Corona besiegelt das Ende der Spaßgesellschaft Glück in spaßfreien Zeiten

Mitarbeiter einer Autofabrik in Wuhan, China, während ihrer Mittagspause – die Menschen dort dürfen wieder arbeiten gehen, müssen nun aber Abstand zueinander einhalten. Foto: AFP

Die Coronakrise bereitet der Spaßgesellschaft ein abruptes Ende. Was jetzt zählt, ist ein nüchterner, ein ernüchterter Pragmatismus.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Am 20. Januar 2020 verschickte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihren ersten Report zum Thema Corona. Inzwischen gibt es 66 solcher Berichte. Damals schien das noch eine rein asiatische Angelegenheit zu sein: 278 Patienten im Reich der Mitte, einer in Japan, einer in Südkorea, zwei in Thailand. In der ARD lief an jenem Tag ein Handballspiel, Deutschland gegen Österreich. Sat 1 sendete zur selben Zeit die Dokusoap „Nobody’s perfect – das Nacktexperiment“. Bei RTL kam „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“. Und 3 Sat brachte einen Film mit dem Titel „Bis ans Ende der Träume“. An das Ende vieler Träume, das inzwischen erreicht ist, dachte damals niemand. Der albtraumhafte Alltag von heute wäre den meisten wie ein Science-Fiction-Film vorgekommen.

 

Am 31. Januar 2020 teilte das Unternehmen Aida Cruises mit, dass sein Schiff Aida Vita auf seiner Kreuzfahrt in Südostasien nicht wie vorgesehen den Hafen von Hongkong anlaufen werde, sondern die Halong-Bucht vor Vietnam. Die Aida Vita hat einen Fitnessclub und zwei Pools an Bord, drei Restaurants und fünf Bars. Dort werden sechs verschiedene Champagnersorten und 40 Cocktails offeriert. An jenem Freitag veröffentlichte die WHO ihren elften Corona-Report: 9720 bestätigte Fälle in China, damals auch schon fünf in Deutschland. Der Spaß an Bord der Aida Vita blieb davon jedoch vorläufig ungetrübt.

Für die Gaudi nach der letzten Abfahrt ging man ins „Kitzloch“

Am 24. Februar gab es weltweit bereits fast 80 000 Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, 2595 Tote. In Deutschland, mit 16 Fällen in der WHO-Statistik noch unauffällig, wurde der Rosenmontag gefeiert: Millionen närrische Menschen auf den Straßen, dichtes Gedränge bei den Umzügen. Danach fuhren viele erst einmal in Skiferien, zum Beispiel nach Ischgl. Dort gibt es für die Gaudi nach der letzten Abfahrt Lokale wie das Kitzloch. Im Internet wird es als „Hotspot für Après-Ski-Partys“ gepriesen. Ein Mann namens Boris sorgt am Mischpult für Stimmung. Der Spaß ist auch ein optischer: „Das Outfit muss natürlich zur Musik passen“, so verspricht die Homepage. Mal kommt Boris als Eisbär, mal als Indianer, mal als „Urtiroler“.

Inzwischen ist den meisten der Spaß vergangen. Das Kitzloch ist geschlossen. Es war ein Hotspot für Corona-Infektionen. Dort ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft. Geschlossen sind sämtliche Lokalitäten dieser Art, Bars, Hotels, zudem Kinos, Theater und Opernhäuser – alles, was im weitesten Sinne dem Vergnügen dient. Die Gaudi hat Pause. Wie lange die dauert, weiß keiner. „Unsere Spaßgesellschaft steht infrage“, mahnte zuletzt ein prominenter Kirchenmann, Kardinal Jean-Claude Hollerich.

Das mussten auch Ikonen derselben erfahren: Oliver Pocher, der als televisionärer Dampfplauderer und mit Filmen wie „Vollidiot“ bekannt wurde, ist persönlich mit Corona infiziert, seine Frau Amira ebenso. „Schluss mit lustig“ heißt Pochers neueste Show. Ganz ohne Selbstdarstellung geht es aber nicht. In einer zwischenzeitlich wieder eingestellten „Quarantäne-WG“ berichtete er über seine Befindlichkeit. Sein Sender RTL verrät: „Ganz angstfrei ist er nicht.“

Individualismus und das eigene Wohlergehen wurden als neue Tugend entdeckt

Das Ende der Spaßgesellschaft wird nicht zum ersten Mal ausgerufen. Doch was ist damit eigentlich gemeint: Spaßgesellschaft? Das Wort wurde in den 1990er Jahren erfunden, als eine Generation heranzuwachsen begann, für die Spaß auch dem Arbeitsethos Grenzen setzt. Das nennen manche heute Work-Life-Balance – Fernreisen und Selbstfindung durch Ayurvedaseminare während eines Sabbatjahrs inklusive. Medienforscher beobachteten einen auffälligen Boom von Comedysendungen. Im Gefolge des neoliberalen Geredes von der Eigenverantwortung wurden Individualismus und das eigene Wohlergehen als neue Tugend entdeckt. Viele haben Eigenverantwortung jedoch mit schlichter Selbstsucht verwechselt. Das aussagekräftigste Bild über unsere Gesellschaft vermitteln Selfies.

