Christel Binder geht mit 70 in den Ruhestand Eine Esslinger Rektorin und ihre Visionen für eine bessere Schule

„Lehrerin ist mein Traumberuf“, sagt Christel Binder, Rektorin der Schule Innenstadt. Jetzt geht sie in Ruhestand. Foto: Roberto Bulgrin

Christel Binder hat die Esslinger Schullandschaft viele Jahre mitgeprägt. Angetrieben hat sie die Idee, die Schule zu einem besseren Ort zu machen. Mit 70 Jahren geht die Rektorin der Schule Innenstadt in den Ruhestand.

„Ich wollte immer Lehrerin werden, es ist Berufung und mein Traumberuf“, sagt Christel Binder, die Rektorin der Esslinger Schule Innenstadt. Bei ihr ist das nicht so dahin gesagt. Man sieht es allein daran, dass sie ihren Ruhestand hinausgeschoben hat, bis es gar nicht mehr anders ging. In diesem Monat wird sie 70, eine weitere Verlängerung war damit unmöglich. Von Mai an übernimmt Jörg Hofrichter die Leitung der Gemeinschaftsschule. Der 51-Jährige war zehn Jahre lang Leiter des Staatlichen Schulamts Göppingen und kehrt nun zurück in den Schuldienst.

 

1998 wurde Christel Binder Rektorin der damaligen Wolfstorrealschule, ab 2004 zudem geschäftsführende Schulleiterin der Esslinger Grund-, Real, Gemeinschafts- und Sonderschulen. Für sie sei es immer wichtig gewesen, dass jede Schülerin und jeder Schüler gut lernen kann, sich aufgehoben fühlt in der Schule und Wertschätzung erfährt. Ein kumpelhafter Typ war sie nie, schon eher eine Respektsperson, die in ihrem Gegenüber aber immer das Gute gesehen hat. „Ich will das Beste für die Kinder, dafür muss man auch mal streng sein“, sagt sie. Die Gemeinschaftsschule ist für sie die optimale Schulart, denn sie gebe den Kindern Zeit, sich zu entwickeln. Geprägt ist sie auch von ihrer eigenen Kindheit. Dass sie als Tochter einer Arbeiterfamilie auf der Ostalb Abitur machte und studieren konnte, war damals eine Ausnahme.

Wie Schule Persönlichkeit bildet

Zu ihrer offiziellen Abschiedsfeier hielt sie keine Rede. Ihre Stationen und alles, was ihr wichtig war, hat Christel Binder in einen Film gepackt und in Frank-Sinatra-Manier vertonen lassen: „ I did it my way – ich tat es auf meine Weise“. Im Gemeindehaus am Blarerplatz traten Schülerinnen und Schüler auf und musizierten. So hatte sie es sich gewünscht. Christel Binder ist zwar durch und durch Naturwissenschaftlerin, hat die Fächer Mathe und Bio studiert. Kunst und Kultur liegen ihr aber am Herzen. „Es darf nicht nur das Fachliche im Vordergrund stehen, sondern Schule soll auch die Persönlichkeit bilden“, ist Christel Binder überzeugt.

Rektorin möchte Bühnenluft schnuppern

Sie ist ein begeisterter Ballett-Fan und Stammgast beim Stuttgarter Staatsballett. Zusammen mit ihrem Mann, einem pensionierten Schulrektor, hat sie vor vielen Jahren damit begonnen, junge Tanztalente zu unterstützen. Von denen haben es einige weit gebracht, allen voran Demis Volpi, der in diesem Jahr die Nachfolge von John Neumeier antreten und als Ballettdirektor von Düsseldorf nach Hamburg wechseln wird. Mit ihm und anderen Schützlingen halten sie weiterhin Kontakt. Künftig möchte Christel Binder als Statistin auch gerne selbst Bühnenluft schnuppern.

„G 9 ist überflüssig“

Wenn es um die Entwicklung der Esslinger Innenstadtschulen geht, zitiert Christel Binder gerne den Philosophen Heraklit: „Die einzige Konstante ist die Veränderung.“ Feste Größe in diesen turbulenten Zeiten seit 2003 mit wechselnden Schularten, Umzügen und Schulfusionen rund um Klaraanlage und Schillerpark war die Schulleiterin selbst. Weil nach jeder Rochade aus Behördensicht eine neue Schule entstanden war, hat das absurderweise dazu geführt, dass die erfahrene Rektorin stets erneut eine Probezeit bekam – summiert waren es am Ende zehn Jahre. Ihre letzte endete erst im vergangenen Juli. Denn 2021 bekam die Schule Innenstadt die gymnasiale Oberstufe bewilligt, was wieder eine Änderung bedeutete. Derzeit macht der erste Jahrgang das schriftliche Abitur. Für Christel Binder ist das ein Meilenstein. „Eine Schule, die für drei Abschlüsse ausbildet, muss auch alle anbieten dürfen“, findet sie. Die Wiedereinführung von G 9 an Gymnasien hält sie indes für überflüssig. Neun Jahre bis zum Abitur sei an Gemeinschaftsschulen längst Realität.

Die Anfeindungen haben Kraft gekostet

Sie sei stets offen für Veränderungen gewesen, sofern diese zum Vorteil für die Schülerinnen und Schüler waren, betont Binder. Als Befürworterin der Schulfusionen musste sie aber Kritik einstecken und es wurde ihr unterstellt, dass es ihr vor allem um die eigene Karriere gehen würde. „Es hat auch viel Kraft gekostet“, so Binder rückblickend. Aufgeben war trotzdem nie eine Option. Visionen von guter Schule weiterzuentwickeln, systemisch zu denken, das habe sie begeistert. Sie wisse, dass sie von ihren Kolleginnen und Kollegen immer viel verlangt habe. „Wir waren ein tolles Team“, schwärmt sie.

Begegnung Berggorillas in Uganda

An den Ruhestand werde sie sich erst mal gewöhnen müssen. Sie wird sich weiter engagieren, unter anderem für Scora, ein Projekt des Regierungspräsidiums, mit dem Schulen im Land bei ihrer Arbeit gegen Rassismus und Antisemitismus unterstützt werden. Aber sie freut sich auf den neuen Lebensabschnitt, in dem sie viel reisen möchte. Demnächst startet Binder mit ihrem Mann zu einem Trip in die Südsee. Wagemutig war sie schon immer, wenn es darum ging, neue Welten zu entdecken, auch ihre Flugangst konnte sie nicht aufhalten. Unbedingt noch sehen möchte sie die Antarktis, Südamerika und vor allem die Berggorillas in Uganda.

Esslinger Schulentwicklung

Oberstufe
Die gymnasiale Oberstufe für die Schule Innenstadt, die 2021 starten konnte, war ein Politikum in Stadt und Kreis Esslingen. Eine Elterninitiative hatte sich dafür starkgemacht. Dennoch war der Antrag nur mit knapper Mehrheit durch den Gemeinderat gegangen. Gegenwind gab es von vielen Seiten, von den allgemeinbildenden Gymnasien vor Ort genauso wie von Landrat Einiger und den beruflichen Schulen.

Innenstadtschulen
2003 fusionierte die Wolfstorrealschule mit der Schillerrealschule und wurde ab 2015 zur Gemeinschaftsschule am Schillerpark, später in Schule am Schillerpark umbenannt. Diese Schule wiederum musste mit der Katharinenschule – auch eine Gemeinschaftsschule, die aus einer Fusion der früheren Schiller- und Burgschule hervorging – eine Zwangsehe eingehen. 2017 entstand die Schule Innenstadt mit regulär vier Zügen.

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