Chinesen verlassen ihr Land Flucht vor der Repression in Xi Jinpings China

Staatschef Xi Jinping verschärft die Repression in China. Foto: imago/Ju Peng

Wegen Wirtschaftskrise und Repression suchen immer mehr Chinesen ihr Glück im Ausland. Sie gehen ein hohes Risiko ein.

Es ist nicht neu, dass Migranten den gefährlichen Darién-Urwald zwischen Kolumbien und Panama überqueren, um ihren Traum von einem besseren Leben in den USA zu verwirklichen. Seit einiger Zeit jedoch wählen auch immer mehr Chinesen die lebensgefährliche Route. Eine von ihnen ist Zhang Shangming, die dem US-Fernsehsender Voice of America ein Interview gab: „Ich wollte mein Kind in ein freies Land bringen – ganz egal, wie schwierig es sein würde“, so die Chinesin.

 

Sie ist nicht alleine. Als die Behörden in Panama im Vorjahr über 2000 chinesische Migranten registrierten, führten die meisten Beobachter die ungewöhnliche Emigrationswelle noch auf die rigide „Null Covid“-Politik zurück: Teils monatelang sperrte die Regierung Millionen von Bürgern in ihre Wohnungen ein, was massives menschliches Leid verursachte und etliche wirtschaftliche Existenzen zerstörte.

Immer mehr Chinesen auf der Flucht durch Südamerika

Umso erstaunlicher ist, dass die Migrationszahlen seit Ende 2022 – dem Zeitpunkt, als die Behörden sämtliche Covid-Beschränkungen aufhoben – nicht zurückgegangen sind, sondern regelrecht explodierten: Allein in den ersten drei Quartalen 2023 wurden in Panama über 15 500 Chinesen registriert, die sich auf dem Weg in die USA machten. Damit stellen sie mittlerweile nach Venezolanern, Ecuadorianern und Haitis die viertgrößte Volksgruppe dar. An der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten wurden zwischen Januar und September mehr als 22 000 Chinesen beim illegalen Grenzübertritt festgenommen. Wie hoch die Dunkelziffer der erfolgreichen Fluchtrouten ist, lässt sich kaum seriös eruieren.

Dass Menschen aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt eine der gefährlichsten Migrationsrouten durch Zentralamerika riskieren – vorbei an Sümpfen, reißenden Flüssen und kriminellen Banden – , wirft ein Schlaglicht auf die wirtschaftliche Misere und das politisch repressive Klima in der Volksrepublik. Denn es handelt sich keineswegs um die Ärmsten der Armen, die aus ihrer Heimat fliehen. Schließlich müssen sie sich zumindest das Flugticket nach Ecuador leisten können – dem einzigen Land in der Region, welches eine visumfreie Einreise für chinesische Staatsbürger erlaubt.

Video-Tutorials für die Flucht in die USA

Offenbar hat sich die Stimmung in China gewandelt. Noch 2021 schrieb die Parteizeitung „Global Times“, dass die Attraktivität der USA für Chinesen stark nachlasse. „Gewöhnliche Chinesen wollen nicht einmal in die USA reisen, geschweige denn einwandern“, so ein Kommentator. Zu jenem Zeitpunkt herrschte noch das Mantra vor, das Staatschef Xi Jinping stets beschwört: Der Osten unter chinesischer Führung ist im Aufstieg, während der Westen allmählich verfällt.

Seither hat sich das Blatt gewandelt. Die Jugendarbeitslosigkeit in Chinas Städten ist auf über 20 Prozent angestiegen, ehe die Behörden die Statistiken kurzerhand unter Verschluss nahmen. Auch das politische Klima unter Xi Jinping ist repressiver geworden, insbesondere für gesellschaftliche Randgruppen. Viele Chinesen wählen mit den Füßen: Die Vereinten Nationen schätzen, dass 2023 rund 310 000 Staatsbürger das Land verlassen werden – vor einer Dekade waren es lediglich 120 000.

Suchanfragen auf Onlineplattformen belegen diesen Trend: Die Schlagwörter „Auswandern“ oder „gute Einwanderungsländer“ stiegen dramatisch an. Seit einigen Monaten kursieren auch Video-Tutorials, die über die gefährliche Route durch den Darién-Urwald in Zentralamerika aufklären: von der notwendigen Gepäckausrüstung bis hin zum Bestechen von Grenzbeamten.

Auch Jun möchte China verlassen. „Ich arbeite darauf hin, eines Tages mit meiner Familie in die USA zu ziehen“, sagt der Chinese, dessen Identität anonym bleiben soll. Seine Entscheidung habe keine wirtschaftlichen Gründe. Doch seit Jun begann, mithilfe einer VPN-Software auch kritische Nachrichten von Medien und Bloggern aus dem Ausland zu lesen, habe er das Gefühl, mit etlichen Lügen leben zu müssen. Und genau das möchte er seinem Kind ersparen.

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