Christoph Maria Herbst über Satire „Stromberg würde AfD wählen“

Schauspieler Christoph Maria Herbst bei der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises Foto: dpa/Annette Riedl

Schauspieler Christoph Maria Herbst spricht im Interview über das Wahlverhalten seiner Paraderolle Stromberg, universellen Humor und Kurt Tucholsky.

Christoph Maria Herbst ist eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Insbesondere mit Komödien hat sich der 57-Jährige einen Namen gemacht. Im Interview spricht er über die Grenzen der Comedy.

 

Herr Herbst, in Ihrem neuen Film „Ein Fest fürs Leben“ versinkt eine minutiös geplante Hochzeit im Chaos. Haben Sie etwas Ähnliches schon einmal auf einem Filmset erlebt?

In der Form wie im Film nicht, nein. Was dem vielleicht etwas nahekommt, war ein Erlebnis am Set des „Stromberg“-Films: Die Handlung spielt im Frühjahr, gedreht haben wir aber im Februar. Eines Nachts fielen dann bestimmt über 20 Zentimeter Schnee. Die Produktion musste deshalb kurzerhand Flammenwerfer organisieren, um den Schnee zu schmelzen.

Ihre Filmfigur Dieter aus „Ein Fest fürs Leben“ bleibt lange professionell und ruhig, aber irgendwann ist auch seine Geduld hinsichtlich des ganzen Chaos am Ende. Gibt es auch etwas, was Sie auf die Palme bringen kann?

Puh, auf die Palme bringen so jetzt nicht. Was mich aber etwas stört, ist, wenn jemand unvorbereitet zur Arbeit erscheint. Das ist einfach mies gegenüber dem restlichen Team, denn einem Kollegen ist dann unter Umständen zu verdanken, dass alle Überstunden machen müssen, nur weil er seine fünf Zeilen nicht auswendig weiß.

Hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere am Theater vor mehr als 30 Jahren gedacht, dass Sie einmal primär im Komödienfach landen werden?

Nein. Als ich in Wuppertal zum ersten Mal auf der Bühne stand, schien diese Welt noch weit entfernt. Wir waren damals nicht so viele Mitglieder im Schauspielensemble und deshalb musste jeder mal jede Rolle übernehmen – zum Glück! So konnte ich mich in fast jeder Sparte ausprobieren. Mit der Zeit ging es dann immer mehr in Richtung Komik. Aus dem simplen Grund, dass mir diese Art des Spiels am meisten Spaß gemacht hat.

Gibt es eine Rolle, die Sie gerne spielen würden, die auf den ersten Blick nicht Ihrem Typus entspricht?

Ich würde gerne mal in einem Psychothriller mitspielen, als Bösewicht, einen richtig durchtriebenen Schurken. Aber ich habe auch noch Zeit, ich bin ja erst 57.

Wo wir schon beim Ekel sind: Wir müssen über Ihre Paraderolle Bernd Stromberg sprechen. Glauben Sie, die Serie könnte angesichts der Debatten um Wokeness und politische Korrektheit heute noch produziert werden?

Nun ja, die Serie läuft auf den Streamingdiensten weiterhin hoch und runter und es scheint sie noch keiner „canceln“ zu wollen. Ob sich ein Studio aber heute noch trauen würde, Stromberg in der gleichen Machart zu produzieren, kann ich schwer einschätzen. Man müsste sich zumindest sensibler herantasten und bei manchen Formulierungen aufpassen.

Inwiefern aufpassen?

Also was der Stromberg da so von sich gibt, war und ist natürlich bewusst grenzwertig. Angesichts manch eines Spruchs kann man schnell zu dem Gedanken kommen: Der würde heute bestimmt AfD wählen. Dazu kommt, dass Aussagen im Zeitalter von Social Media oft kontextfrei gepostet werden. Da könnte schnell Jubel von Seiten kommen, auf die man eigentlich gar nicht abzielt. Dennoch muss es natürlich Formate geben, die den Leuten auf den Schlips treten und unbequem sind. Und das wäre bei Stromberg auf jeden Fall so.

Darf Comedy denn wehtun?

Hinsichtlich unserer deutschen Geschichte gibt es gewisse Witze, die ich nicht machen würde. Bei Humor muss aber jeder seine eigene Grenze festlegen. Im Großen und Ganzen halte ich es mit Kurt Tucholsky. Was darf Satire? „Alles.“

Gab es Comedians, die Sie sehr geprägt haben?

Sehr viele! Einer der ersten war Didi Hallervorden. Die Sketche aus seiner Sendung „Nonstop Nonsens“ habe ich damals auf dem Schulhof unter dem Gelächter meiner Klassenkameraden nachgespielt. Dann hatte ich zeitweise auch mal eine Otto-Waalkes- oder Jerry-Lewis-Phase – all die Großmeister. Über allem thront aber Vicco von Bülow alias Loriot. Dieser scharfe Blick auf das menschliche Miteinander, das Sezieren von Beziehungen, das Setzen von Pausen vor der Pointe. Da habe ich mich schon in meiner Kindheit halb totgelacht und später eine Menge abgeguckt.

