine Monatsration. Klar, dass nicht jeder den Weg ins Institut am Nordtor des Jingshuan-Parks findet. „Zu uns kommen vor allem Ausländer und höhere Funktionäre“, sagt Frau Doktor Wang. Harmonie und Profit ergänzen sich wunderbar.

Viele Nepalesen und Tibeter arbeiten illegal, aber die Behörden sehen weg

Herr Li hat mit Harmonie nichts am Hut. Dabei lächeln ihn Tausende Buddha-Skulpturen aller Größen an. Aber sie sind die einzigen mit entspannter Miene. In Ande vor den Toren der 14-Millionen-Menschen-Metropole Chengdu, gut 2000 Kilometer von Peking entfernt, schuften junge Männer und sehr junge Frauen im Dreischichtbetrieb. Yin und Yang haben hier nichts verloren. Die Arbeiter produzieren Buddha-Figuren, löten, formen und hämmern. Mannshohe vergoldete Figuren werden tagelang mit der Hand auf Hochglanz poliert. Ammoniakgeruch beißt in der Nase. Pfützen leuchten in giftigen Blautönen. Die Wolken hängen tief. „Wenn in Chengdu die Sonne scheint, bellen die Hunde“, sagt Herr Li und lacht. Im Werkshof steht die S-Klasse der lässigen Bosse. Export-Millionäre.

Im fünften Stock eines schmuddeligen Nebengebäudes knien Nepalesen auf dicken Matten. Sie bemalen und besticken traditionelle Rollbilder mit religiösen Motiven – Buddhas, Bodhisattvas, Lamas. Vier Monate dauert es, bis ein Thangka nach strengen ikonografischen Vorschriften fertig ist. „Die Nepalesen arbeiten illegal“, sagt Herr Li und lacht wieder, „aber Thangkas können nur Nepalesen und Tibeter, da drücken die Behörden schon mal ein Auge zu.“ Herr Li wird wissen, wie man nachhilft. Frau Zhang zeigt vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografien. Ihre Viergenerationenfamilie lebt seit Jahrzehnten im Pekinger Hutong Lingdang, einem Gewirr grauer Gassen im Schatten des Gu Lou, des großen Trommelturms. Im Siheyuan, dem schattigen Innenhof, fegt Urgroßvater Zhang Herbstlaub zusammen. Die Fotos zeigen Frau Zhang als kleines Kind und junge Frau während Maos Kulturrevolution in den 1970er Jahren, als das Haus mit mehr als 50 Menschen überbelegt war. Heute ist die Familie wieder unter sich. Darüber ist Frau Zhang froh. Denn viele Hutong wurden in den Boom-Jahren abgerissen. Am Stadtrand schießen Wolkenkratzer aus dem Boden. Auf dem Weg vom Flughafen in die City sieht man einige jener 4500 Hochhäuser, die in drei Jahren für rund zwei Millionen Bewohner hochgezogen wurden.

Junge Chinesinnen: Besser im Auto weinen, als auf dem Fahrrad lachen

„There are nine million bicycles in Beijing“. Katie Meluas Hit aus dem Jahr 2005 ist ein Oldie. In Peking treten sie nicht mehr ins Fahrrad-, sondern aufs Gaspedal. Man fährt BMW, Mercedes, VW. Langversion. Sieben Millionen Fahrzeuge sind mittlerweile in der 24-Millionen-Megacity unterwegs, fünf Millionen davon privat zugelassen. Jeden Tag werden in Chinas Hauptstadt 2000 Autos neu angemeldet. Der Kauf eines Zweitwagens ist verboten. Die Entwicklung seit Olympia 2008 ist atemberaubend. Über 200000 Taxis (der Fahrpreis ist subventioniert) warten trotz des Ausbaus des 220 Kilometer langen U-Bahn-Systems auf Kunden. „Wer nach drei Jahren in seine Heimatstadt zurückkommt, erkennt sie oft nicht wieder“, sagt Frau Zhang. In ihrem gepflegten Hutong-Anwesen gibt es zwar immer noch kein Klo, das liegt 50 Meter weiter die enge Gasse hinunter und ist natürlich öffentlich. Nicht selten kommen Nachbarn in Pantoffeln oder im Schlafanzug hierher. „Dann kann ich mit ihnen ein bisschen schwatzen“, sagt Frau Zhang. Im Hochhaus gebe es so was nicht mehr. Und die Harmonie des Siheyuan erst recht nicht.

Natürlich verändert das den Alltag. „Viele Junge wissen nichts mehr von der uralten Teezeremonie, die wird in den Schulen nicht mehr gelehrt“, klagt Herr Chen, „die kennen nur noch Coca-Cola.“ Auch bei der Liebe tickten die Uhren nun anders. „Besser im BMW weinen, als auf dem Fahrrad lachen“, laute der Heiratsslogan junger Frauen. Sparbuch, Eigentumswohnung, Autoschlüssel – die neue Ehe-Harmonie.

Frau Liu trifft ihre Nachbarn morgens im Park an der alten Stadtmauer zum Qigong. Auf vielen Plätzen strecken und beugen sie sich zu Lautsprecherkommandos in konzentrierten, harmonischen Bewegungen, stärken Geist und Körper, tanken neue Energie. „Das ist noch die Mao-Generation“, sagt Frau Liu. Junge Chinesen suche man bei der frühen Meditation vergebens.

Frau Doktor Wang fühlt den Pulsschlag. Chinas Herz rast. Zum Bersten schnell.