Der Countdown läuft am Sonntagvormittag an der Merz-Akademie in Stuttgart. Noch eineinhalb Stunden haben die Teilnehmer der 24-Stunden-Comic-Session der Stuttgarter Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien Zeit, um ihren eigenen Comic fertigzustellen. Seit Samstagmittag sitzen sie über ihren Werken. Es herrscht konzentrierte Stille, auf den Tischen liegen Pinsel, Stifte und Papier verstreut, manche arbeiten auch digital. „Jetzt ist gerade eine gute Phase. Es gab Kaffee und Brezeln zum Frühstück“, sagt Florian Bayer beim Blick in den Raum. Er ist Professor für Illustration an der Merz-Akademie. Gegen zwei Uhr nachts habe das anders ausgesehen: „Die Leute haben gekämpft und lagen teilweise mit dem Kopf auf der Tischplatte. Aber da beißt man sich durch.“
24 Seiten in 24 Stunden
Die Regeln der Comic-Session sind simpel: 24 Stunden durchhalten und in dieser Zeit einen Comic produzieren, der aus 24 Seiten oder 100 Einzelbildern besteht, erläutert Bayer. Das Format geht auf den amerikanischen Comiczeichner und -theoretiker Scott McCloud zurück. Eine Variation hat die Merz-Akademie noch eingebracht: Die Comics sollen sich mit dem Thema Überfluss auseinandersetzen. Ein Thema, das viel Spielraum lassen soll. Denn von Konsumkritik bis zum Stuttgart-Bezug mit Blick auf den Neckar ist alles möglich.
In der Comicszene seien die 24-Stunden-Sessions mittlerweile ein etabliertes Format, in Deutschland gebe es das aber bis jetzt nur selten, sagt Bayer. An der Merz-Akademie finden sich zum ersten Mal 22 Comicfans aus der Region für eine 24-Stunden-Session zusammen. Sowohl erfahrene Comiczeichner als auch Neulinge sind dabei.
Comic-Session soll die Community vernetzen
Die Veranstaltung findet im Rahmen eines Onlinesymposiums zu Comics und Aktivismus statt, das im Zeichen des Nextcomic-Festivals in Linz steht, erläutert die Rektorin Barbara Eggert. Sie hat einen Doktortitel in Kunstgeschichte und ist Comicforscherin. Die Comic-Session solle die Community stärken und untereinander vernetzen. Und das funktioniert. „Es ist eine ruhige, vertiefte Atmosphäre, die Teilnehmer sind wertschätzend und motivierend untereinander“, sagt Bayer. Wenn jemand nicht weiterkommt, wird zusammen diskutiert und die Geschichte weitergesponnen. „Stuttgart hat eine spannende Comiccommunity, experimentell und mutig“, findet der Professor. Die 24-Stunden-Comic-Session an der Akademie sei die erste in der Stadt.
Florian Bayer und Barbara Eggert sind die ganze Nacht dabei gewesen und haben selbst gezeichnet, die Rektorin hat nur zwei Stunden geschlafen, erzählt sie lachend. Für die Comic-Session wurden zwei Ruheräume hergerichtet, dort haben einige Teilnehmer übernachtet.
Nach 24 Stunden ist das eigene Werk fertig
Auf dem Tisch von Marvin Götz steht ein Energydrink, seiner Sitznachbarin fallen immer wieder die Augen zu. Er selbst hat nur eine Stunde geschlafen. „Die 24 Stunden durchzuziehen, das geht auf den Körper und auf den Kopf, die Hände sind irgendwann verkrampft“, sagt er. Götz macht eine Ausbildung zum Grafikdesigner und hat mit Bleistift einen Comic gezeichnet über ein Mädchen, das ein Ufo entdeckt. Seine Zeichnungen sind schon fertig, er zieht nur noch die Umrisse seines Hauptcharakters noch einmal nach. Auch Barbara Marcinko ist schon fertig. „Es war eine wunderbare Atmosphäre mit netten Leuten, es hat viel Spaß gemacht“, erzählt sie. Sie hat mit Bleistift einen Comic gezeichnet über einen erfolglosen Schriftsteller, der zum Gott wird.
Künstlerische Comics mit Pinsel und Farbe
Swea Kittel arbeitet mit Pinsel und Gouache-Farben. In ihrem Comic, der in den Farben Rot, Schwarz und Grau gehalten ist, gehe es um den Überfluss an Informationen, vor allem in Bezug auf das Smartphone und die ständigen Nachrichten, die man bekomme, erzählt sie. Die 26-jährige Stuttgarterin studiert an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und kommt aus der Malerei. Trotzdem ist sie dabei. Sie habe sich schon lange für Comics interessiert, erklärt Swea Kittel. Deswegen sei sie am Samstag und Sonntag zur 24-Stunden-Session an die Merz-Akademie gekommen.
Lena Steffingers Zeichnungen sehen eher aus wie kleine Kunstwerke als wie ein typischer Comic. Die 34-jährige Illustratorin hat den Fluss in der Natur als Ausgangspunkt für ihr Werk genommen. Ihr hat der Tag gut gefallen. „Ich finde die Atmosphäre hier schön und die Energie, die in einen übergeht, ist richtig gut.“ Sie nimmt teil, um sich mit anderen Leuten zu vernetzen und weil sie gerne konzentriert an einem Werk arbeiten wollte. Aus der Comic-Session könne sie sehr viel für sich mitnehmen. „Ich würde direkt noch einmal mitmachen“, sagt sie. „Erst einmal aber noch schlafen.“