"Sich vor Angst in die Hose machen" oder "eine schwere Last auf den Schultern tragen" - diese Sprichwörter sind eigentlich jedem bekannt.
Dennoch sind psychosomatische Erkrankungen und Symptome weiterhin gesellschaftlich stark stigmatisiert. Woran liegt das und wie können Betroffene zur Linderung Ihrer Beschwerden beitragen? Wir haben bei dem Stuttgarter Diplompsychologe Oliviero Lombardi nachgefragt.
Im alltäglichen Sprachgebrauch sind psychosomatische Phänomene sehr verbreitet, in unserer Gesellschaft aber weniger akzeptiert. Was sind die Gründe dafür?
Der Körper ist das Vehikel für die Seele. Wenn das Vehikel mal streikt oder in die Inspektion muss, ist das für viele Menschen in Ordnung. Aber die Seele infrage zu stellen, fällt schwerer. Es ist also ein Schutzmechanismus, der greift, wenn wir unser „Ich“ infrage gestellt sehen. Das fällt noch schwerer, sollten Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl ohnehin nicht gut ausgeprägt sein. Deshalb fällt es Menschen besonders schwer, zum Psychologen zu gehen, wenn sie psychisch bereits instabil sind
Was sind typische körperliche Symptome, die im Zusammenhang mit Stress oder anderen psychischen Belastungen auftreten?
Stress bewirkt in unserem Körper die Ausschüttung von Adrenalin. Das Adrenalin sorgt dann dafür, dass der Mensch körperlich auf Kämpfen oder Flüchten vorbereitet ist. Das heißt, der Blutdruck, die Herzfrequenz und der Muskeltonus erhöhen sich. Bleibt dieser Körperzustand über eine lange Zeit oder wiederholt bestehen, ergeben sich daraus (chronische) Erkrankungen.
Ein erhöhter Blutdruck ist zum Beispiel eine typische Managererkrankung und kann zu Herzproblemen führen. Ein erhöhter Muskeltonus macht oft Rückenschmerzen, Nackenschmerzen und Kopfschmerzen. Unter Stress fangen wir an mit den Zähnen zu knirschen und selbst die Stimmbänder können heiser werden. Außerdem wird der Magendarmbereich vernachlässigt, was zu Magengeschwüren führen kann, weil nicht mehr richtig verdaut wird. Oder man macht sich eben in die Hose bei akuter Panik, weil der Schließmuskel nicht ausreichend kontrolliert wird.
In welchen Situationen kommt es Ihrer Erfahrung nach gehäuft zu psychosomatischen Beschwerden?
Stress ist auf eine kürzere Zeit begrenzt oder bei ausreichender Kompensation unproblematisch. Nur durch dauerhaften Stress entstehen Folgeerkrankungen, da die persönlichen Ressourcen schwinden. Zu den Folgeerkrankungen gehören übrigens auch Burn-out oder Panikattacken.
Da es vielleicht für manche ein Fremdwort ist, wie würden Sie den Begriff der Psychosomatik erklären?
Der Begriff beschreibt die Verbindung zwischen Psyche und Körper, denn Soma bedeutet Körper. Heute ist es völlig unstrittig, dass so gut wie alle Krankheitssymptome psychosomatisch bedingt sind, manchmal mehr körperlich, manchmal mehr psychisch, aber fast immer in Kombination! Selbst einer Erkältung liegt oft ein stressbedingtes schwaches Immunsystem zugrunde.
Wie erklären Sie Patient:innen, dass die Seele zu körperlichen Problemen führen kann?
Das ist einfach, denn jeder kann nachempfinden, dass Angst sich körperlich auswirkt. Zum Beispiel erhöht sich unsere Atemfrequenz und wir fangen an zu schwitzen.
Fällt es Menschen leicht, die psychosomatische Natur ihrer Probleme anzunehmen oder fühlen sich Betroffene nicht ernst genommen?
Oftmals geht dem Besuch bei einem Psychologen das sogenannte Doktor-Hopping voraus, bei dem allerlei Ärzt:innen aufgesucht werden, die den Betroffenen versichern, dass nichts Körperliches vorliegt. Wenn man erstmal beim Psychologen erscheint, ist bereits eine innere Bereitschaft da die Probleme als psychosomatisch zu betrachten, sonst würden man gar nicht kommen.
Angenommen man leidet unter akuten Nackenschmerzen, bei kurzzeitigem Stress, hilft es dann zum Schmerzmittel zu greifen?
Ja, Schmerzmittel greifen symptomatisch ein. Die Anspannung wird gelockert und damit entspannt sich der Muskel wieder. Allerdings kann man alternativ auch ein Kirschkernkissen nehmen oder eine Massage. Das wirkt unter Umständen noch besser!
Wenn es aber um chronische Probleme psychosomatischer Natur geht, verschwinden die Beschwerden ja nicht unbedingt nur durch die psychosomatische Begründung. Wie werden wir diese somatischen Beschwerden langfristig und nachhaltig los?
Wir können auf verschiedene Arten und Weisen vorgehen:
1. Die Stressoren sollten verringert oder eliminiert werden.
2. Der Stress sollte systematisch kompensiert werden, zum Beispiel durch Entspannungsübungen.
3. Das Empfinden von Stress und Überforderung kann verändert werden. Zum Beispiel durch die Entwicklung von mehr Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Souveränität.
All das kann in einer Psychotherapie erlernt werden.