Corona-Folgen an Stuttgarter Schulen Viele Schüler kämpfen mit Lernlücken
Der Corona-bedingte Unterrichtsausfall hat Rückstände beim Lesen, Schreiben und in Mathe zur Folge. Besonders jüngere und unselbstständige Schüler tun sich schwer.
Der Corona-bedingte Unterrichtsausfall hat Rückstände beim Lesen, Schreiben und in Mathe zur Folge. Besonders jüngere und unselbstständige Schüler tun sich schwer.
Stuttgart - Seit diesem Schuljahr ist der Präsenzunterricht zwar wieder – und immer noch – die Regel, aber viele Schüler sind nicht auf dem Wissensstand, auf dem sie normalerweise um diese Zeit sein sollten. Das berichten Schulleiter aller Schularten auf Anfrage. Sie führen das auf den wochenlangen Ausfall von Präsenzunterricht wegen der Corona-Pandemie zurück. Das habe bei vielen Schülern deutliche Folgen hinterlassen. Es betreffe nicht nur ihr Lernverhalten und ihren Lernfortschritt, sondern auch ihr Selbstverständnis und ihr Sozialverhalten.
So berichtet Michael Hirn, der Geschäftsführende Leiter der Sonderschulen und Leiter einer Sprachheilschule, dass Zweit- und Drittklässler „erhebliche Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben sowie Wortschatzprobleme“ hätten. „Mehr Kinder als sonst sind förderbedürftig, und sie werden uns früher gemeldet“, so Hirn im Schulbeirat. „Wir haben deutlich das Gefühl, das hängt mit der Lernpause durch Corona zusammen.“ Für ihn nicht überraschend: „Gerade die Schüler, die sich im Lernen schwerertun, profitieren am wenigsten vom Fernlernen.“ Das bestätigen auch Kollegen. Die Lernbrücken in den Sommerferien hätten, so Hirn, nicht ausgereicht, um die Entwicklungsrückstände der Kinder auszubügeln.
Bei den Erstklässlern habe man „einen gewissen Wildwuchs“ festgestellt, sagt Elisabeth Tull, die Rektorin der Schwabschule im Stuttgarter Westen. So seien die Buben unruhig, suchten die körperliche Nähe der anderen.„Denen haben die Beziehungen mit Gleichaltrigen gefehlt“, meint Tull. Auch die Kooperation zwischen Kita und Schule sei ja reduziert gewesen. Viele Erstklässler wüssten nicht, wie man einen Stift halte oder mit der Schere umgehe. Da werde die Kluft zwischen bildungsnahen und -fernen Familien deutlich sichtbar, so Tull. Vielen Zweitklässlern fehlten noch die motorischen Voraussetzungen für die Schreibschrift und das Lautieren. Bei vielen Drittklässlern hapere es noch mit dem Lesen und Schreiben. „Das wird normalerweise in Klasse eins angebahnt und in Klasse zwei gefestigt“, so Tull. Vier Drittklässler seien deshalb in Klasse zwei zurückgegangen, was unüblich sei.
Die Viertklässler hingegen seien besser mit dem Fernunterricht klargekommen. Dieser habe nicht nur aus Lernpaketen bestanden, sondern auch aus Videokonferenzen per Zoom oder Skype – jeweils vom privaten PC der Lehrerin zum Handy des Kindes. Auch wenn das so von den Schulbehörden nicht vorgesehen sei. Tull: „Wir haben die Eltern gefragt, ob wir das dürfen – wir sind noch nicht vernetzt.“ Sie habe gemerkt, dass es entscheidend sei, „dass die Kinder die Lehrerin sehen und ihre Klassenkameraden“. Doch nun, da immer wieder Lehrer in Quarantäne müssten oder krank seien, funktionierten wegen der Hygieneregeln die Vertretungskonzepte nicht mehr. „Wir bräuchten einen dicken Vertretungspool.“ Uwe Heilek, der Geschäftsführende Leiter der Grundschulen, berichtet, dass die Lernrückstände durch die Ganztagsschule nicht so stark angewachsen seien. Hier zeigten sich die Vorteile individueller Lernzeiten und der längeren Anwesenheit der Kinder.
Als herausfordernd beschreibt Elke Meyer, die Rektorin der Neckar-Realschule, das fachliche Einfangen der Fünftklässler. Die Kinder kamen aus unterschiedlichen Grundschulen, eine Klasse musste sofort in Quarantäne, war aber noch nicht eingeführt in den Online-Unterricht. Bei ihnen, aber auch bei den Sechsern fehle es an Feinmotorik beim Schreiben, Schneiden, Ausmalen, Gerade-Striche-Ziehen. Auch zu lesen und zu verstehen falle vielen schwer – und Mathe. Man versuche, das durch Kompensationsstunden in Mathe, Deutsch, Englisch auszugleichen. „Die müssen bei uns ganz viel lesen“, so Meyer. Aufgeholt sei der Rückstand noch nicht. „In Klasse neun und zehn halbieren wir die Klassen und arbeiten in den Hauptfächern mit Lerngruppen.“ In Klasse sieben und acht werde Mathe „halb zusammen, halb geteilt“ unterrichtet. „So können wir viel kompensieren.“ Sie hoffe, dass kein wöchentlicher Wechselunterricht komme. „Für die Kinder ist wichtig, dass sie jeden Tag an der Schule sind – dann kriegen sie wenigstens einen Input“, meint die Pädagogin.
Auch an den Gymnasien gibt es noch viel zu tun, wie der Geschäftsführende Leiter Matthias Wasel vom Hölderlin-Gymnasium sagt. „Wir haben nicht alles aufgefangen, die Schüler sind nicht auf dem Stand wie in früheren Jahren. Das aufzuholen wird noch das ganze Jahr dauern.“ Die Schüler hätten noch keine Routine im Umgang mit Leistungssituationen.
Jede Woche drei Klassenarbeiten, immer wieder fehlten Schüler, müssten nachschreiben, das unterbreche den Rhythmus. Dass Schüler völlig überfordert sind, sei bisher „noch nicht sichtbar“, so Wasel. Dabei gab es im Corona-Jahr keine Sitzenbleiber. „Ich habe noch keine Panikanrufe von Kollegen erhalten“, so Wasel. Einzelfälle regle man von Schulleiter zu Schulleiter. Elke Meyer hat „zum Halbjahr schon ein paar Anrufe“ von Gymnasialkollegen erhalten – und bereits im September ein paar Gymnasiasten in Klasse acht und neun aufgenommen. Aber: „Sonst waren es mehr.“