Manchmal passiert es, dass Menschen, die Kai Bosch zum ersten Mal auf der Bühne sehen, erstaunt oder gar empört sind. Denn sie denken, er mache sich über Menschen mit einer Behinderung lustig. „Einmal bin ich in der Pause von einem Besucher angemacht worden, weil er dachte, dass ich das Stottern spiele“, erzählt Kai Bosch und lacht. Dem Mann musste er erst mal verklickern, dass er seit seiner Geburt Tetraspastiker ist und seit seiner Kindheit stottert – und Tag für Tag damit lebt.
Was beweist, dass ein Mensch, der anders spricht und anders geht auf deutschen Bühnen immer noch ein Exot ist. Eigentlich ein Ärgernis, doch Kai Bosch sieht die positive Seite: „Durch mein langsameres Sprechtempo habe ich ein Alleinstellungsmerkmal und eine Nische gefunden. Es gibt viele Leute, die sich für Inklusion engagieren, aber auf künstlerische Weise tun es nur wenige.“
Zwei Wochen Stottertherapie als Grundstein für die Bühnenkarriere
Auf der Bühne zu stehen, das genießt der 27-jährige gebürtige Backnanger sehr. „Schon allein, weil die Leute mir da zuhören müssen“, sagt er und grinst. Den Traum, vor Publikum zu spielen, hatte Kai Bosch bereits mit ungefähr 14 Jahren. „Aber wegen meines starken Stotterns war das undenkbar weit weg und der Wunsch völlig unrealistisch.“
Ein Glück, dass Kai Bosch ein überzeugter Tagträumer ist. Er malt sich eine andere Realität aus – und fängt an, sie wahr zu machen. Im Internet stieß er auf die Kasseler Stottertherapie, die er mit 17 Jahren begann. Dabei habe er das Sprechen quasi neu erlernt, sagt der 27-Jährige. Auf zwei Wochen Intensivkurs in Kassel folgte ein elfmonatiges Online-Übungsprogramm zu Hause. Schon während der 14 Tage vor Ort hatte er solche Fortschritte gemacht, dass der Traum von der Bühne näher rückte: „Das war der Grundstein für alles, was danach kam.“
Wenige Wochen später wurde an seiner Schule ein Poetry-Slam-Workshop angeboten. Da machte er mit, durfte als krönender Abschluss im Backnanger Jugendhaus auftreten und wusste: „Das will ich wieder machen.“ Tat er auch. Tags darauf hatte er den nächsten Auftritt im Esslinger Kulturzentrum Komma, bei dem er den Rat bekam, unbedingt dran zu bleiben.
Er hat schon mehrere Preise eingeheimst
Schon im darauffolgenden Jahr wurde Bosch zum baden-württembergischen U 20-Meister im Poetry Slam gekürt, 2022 gewann er die baden-württembergische Meisterschaft. Poetry Slam sei ein Format, das gute Einstiegschancen biete, die er anderswo als Stotternder wohl kaum bekommen hätte, sagt Kai Bosch: Jede Art von Text ist erlaubt und Vorsprechen nicht nötig.
Mittlerweile ist er eher als Comedian und Moderator tätig. Sein Studium der Kommunikationswissenschaften an der Uni Hohenheim hat er im vergangenen Jahr abgeschlossen. Seit Anfang des Jahres betreut ihn die Frankfurter Agentur Herbert Management, die beispielsweise auch den Satiriker Florian Schroeder unter Vertrag hat. Den Schritt in die Selbstständigkeit wollte Kai Bosch unbedingt ausprobieren. Dass er im vorigen Jahr den Förderpreis des baden-württembergischen Kleinkunstpreises bekam, gab zusätzlichen Rückenwind.
