China-Taiwan-Konflikt Wie es den Taiwanesen mit den Militärmanövern geht

Streetfood und Streitkräfte: Eine Straßenszene in Hualien, einer Stadt im Osten Taiwans. Im Hintergrund hebt ein taiwanesischer F-16-Kampfjet von einer Militärbasis ab. Foto: AFP/Yasuyoshi Chiba

China hat groß angelegte Militärmanöver mit Kriegsschiffen und Kampfjets rund um Taiwan abgehalten. Hinzu kommen offene Drohungen aus Peking gegen Taipeh. Doch was denken jetzt die Taiwanesen?

Wenn Lennon Chen rauschende Kriegsflugzeuge aus der Ferne beobachtet, wirkt er auffallend gelassen: „Ich habe keine große Angst“, sagt der Mitarbeiter eines Tempels in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. „Diesen Bedrohungen sind wir ja seit Jahren ausgesetzt, aber am Ende wurde es immer wieder ruhig.“ So werde es auch diesmal kommen. Aber ein bisschen mulmig ist dem 32-jährigen offensichtlich doch: Seinen echten Namen will er nicht in der Zeitung lesen. „Die Lage ist eben sehr angespannt. “

 

Derzeit trifft das besonders zu. Am Freitag hat die chinesische Regierung aus Peking ihre Militärübungen rund um Taiwan, die am Donnerstag begannen, noch einmal ausgeweitet. Man probe das Szenario, auf der Insel Taiwan „die Macht zu übernehmen“, erklärte ein Sprecher aus Peking. Luftwaffe, Marine, Armee und Raketentruppen haben sich rund um Taiwan positioniert. Schüsse sind nicht gefallen. Aber am Donnerstag drohte Peking schon praktisch mit Blutvergießen.

Die Manöver folgen auf die Amtseinführung des in Taiwan demokratisch gewählten Präsidenten William Lai am Montag. In seiner ersten Rede erklärte Lai auch, China und Taiwan seien sich gegenseitig nicht untergeordnet. Für das aus Peking regierte Festlandchina, das die Insel Taiwan als Teil des Territoriums betrachtet, klang das wie eine Unabhängigkeitserklärung. Eine „Wiedervereinigung mit Taiwan“ hat Peking schon öfter angekündigt, notfalls auch unter Zwang. Rückt nun ein Angriff auf Taiwan näher?

Hört man sich bei den Menschen in Taiwan um, glauben viele nicht dran. „Die meisten meiner Freunde erwarten, dass solche Militärübungen von China einfach immer wieder kommen“, sagt Lennon Chen. Umfragen – allerdings vor den jüngsten Manövern durchgeführt – bestätigen das. Im März befragte die Taiwanese Public Opinion Foundation gut 1000 Personen zur Frage, ob sie glauben, Taiwan stehe kurz vor einem Krieg mit Festlandchina. 37 Prozent stimmten zu, aber gut 50 Prozent widersprachen.

Energieimporte könnten schnell zum Problem werden

Unter Expertinnen dominiert zudem die Auffassung, dass China gar nicht in der Lage wäre, Taiwan einfach so einzunehmen. Der US-amerikanische Thinktank Center for Strategic and International Studies veröffentlichte im Januar das Ergebnis einer Befragung unter fast 90 Expertinnen aus Taiwan und den USA. Nur 26 Prozent der US-amerikanischen und 17 Prozent der taiwanischen Experten glauben demnach, dass China in den nächsten fünf Jahren einen Angriff mit seiner Marine gelingen könnte.

Allerdings schätzt die Mehrheit, dass China imstande wäre, eine Seeblockade von Taiwan durchzusetzen, womit die Insel von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten wäre. Energieimporte könnten schnell zum Problem werden, außerdem der Export ökonomisch wichtiger Elektronikprodukte. Dabei sagt auch Sana Hashmi, Fellow bei der Taiwan-Asia Exchange Foundation in Taipeh, dass selbst dieses Szenario nicht für die größte Angst sorgt. „Unter den Menschen wird das nicht viel diskutiert“, so Hashmi.

Google-Trend in Taiwan: Gerücht um Affäre eines Promis

Als die großen chinesischen Manöver begannen, beschäftigte sich die taiwanische Öffentlichkeit fast demonstrativ mit anderen Themen. Der Google-Trend im Land zeigte am Donnerstagnachmittag ein Gerücht über eine Affäre eines Promis als heißestes Thema an. Gen Hoshino, ein in Taiwan beliebter japanischer Schauspieler, soll eine Liebschaft haben. Er und seine Frau verneinen dies. Und das waren große News. „Es wird erwartet, dass die Manöver schnell wieder enden“, ordnet Sana Hashmi ein.

Hinzu kommt, dass viele Menschen in Taiwan derzeit tatsächlich andere Probleme haben. Gerade in den Städten sind die Lebenshaltungskosten hoch, die Ausbildung für junge Menschen und deren Eltern teuer. Inmitten eines prekären Arbeitsmarktes erhöht dies den Konkurrenzdruck und die Sorgen in der Gesellschaft.

Demonstrationen in Taipeh

Am Dienstag, zwei Tage vor Beginn der Militärübungen Pekings, zeigte sich dann aber doch auch die Bedeutung, die Festlandchina auf Taiwans Politik hat. Vor dem Parlament in Taipeh demonstrierten tausende Menschen, vor allem jüngeren Alters, gegen eine Initiative der parlamentarischen Opposition, die die Arbeit des Präsidenten enger kontrollieren will. Für Proteste sorgt das Vorhaben, weil nach der Wahl im Januar, die den chinaskeptischen William Lai zum Präsidenten machte, das Parlament nun von den Parteien KMT und TPP dominiert wird. Diese zwei Parteien suchen mit dem Festland eher den Austausch als es Lais Partei DPP vorschwebt. Die Protestierenden befürchten, dass die Opposition auf diese Weise die Versuche des Präsidenten Lai, Taiwan auch ökonomisch möglichst eigenständig gegenüber China zu machen, ausbremsen will. Die große Mehrheit in Taiwan – besonders jüngere Menschen – sieht China als Bedrohung: Laut einer Befragung durch das Pew Research Center im September 2023 empfinden 66 Prozent der Gesamtbevölkerung China als „große Bedrohung“, bei den unter-35-jährigen sind es gar 72 Prozent.

Beziehungen zu anderen Staaten intensiviert

Dass Peking wirklich einen Angriff auf Taiwan starten wird, können sich viele Menschen allerdings schlicht nicht vorstellen. Das könnte auch daran liegen, dass Taiwan in den letzten Jahren die Beziehungen zu anderen demokratischen Staaten intensiviert hat. Die Regierung in Taipeh hat zudem erklärt, auf einen Angriff Chinas vorbereitet zu sein. Dabei dürfte sie vor allem auf Unterstützung durch die USA sowie Japan hoffen.

Die japanische Regierung hat sich mit Statements zunächst zurückgehalten. Am Montag findet ein seltener trilateraler Gipfel in Seoul statt. Neben dem Gastgeber, dem Präsidenten Südkoreas, nehmen auch hohe Regierungsvertreter aus Japan und China teil.

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