Ist Humor aus Ihrer Sicht länderspezifisch oder gibt es universelle Komik, über die überall gelacht wird?

Zu einem gewissen Grad ist Humor länderspezifisch. Eine Komödie, die hier funktioniert, muss noch lange nicht im Ausland gut ankommen – und umgekehrt. Persönlich konnte ich das bei einem Kinobesuch in Myanmar erleben. Da lief eine überdrehte myanmarische Komödie, die schon ins Infantile abdriftete. Erwachsene haben sich wie Kinder benommen und auch so geredet. Mein Fall war es jetzt nicht, aber die Menschen um mich herum lagen vor Lachen am Boden. Ob der Film in Deutschland Erfolg hätte, wage ich zu bezweifeln. Dennoch gibt es natürlich aber auch universellen Humor. Die gut platzierte Torte im Gesicht oder die gute alte Bananenschale regen die Menschen in Südafrika oder Grönland genauso zum Schmunzeln an wie hierzulande, schätze ich.

Was bei „Ein Fest fürs Leben“ auffällt, ist, dass das Team von Dieter sehr divers aufgestellt ist. Dem steht die Hochzeitsgesellschaft gegenüber, die gut betucht erscheint und sich vor allem aus weißen Menschen zusammensetzt. Zufall oder wollte man die sich verändernde Gesellschaft abbilden?

Gute Beobachtung, da ist etwas dran. Hochzeitsplaner Dieter wäre ohne sein buntes Team aufgeschmissen, was eine schöne Allegorie auf unser Land ist. Denn viele verneinen ja immer noch, dass wir ein Einwanderungsland sind. Aber ohne Einwanderung läuft es nicht, wie man derzeit in vielen Branchen sieht.

Ist es wichtig, dass Filme gesellschaftliche Veränderungen und die zunehmende Diversität widerspiegeln?

Nein, nicht zwingend. In „Ein Fest fürs Leben“ passt es vom Grundtenor des Films. Dass das Ensemble so divers aufgestellt ist, ist ja auch kein Zufall, da achten Medienmacher inzwischen mehr drauf. Und das finde ich auch gut. Aber man darf es nicht erzwingen, wenn es unpassend wirkt.

Was wäre für Sie erzwungen?

Räuber Hotzenplotz muss nicht zwingend von einem Zulu gespielt werden, nur um mit dem Zeitgeist zu gehen. Wenn es einfach nur noch bemüht woke wirkt, leidet darunter oft die Geschichte und die Zuschauer fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Ich bin eher ein Freund davon, derartige Elemente einfließen zu lassen, ohne sie groß zum Aushängeschild zu machen.

Dann sind Sie wohl auch nicht der größte Freund von Besetzungsquoten?

Da schlagen in meiner Brust zwei Herzen. Auf der einen Seite finde ich es super, dass Menschen, die wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung lange nur ein mediales Nischendasein geführt haben, ihren gebührenden Platz in Produktionen bekommen. Auf der anderen Seite darf es jedoch nicht sein, dass man ein künstlerisches Werk nur aufgrund irgendwelcher Quoten für diese oder jene Bevölkerungsgruppe beschneidet.

Beschneidet?

Mal angenommen, der Cast eines Films soll wegen Quoten zu zehn Prozent mit Schauspielern mit asiatischen Migrationshintergrund besetzt werden. Nun gibt es natürlich nicht nur gute asiatische Schauspieler. Dann wäre es ärgerlich, wenn man wegen einer Quote die schlechten Schauspieler den guten vorziehen müsste, nur weil diese nicht den Vorgaben der Quote entsprechen. Das betrifft umgekehrt aber natürlich auch uns „Biodeutsche“. Rollen sollten immer an die verliehen werden, die sie am besten spielen. Viel sinnvoller finde ich es, Schauspieler aus marginalisierten Gruppen dahingehend zu fördern, dass sie verstärkt Zugang zu Castings finden. Ab dort müssen sie sich selbst beweisen.

Zur Person

Karriere
Der 1966 in Wuppertal geborene Schauspieler hat sich durch vielfache Tätigkeiten einen Namen in der Unterhaltungsbranche gemacht. Nach Anfängen an Theatern in Wuppertal, Dinslaken und Bremerhaven folgte 1997 der Sprung ins Fernsehen. Zunächst Rollen in der Sendung „Ladykracher“. 2004 dann der große Durchbruch als Abteilungsleiter Bernd Stromberg in der gleichnamigen Mockumentary.

Preise
Für die Rolle des „Ekelchefs“ erhielt der gelernte Bankkaufmann 2006 den Adolf-Grimme-Preis sowie in den Jahren 2005, 2006 und 2007 den Deutschen Comedypreis. Neben seinen Auftritten im Fernsehen ist Herbst oft im Kino zu sehen. Sein neuester Film „Ein Fest fürs Leben“ erscheint am 19. Oktober in den deutschen Kinos.

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