Corona bremst Messebetreiber aus Messen blicken schon mit Sorge auf 2021

Blick in Halle 1 auf dem Stuttgarter Messegelände während der Retro Classics: Die Messe für Oldtimer war im Februar die letzte vor der Corona-Zwangspause. Foto: Lichtgut/Julian Rettig Foto:  

Die Messen in Stuttgart, Karlsruhe und Friedrichshafen versuchen, mit Veranstaltungen kleineren Umfangs die Folgen des wirtschaftlich katastrophalen Jahres 2020 abzumildern. Wichtige Messen finden trotz Corona statt, aber die Aussichten sind vage.

Nachrichtenzentrale: Andreas Schröder (sö)

Stuttgart - Die monatelange Corona-Zwangspause seit März hat für die Messe Stuttgart bereits jetzt gravierende Folgen für 2021. Dabei haben die Veranstalter alle Hände voll zu tun, vom Geschäft in diesem Jahr noch zu retten, was zu retten ist. Die umsatzträchtige internationale Leitmesse für Rollladen, Tore und Sonnenschutz (R+T), die im kommenden Februar hätte stattfinden sollen, musste die Messe Stuttgart bereits absagen. Zu gering ist das Interesse der Aussteller. Die Veranstaltung, die eigentlich alle drei Jahre stattfindet, ist nach Angaben der Messe nun für Februar 2022 angesetzt.

 

Große Messen seit 1. September wieder erlaubt

Besucher aus mehr als 100 Ländern kämen normalerweise zur R+T, „flugzeugweise reisen die Gäste aus Australien und Neuseeland an“, erzählt Roland Bleinroth, Geschäftsführer der Messe Stuttgart. Durch Corona ist vieles anders geworden, insbesondere die Stimmung: „Wer sagt uns, dass im Februar in Stuttgart überhaupt Flugzeuge landen“, gibt der Manager Bedenken von Ausstellern wieder, die sich gegen eine Teilnahme an der R+T entschieden haben. „Es ist viel Psychologie im Spiel. Vieles hängt daran, wann ein Impfstoff kommt“, so Bleinroth.

Dabei sollte die Erlaubnis der Politik, wieder große Messen veranstalten zu dürfen, der Branche einen Schub verleihen. Mitte Juli hatte die Landesregierung nach wochenlangen Forderungen der Messebranche in Baden-Württemberg diese Art der Veranstaltung von 1. September an wieder erlaubt. Die Messebetreiber mussten umfangreiche Konzepte vorlegen, die den Infektionsschutz gewährleisten sollen: Hygiene- und Abstandsregeln, standardisierte Laufwege, eine technisch ausgeklügelte Hallenbelüftung, ein corona-taugliches Gastronomie-Angebot – die Messen hatten stets betont, dass sie das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus für beherrschbar halten. „Wir können Organisation“, sagt Bleinroth.

Messe Stuttgart braucht Finanzhilfen

Nun dürfen sie wieder, sehen sich aber neuen Problemen gegenüber, die Bleinroth so beschreibt: Viele Firmen würden gerne ausstellen, könnten aber aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht; Aussteller, die noch könnten, wollten nicht, weil sie damit rechneten, dass nicht genug Besucher kommen, oder weil ihre Auftragsbücher ohnehin voll seien. Bleinroth nennt den Boom bei den Fahrradherstellern als Beispiel. „Am Wollen scheitern wir gerade reihenweise.“ Zumal für Messestände je nach Größe und Ausstattung schnell mal siebenstellige Beträge fällig würden.

Die zögerliche Haltung der Unternehmen, die zum Teil eine längere Messepause einlegen wollen, hat massive Auswirkungen auf die Finanzlage der Messe Stuttgart: Nicht nur wegen der Absage der R+T benötigt das Unternehmen 2021 Finanzhilfen von ihren Eignern. Dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart gehört die Messe zu gleichen Teilen. „In diesem Jahr kommen wir mit unserer eigenen Liquidität über die Runden. Dann sind unsere Reserven aufgebraucht“, erläutert Bleinroth, der hinzufügt: „Wir werden im nächsten Jahr Zuschüsse benötigen.“ Die Eigner suchen bereits nach Lösungen: „Das Land ist mit dem Mitgesellschafter im Gespräch, in welcher Form der Eigenkapitalunterdeckung in 2021 entgegengewirkt werden kann“, heißt es in einer Stellungnahme des Finanzministeriums zu einer Anfrage des Landtagsabgeordneten Peter Hofelich (SPD), die unserer Zeitung vorliegt.

Stuttgarter Messeherbst ohne Eat and Style

Bleinroth rechnet für 2020 mit einem Umsatz von gut 55 Millionen Euro, 2019 waren es 200 Millionen Euro. Das hat Folgen: „Unser Ergebnis 2020 ist tiefrot“, sagt Bleinroth. Auch für 2021 werde mit Verlusten gerechnet, heißt es in der Stellungnahme des Finanzministeriums. „2020 wäre das beste Jahr in der 80-jährigen Geschichte der Messe geworden, nun wird es das schlechteste“, sagt Bleinroth. Und leider sei davon auszugehen, „dass es auch im kommenden Jahr keine Rückkehr zur Normalität geben wird“.

Jetzt gilt es für Bleinroth aber zunächst, die Messen im Herbst gut über die Bühne zu bringen. Sein Blick geht derzeit nach Düsseldorf, dort findet der Caravan Salon für Wohnmobile und Camping statt – mit Publikum. „Diese Messe ist die erste große Nagelprobe“, sagt er. In Stuttgart stehen ab Mitte September einige kleinere Messen auf dem Programm; Anfang November folgt die Süffa, einer der wichtigsten Branchentreffs für die Fleischbranche. Die Messe ist eher regional orientiert. Ähnlich wie der Stuttgarter Messeherbst Ende November, der ohne die Foodmesse Eat and Style auskommen müsse. Aber weiter abzuwarten, ist für Bleinroth keine Option: „Wir müssen irgendwann wieder anfangen.“ Ende Januar soll zudem die CMT stattfinden; „komplett ausgebucht“ sei die Reisemesse.

Interboot und Eurobike sollen stattfinden

In Friedrichshafen sind die Verantwortlichen froh, dass die Flaggschiffe Interboot Mitte September – 200 Aussteller statt 400 – und die Eurobike Ende November stattfinden sollen. Auch die Fahrrad-Weltleitmesse nur „mit gebremstem Ausstellerinteresse“, wie Wolfgang Köhle, Mitglied der Geschäftsleitung sagt.

Die Messe in Karlsruhe versucht ebenfalls, sich langsam Richtung Normalität zu arbeiten. Die Messe benötigt schon dieses Jahr Hilfen ihrer Eignerin, der Stadt Karlsruhe, wie die Geschäftsführerin Britta Wirtz bestätigt. Sehr froh ist die Managerin, dass die für den Messeplatz wichtige Einkaufs- und Erlebnismesse Offerta im Oktober stattfinden kann – auch wenn statt der üblichen 800 Aussteller etwa 450 kommen werden. Viele Aktivitäten würden nach draußen verlegt, die Hallen regelkonform hergerichtet. Ergänzend habe man „tolle Digitalkonzepte“. Die soll es auch dann noch geben, wenn Corona nicht mehr das beherrschende Thema sei.

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