Nun sorgt er bei Kulturevents für künstlerisches Rahmenprogramm, gibt Poetry-Slam-Workshops und Seminare in kreativem Schreiben und hält Vorträge, um gesellschaftliche Vorurteile abzubauen. „Inklusion ist mein Herzensthema“, sagt der 27-Jährige, der sich als „Inklusionsbotschafter“ sieht. Als solcher will er das Thema mit Humor angehen und dennoch wichtige Inhalte ansprechen, für Denkanstöße sorgen. Es brauche mehr Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, ist Kai Boschs Überzeugung – also geht er vor und stellt sich auf die Bühne.
Schubladendenken und nervige Türsteher
Da finden sich die Zuschauenden zum Beispiel unversehens bei einer Party wieder. Im Hintergrund grölt die Band KIZ „Du bist ein Spast. Ich bin kein Spast“, und Franzi, Soziologie-Studentin im 28. Semester ihres Bachelor-Studiums, kritisiert scharf anderer Leute Schubladendenken. Um anschließend selbst eine aufzuziehen und sich zu wundern, dass auch ein Mensch mit Behinderung gerne zu Festivals geht. „Du läufst halt so anders“, begründet sie ihre Überraschung, worauf Kai Bosch kontert: „Wir wissen beide, was in diesem Land passiert ist, als alle gleich gelaufen sind. Und das war ja auch nicht die ultimative Endlösung.“
Viele Szenen in seinem Programm seien ihm tatsächlich passiert, erzählt Kai Bosch: „Daraus mache ich eine Pointe. Das ist mein Weg, mit solchen Situationen meinen Frieden zu machen. Interessanterweise entstehen aus frustrierenden Erlebnissen oft gute Pointen, dann kann ich damit besser umgehen.“ Eines will er nämlich auf gar keinen Fall: in Watte gepackt werden. „Die unliebsamste Form der Kommunikation ist für mich, wenn mein Gegenüber ständig überlegt, was er sagen darf. Dadurch entsteht eine unangenehme Atmosphäre.“
Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie
Im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen tritt er am Freitag, 31. Mai, mit seinem abendfüllenden Soloprogramm „Tagträumer“ auf, das er selbst als Comedy mit pointierten Stellen und Tiefgang beschreibt. „Ich leide nicht an meiner Behinderung. Ich lebe damit“, betont Kai Bosch: „Ganz häufig ist es nicht meine Behinderung, die mich im Alltag belastet, sondern die Reaktionen und Situationen, die daraus entstehen.“
Etwa das Verhalten eines Türstehers, der ihn partout nicht in einen Club hinein lassen will. Oder die Frau, die er auf einer Dating Plattform kennen gelernt hat, und die eigentlich mit ihm verabredet war – aber wegen Kopfschmerzen absagt, nachdem er von seiner Einschränkung berichtet hat.
Mit seinen Auftritten könne er dafür sorgen, dass auch Menschen, die sich noch nicht mit Inklusion beschäftigt haben, das Thema auf den Schirm kriegen, sagt Kai Bosch, der sich schon auf einen Auftritt im Januar in Hamburg freut. Dort ist er für „Rising Stars“, eine Best-of-Poetry-Slam-Show in der Elbphilharmonie, gebucht. Laut Veranstalter treffen sich da „die jungen Wilden, die vermutlich in ein paar Jahren das Fernsehprogramm beherrschen werden“.
Mehr zu Kai Bosch unter: www.kaibosch.de
Kai Bosch im Kulturhaus Schwanen
Termin Kai Bosch ist am Freitag, 31. Mai, mit seinem Soloprogramm „Tagträumer“ im Kulturhaus Schwanen, Winnender Straße 4, in Waiblingen zu Gast. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Am 2. Juli gibt Kai Bosch dort im Zuge der Reihe „Wir sind bunt“ von 16.30 bis 19.30 Uhr einen offenen Poetry Slam Workshop zum Preis von zehn Euro.
Die Tickets kosten im Vorverkauf 20 Euro, der ermäßigte Preis liegt bei 15 Euro. An der Abendkasse kosten die Karten 22 Euro, ermäßigt 16 Euro. Mehr dazu unter www.kulturhaus-schwanen.reservix.de .