Während Fitnessclubs sich kaum vor Mitgliedern retten können, sind die Kirchen immer leerer (so leer wie im Moment waren sie freilich nie). Es gibt heute in Deutschland wahrscheinlich mehr Freizeitparks als Naturparks. Gamer fordern staatliche Zuschüsse. Streamingdienste ermöglichen eine individuelle TV-Berieselung. Es ist chic geworden, sich nur noch mit Kopfhörern auf den Ohren in die schnöde Welt zu wagen. Und selbst bei den dümmsten Gelegenheiten sagen sich die Leute nicht mehr „Alles Gute“ oder „Auf Wiedersehen“, sondern penetrant: „Viel Spaß!“

Von der Vergnügungsindustrie verordneter Spaß

Natürlich haben nicht alle Spaß in der Spaßgesellschaft. Manche sind auch schlicht damit beschäftigt, unter bisweilen ziemlich freudlosen Umständen, anderen diesen Spaß zu verschaffen. Aber der Spaß wurde zu etwas wie einem Leitmotiv. Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten sich darüber schon Gedanken gemacht, als das Wort Spaßgesellschaft noch in keinem Wörterbuch stand. In ihrer „Dialektik der Aufklärung“ deuten sie den „Amüsierbetrieb“ als eine neue Branche des Kapitalismus. „Verfügung über die Konsumenten ist durchs Amüsement vermittelt“, heißt es dort. Amüsement sei „die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“.

Amüsement durchdringe die Gesellschaft in einer totalitären Weise. Spaß wird zu einer Energiequelle der Postmoderne. Der Kapitalismus hat eben nicht nur Maschinen und Fabriken, eine historisch beispiellose Kreativität, das Potenzial, sich ständig neu zu erfinden, und tendenziellen Überfluss hervorgebracht – sondern auch Spaßbäder, Spielcasinos und Kreuzfahrtschiffe. Bei Horkheimer und Adorno gipfelt das in einer finsteren Sentenz: „Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig. Lachen wird in ihr zum Instrument des Betrugs am Glück.“

Vor 100 Jahren hätte man das noch Dekadenz genannt. Doch die Spaßgesellschaft hatte ihren Zenit längst überschritten, bevor sie vom Coronavirus infiziert wurde. Das begann mit dem Schock von 9/11. Drei Jahre später erschien ein Buch, mit dem der konservative Fernsehkommentator Peter Hahne einen Abgesang auf die Spaßgesellschaft anstimmte. Inzwischen verderben Wutbürger, Hassprediger, die Pastoren der politischen Korrektheit und der Klimawandel die ungetrübte Lust am Vergnügen. Leute wie Greta Thunberg, die nicht zufällig wie der Zögling einer puritanischen Bildungsanstalt aussieht, müssen den Verfechtern und Nutznießern der Spaßgesellschaft wie apokalyptische Reiter vorkommen. Schon vor Corona war zu befürchten, dass die Spaßgesellschaft bei aller fortdauernden Frivolität in ihr Gegenteil umkippen könnte.

Es geht hier jedoch nicht darum, der Miesepeterei das Wort zu reden. Griesgrämigkeit oder Defätismus schützen nicht gegen Covid-19. Das Gegenteil gilt zwar auch nicht, aber Humor kann durchaus helfen, die soziale Isolation, das triste Bild der Städte oder die schiere Furcht vor Ansteckung besser zu überstehen. Er lässt sich auch keimfrei über virtuelle Netzwerke verbreiten. Von ihm geht eine durchaus nützliche Ansteckungsgefahr aus.

Existenzielle Krisen bringen Sorgen um das eigene Leben hervor

Das Ende der Spaßgesellschaft bedeutet keineswegs einen Schlussstrich unter jede Art von Vergnügtheit. Bisher gibt es keinen Virologen, der Fröhlichkeit zum Tabu erklärt hätte. Das Lachen könnte uns aus ganz anderen Gründen im Halse stecken bleiben. Das hat mit den verheerenden Folgen dieser Seuche zu tun. Die lassen sich nicht nur aus der Opferstatistik ablesen, aus der Mortalitätsquote, der ständig wachsenden Anzahl von Menschen, die Covid-19 nicht überlebt haben. Womöglich sind die ökonomischen und damit auch politischen Folgen noch katastrophaler: Wem werden die astronomischen Beträge dereinst in Rechnung gestellt, die jetzt aufgebracht werden müssen, um einen vollkommenen Absturz der Wirtschaft, den Ruin vieler Firmen und noch mehr Menschen zu verhindern? Es überlagern sich da Krisen, die scheinbar wie aus dem Nichts entstanden und nicht voneinander zu trennen sind – Krisen, von denen jede für sich eine existenzielle Herausforderung bedeutet: Sorgen um die Gesundheit und das eigene Leben, vor Verarmung und heraufdämmernden Verteilungskämpfen.

Wie hohl das unablässige Bestreben nach einem Gefühl ist, das man heute als Spaß bezeichnen würde, hat der französische Schriftsteller Blaise Pascal schon vor 350 Jahren zu ergründen versucht. Er nannte es Zerstreuung. Das sei eine seltsame Manier, die Menschen glücklich machen zu wollen. „Was könnte man Besseres tun, um sie unglücklich zu machen?“, schrieb er. Viele glaubten allen Ernstes, sie suchten Entspannung – „und suchen in Wirklichkeit nur die rastlose Bewegung“. Über einen seiner Gedanken zu diesem Thema lohnt es sich gerade jetzt nachzudenken: Das seelische Elend vieler rühre „einzig davon, nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können“.

Mit der Seuche sind ernste Zeiten über uns hereingebrochen – Zeiten, die eine neue Ernsthaftigkeit erfordern, für die ein nüchterner, ernüchterter Pragmatismus angemessen wäre. Die Maxime, alles und jedes müsse mit Spaß verbunden sein, weicht einer Ungewissheit, die alles und jeden betrifft. Dem Hedonismus wird gerade der Boden unter den Flipflops entzogen. Was die Spaßgesellschaft als Spaß offeriert, ist nicht die einzige Art, Glück zu erleben. Glück bedeutet in solchen Zeiten, selbst gesund zu bleiben, Freunde und Familie wohlauf zu wissen, die eigene Arbeit zu behalten.

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