Comeback der neunziger Jahre Ach du schöne Unbeschwertheit!

Von links oben im Uhrzeigersinn: Ethan Hawke und Julie Delpy in „Before Sunrise“, Luke Perry und Shannon Doherty Foto: imago/United Archives/imago stock&people, picture alliance/dpa

Die neunziger Jahre feiern modisch und musikalisch ihr Comeback. Wer zu der Zeit Teenagerin war, der konnte eigentlich sorglos sein. Damals riecht es nach Freiheit und CK One. Eine persönliche, wehmütige Hommage an eine Zeit, in der uns alles egal scheint.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Der Blick zurück ist immer verklärt. Das muss wohl so sein. Die Jugend ist für jede und jeden mit ganz persönlicher Nostalgie, mit Wehmut und vermutlich auch mit großer Unbeschwertheit verbunden. Die Popkultur der neunziger Jahre war groß und vielseitig, reichte von Loveparade über Hip-Hop bis Grunge und bot jedem eine Nische.

 

Eine Welt der Unbeschwertheit und der scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten

Die Mädchen wollten aussehen wie Kate Moss und rochen nach Calvin Kleins legendärem Parfüm CK One. „Anything goes“ ist das Motto zum hedonistischen Lebensgefühl. Lucilectric krächzt „Weil ich ein Mädchen bin“, während die Spice Girls als divers besetzte Girlgroup musikalische Beziehungstipps in „Wannabe“ weitergeben und die Fantastischen Vier „Zu geil für diese Welt“ sprechsingen. Es ist eine Welt der Unbeschwertheit und der scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten. Die Straßen im Heimatdorf werden aufgerissen, dicke Kabel verlegt, die „Arabella Kiesbauer“ ins Kinderzimmer transportieren und Ray Cokes, von dem man bestes britisches Englisch lernt. Man erzählt sich Witze, über die man heute nicht mal hinter verschlossenen Türen müde lächeln würde.

„Es ist die Aussicht auf ein Jahrzehnt, das im Zeichen der Freiheit steht und nicht wie die zu Ende gehenden achtziger Jahre im Zeichen der Angst“, schreibt Jens Balzer in seinem jetzt erschienenen Buch „No Limit – die Neunziger – das Jahrzehnt der Freiheit“. Balzer – Jahrgang 1969 – erinnert sich an den Silvesterabend 1989, an dem der westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Fernsehansprache sagt: „Das vor uns liegende Jahrzehnt kann für unser Volk das glücklichste dieses Jahrhunderts werden.“

Das Jahrzehnt der Freiheit – mit dem Ende am 11. September 2001

Der Autor beschreibt wunderbar, wie die neunziger Jahre beginnen, dieses Jahrzehnt der Freiheit: nämlich „mit der Hoffnung darauf, dass die Grenzen verschwinden, die die Menschen in der Epoche des Kalten Kriegs voneinander trennten, dass die Welt nun zusammenrückt und die Menschen und die Kulturen sich miteinander verbinden; dass jeder dorthin reisen kann, wohin er möchte, und jeder dort leben und wohnen kann, wo er will“. Für Balzer beginnen die sogenannten Neunziger nicht unbedingt mit dem Beginn der Dekade, sondern mit dem 9. November 1989, dem Tag als die Mauer fiel. Und sie enden auch nicht mit dem Millennium, an dem der große Knall ausblieb. Für Balzer ist der 11. September 2001 das Ende der großen Unbeschwertheit, der Tag, als die entführten Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Center in New York flogen.

