Christliche Kultur Zwischen Pest und Corona

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Oberammergau muss seine weltberühmten Passionsspiele verschieben – nur acht Wochen vor der geplanten Premiere.

Proben auch bei Frost; der Frust kommt jetzt erst: Regisseur Christian Stückl vor der Kreuzigungsszene von Oberammergau Foto: dpa/Lino Mirgeler
Proben auch bei Frost; der Frust kommt jetzt erst: Regisseur Christian Stückl vor der Kreuzigungsszene von Oberammergau Foto: dpa/Lino Mirgeler

München - Es ist, als schlüge die Pest zurück. 387 Jahre, nachdem die Oberammergauer mitten in der Epidemie gelobten, „das Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ alle zehn Jahre als Theaterstück aufzuführen, haben sie nun die unmittelbar bevorstehende Wiederholung abgesagt. „Corona“ oder „Covid-19“ heißt heute, was 1633 „Pest“ hieß. Und galt das Gelöbnis seinerzeit für den Fall, dass Oberammergau von der Seuche verschont bliebe, so ist die fromme Rettungsabsicht diesen Donnerstag an einer „Risikoeinschätzung“ der staatlichen Gesundheitsamtes zerschellt.

Am 16. Mai sollte die Premiere sein; 103 Aufführungen waren bis hinein in den Oktober geplant; 450.000 Gäste aus buchstäblich der ganzen Welt hatte man in Oberammergau erwartet. Dort war schon seit Monaten das halbe Dorf auf den Beinen. Von 5000 Einwohnern wollten etwa 2400 an dem Schauspiel mitspielen oder mitwirken, junge, alte, alle; seit Aschermittwoch 2019 wuchern Bärte wie Haupthaar bei den Darstellern und Darstellerinnen; 15 Millionen Euro waren jetzt schon für die Vorbereitungen ausgegeben – und das Volk hatte bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stundenlang die Massenszenen im offenen Schauspielhaus geprobt, unter der furiosen Regie eines Christian Stückl, der immer in Hemd und offener Jacke herumwirbelte.

Wie damals, nach dem Großen Krieg

Corona ist zwar bis heute ebenso wenig nach Oberammergau vorgedrungen wie 1633 die Pest, aber Gesundheits- und Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen sind sich sicher, das werde nicht so bleiben. „Bis in den Herbst hinein“, so heißt es in der behördlichen Risiko-Analyse, werde „eine Veranstaltung in der Größenordnung der Passionsspiele nicht möglich“ sein, ohne Mitwirkende und Gäste zu gefährden. Selbst wenn sich die heute exponentielle Zunahme der Erkrankungen unterbrechen ließe, so bestehe doch „über einen langen Zeitraum ein hohes Risiko, dass immer wieder Infektionen auftreten.“ Fazit: „Aus gesundheitspräventiver Sicht ist die Veranstaltung daher zu untersagen.“

Lange haben Gemeinde, Landratsamt und Spielleitung um den Entschluss gerungen. Noch am Dienstag sagte der Jesus-Darsteller und Pressesprecher Frederik Mayet: „Wir wissen nichts, wir wissen nichts.“ Der Gemeinderat diskutierte alle möglichen Szenarien, auch die versicherungsrechtliche, sprich die Frage: Wer trägt am Ende die Kosten einer Absage?

Heraus kam folgendes: um auf der sicheren Seite zu sein, wird die Passion 2020 nicht um Wochen oder ein paar Monate, sondern gleich um zwei Jahre verschoben. Premiere soll am 21. Mai 2022 sein. Auch dafür gibt’s eine geschichtliche Analogie: schon 1920, also vor genau hundert Jahren, hat Oberammergau die Spiele verschoben. Damals taten sie es wegen der vielen Gefallenen im Ersten Weltkrieg, und irgendwie trug das Abstandhalten schon damals seine Früchte: für das Passionsspiel 1922 schließlich verzeichnet die Oberammergauer Chronik einen „unerwartet hohen Besucherandrang.“




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