Vorbei ist mit einem Schlag dieses Gefühl von Unbeschwertheit, als alle den Röhrenfernseher anschalten und gebannt und fassungslos auf den Bildschirm starren. Es wächst die Angst vor etwas Neuem, das man so nicht kennt: den globalen Terror. Irgendjemand ruft später „das Ende der Spaßgesellschaft“ aus. Jens Balzer erkennt: „Die Neunziger sind das Jahrzehnt, in dem die Warnungen vor der kommenden Klimakatastrophe und der umfassenden, bald unbeherrschbaren Veränderung des Planeten im Anthropozän so dringlich und wissenschaftlich stichhaltig sind wie niemals zuvor. Und sie sind zugleich das Jahrzehnt, in dem sich die Menschen jedenfalls in Deutschland und den westlichen Industrienationen so wenig für diese kommenden Veränderungen interessieren wie jemals zuvor, mehr noch: in dem sie in bislang unbekanntem Ausmaß ungehemmt und triumphierend Energie und Ressourcen verbrauchen.“ Die neunziger Jahre sind so nicht nur das Jahrzehnt der Freiheit, sondern auch das der Verdrängung.

Musikalisch sind die neunziger Jahre so bunt wie die Hemden auf der Loveparade

Am Anfang war die Musik, durchaus eine ernste Angelegenheit. Und was für eine: Nach der ulkigen „Mini Playback Show“ mit Marijke Amado, bei der – rückblickend betrachtet etwas gruselig – Kinder Perücken aufsetzen und Play-back zu Tina Turners „Simply the Best“ singen, ging es los. Musik prägt die Teenagerjahre. Da sind die überspielten Tonbandkassetten, die ersten Konzerte. U2 sind auf „Zooropa“-Tour, Bono singt auf dem Cannstatter Wasen „Sunday Bloody Sunday“ – und man ahnt als Gymnasiastin mit etwas Geschichtsunterricht nur, dass in dieser großen weiten Welt auch große und manchmal schreckliche Dinge geschehen.

Musikalisch sind die neunziger Jahre so bunt wie die Hemden auf der Loveparade: Die Menschen feiern zu Technomusik, in Berlin eröffnen Clubs wie der Tresor, Hip-Hop schwappt über den Großen Teich und wird auf Deutsch interpretiert. Es gibt Boygroups (New Kids On The Block waren der Anfang), Dr. Alban, 2Unlimited oder auch Snap schreiben Hit auf Hit im neuen Genre Eurodance. Und auch heute sind Backstreet Boys wie auch Culture Beat auf den Playlists der Teens zu finden. Und über allem steht natürlich Nirvana. Die Band trifft das Lebensgefühl der Generation X, die keine Barbourjacken, dafür karierte Flanellhemden trägt, unzufrieden und ziellos ist. Ihr Soundtrack ist das Album „Nevermind“ mit der Übersingle „Smells like Teen Spirit“, die zur Hymne einer Generation wird. Die Jungs lassen sich Ziegenbärte stehen, die Mädchen tragen schwere Stiefel zu kurzen Kleidchen und träumen davon, wie Julie Delpy einen Typ wie Ethan Hawke in „Before Sunrise“ kennenzulernen oder zumindest mal Seattle zu besuchen. Der Antistar Kurt Cobain nimmt sich 1994 das Leben.

Zwischen Oasis und Blur wird der „Battle of the Bands“ herbeigeschrieben

Die neuen Helden kommen aus England: die einen aus Manchester, sie sprechen einen unverständlichen Dialekt, die anderen sind etwas prätentiöse Londoner Kunststudenten. Zwischen Oasis und Blur wird der „Battle of the Bands“ herbeigeschrieben, und das Image von Cool Britannia ist geboren. Und nirgendwo kann man besser zu Suedes „Beautiful Ones“ und Pulps „Common People“ tanzen als in den Clubs von London. An der Tottenham Court Road Station stehen junge Männer mit Pilzkopf-Frisuren und verteilen Handzettel mit Partyankündigungen. Im Stadtmagazin „Time Out“ lässt sich nachlesen, was wann wo geboten ist. Es gibt das „A–Z“-Buch mit Straßenkarten statt Google Maps, Travellerschecks statt Kreditkarte, labbrige Ei-Sandwiches statt fancy Streetfood. Das Flugticket von Stuttgart in die britische Hauptstadt kostet 500 Mark. Dafür müssen viele Babys gesittet und Zeitungen ausgetragen werden. Europa driftet noch nicht auseinander, Großbritannien ist noch Teil der Europäischen Union. Klimawandel? Das Wort existiert nicht. Sexuelle Übergriffe? Davon hat man schon mal gehört, passiert ist – zum Glück – nichts. Die Unbeschwertheit ist vielleicht nicht nur eine gefühlte und stark subjektiv gefärbte.

Auch modisch geht es derzeit zurück in die neunziger Jahre

Verdüstert wird sie durch Arbeitslosigkeit und Aids. Es gibt rassistische Ausschreitungen in Mölln, Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen. Und in Heidelberg formiert sich die Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry und veröffentlicht das Lied „Fremd im eigenen Land“. „Hier zeigt sich im Kleinen, was für die neunziger Jahre im Ganzen gilt: Die Öffnung der Grenzen hat keine Welt der grenzenlosen Gemeinschaft hervorgebracht, sondern vielmehr neuen Nationalismus, neues Identitätsdenken, neue Ideologien der Abgrenzung und Hierarchien“, schreibt Jens Balzer in „No Limit“.

Im Gleichklang mit der Musik ist Mode identitätsstiftend und zeigt, wohin man gehört oder eben auch nicht. Immer mehr Menschen lassen sich tätowieren, der vulgäre Begriff des „Arschgeweihs“ kommt auf, der Bauch ist frei und der Bauchnabel gepierct. Heute tragen die Mädchen wieder bauchfrei, was aber „Crop Top“ also „abgeschnittenes Oberteil“ heißt, Doc-Martens-Filialen eröffnen in jeder Fußgängerzone der Bundesrepublik.

Fast Fashion ist am Oxford Circus Geschichte

Die Inspiration für all diese stilistischen Exzessen kommt nicht aus diesem World Wide Web, von dem man zumindest Ende der 90er Jahre nur eine vage Ahnung bekommt, begleitet vom Geräusch des 56K-Modems. Stilbildend sind die Popstars in der Zeitschrift „Bravo“, die alle Homeboy-Klamotten oder Holzfällerhemden tragen. Vorbilder sind Dylan und Brenda aus der Serie „Beverly Hills 90210“ und die Moderatorinnen von MTV Europe, die uns den Schlüssellochblick in die große weite Welt ermöglichen.

Und es ist immer wieder London, wo die Trends nicht nur auf der Straße geboren werden, sondern eben auch dort nachgekauft werden können. Selbst mit schmalem Budget ausgestattet schlendert man über den Camden Market und kauft Selbstgeschneidertes von Nachwuchsdesignerinnen. Das eigentliche Modemekka der Stadt aber ist Topshop, direkt an der U-Bahn-Station am umtriebigen Oxford Circus gelegen.

Wer aus Deutschland kommt, weiß nicht was ein Flagship-Store ist, weiß nicht, dass diese fünf Stockwerke – in der Erinnerung alle unterirdisch – damals das weltweit größte Kaufhaus für Trendmode sind. Fast Fashion, schnelle Mode? Noch nicht einmal eine vage Ahnung hat man damals von all dem, was heute in der Kritik der jugendlichen Umweltaktivisten steht – als billig, ausbeuterisch und umweltbelastend. Aber auch Fast Fashion ist zumindest im Herzen Londons mittlerweile Geschichte: Am Oxford Circus steht man vor verschlossenen Türen. In die Topshop-Räume wird eine Filiale von Ikea einziehen.

Die About Pop Konferenz

Die neunziger Jahre
Anja Wasserbäch (Jahrgang 1979) wird bei dem About-Pop-Festival am 22. Juli im Stuttgarter Wizemann ein Panel über die neunziger Jahre moderieren. Der Autor Jens Balzer stellt bei der Veranstaltung sein Buch „No Limit – die Neunziger das Jahrzehnt der Freiheit“ vor. Mit dabei sind auch der Fotograf Axl Jansen und die ehemalige MTV-Moderatorin Simone Angel.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu MTV HipHop