Beginnt schon die gefürchtete zweite Welle?
Manche Experten halten wenig von der Diskussion darüber, ob es sich um eine Dauerwelle, um steigende Zahlen in der ersten Welle oder den Beginn einer zweiten Welle handelt. Exakt definiert ist dieser Begriff ohnehin nicht. Klar ist, dass die Infektionszahlen wieder deutlich steigen: In Deutschland meldete das Robert-Koch-Institut am Donnerstag 1707 Neuinfektionen, am Vortag waren es noch 1510. Das bedeutet, dass sich das Coronavirus Sars-CoV-2 auch unabhängig von der Jahreszeit erneut ausbreitet. Gleichwohl spielt es für die Ausbreitung eine Rolle, ob sich die Menschen im Freien oder in Innenräumen aufhalten. In Gebäuden wie auch in Verkehrsmitteln ist der Abstand zwischen den Menschen meist geringer. Doch wenn sich etwa bei Feiern im Freien die Menschen nahe kommen, dann ist auch hier die Infektionsgefahr groß – für die Experten derzeit ein Hauptgrund für zunehmende Infektionen.
Was kann man dagegen tun?
Die Politik hat bereits reagiert: Reiserückkehrer aus Risikogebieten müssen sich testen lassen oder in Quarantäne gehen. Zudem sind die Beschränkungen für Feiern und Versammlungen in der Diskussion. Darüber will CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit den Ländern reden, nicht nur im Hinblick auf Karneval. Gesundheitlich lässt sich das gut begründen: Wenn weniger Menschen etwa an einer privaten Familienfeier teilnehmen, dann können sich auch weniger anstecken. Zudem sinkt der Aufwand, die Infektionskette zu verfolgen. Und das ist nach wie vor die wichtigste Strategie im Kampf gegen das neuartige Virus: Infektionsherde so früh wie möglich zu erkennen und durch Isolierung der Betroffenen eine weitere Verbreitung zu verhindern.
Welche Rolle spielt die Influenza?
In diesem Winter ist die Gefahr groß, dass die übliche Influenzawelle mit steigenden Corona-Zahlen zusammentrifft. Dies würde eine enorme Belastung der Krankenhäuser bedeuten – und könnte die Todesraten wieder in die Höhe treiben. Allerdings helfen die schon lange propagierten Hygienemaßnahmen auch gegen Influenza, also die echte Grippe: Abstand, Händewaschen, Atemschutz – und Menschenansammlungen meiden. Zudem ist es laut Experten sinnvoll, sich gegen Influenza impfen zu lassen.
Welche Erkenntnisse gibt es zur Übertragung der Erreger?
Klar ist, dass sowohl Influenza als auch Corona auf mehreren Wegen ansteckend sind. In Tröpfchen, die beim Husten, Niesen oder Sprechen ausgeschieden werden, kann die Viruslast besonders hoch sein. Möglich sind auch sogenannte Schmierinfektionen, etwa wenn sich ein Infizierter beim Husten die Hand vor den Mund gehalten hat und dann eine Türklinke anfasst. In jüngster Zeit widmen Forscher den Aerosolen immer mehr Aufmerksamkeit. Das sind feinste Tröpfchen in der Luft, die auch beim Atmen ausgeschieden werden. Weil sie so klein sind – weniger als fünf Tausendstel Millimeter – sinken sie nicht wie Tröpfchen schnell zu Boden, sondern können stundenlang in der Luft schweben.
Was hat es mit den Aerosolen auf sich?
Vor allem in den USA weisen Gesundheitsexperten immer wieder auf die ihrer Meinung nach hohe Ansteckungsgefahr durch Aerosole hin. Auch hierzulande wird zunehmend vor diesen feinsten Tröpfchen gewarnt. So ergaben Untersuchungen, dass Aerosole auch bei den Infektionswellen in Schlachtereien eine wichtige Rolle gespielt haben. Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, dass „der längere Aufenthalt in kleinen, schlecht oder nicht belüfteten Räumen die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung durch Aerosole auch über ein größere Distanz als zwei Meter erhöhen kann“. Die Gefahr ist umso größer, je mehr Partikel eine infizierte Person ausstößt – was wohl für sogenannte Superverbreiter zutrifft.
Welche Rolle spielen Superverbreiter?
Die englisch Superspreader genannten Personen rücken stärker in den Fokus der Forscher. Damit haben sich jetzt Wissenschaftler vom Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum Seattle im US-Bundesstaat Washington beschäftigt. Sie haben herausgefunden, dass solche Super-Ausbreitungsereignisse, bei denen ein Infizierter mehr als zehn andere ansteckt, dann auftreten, wenn die infizierte Person kurzzeitig sehr viele Viren ausscheidet und in dieser Zeit Kontakt zu vielen Menschen hat. Die Studie hat auch ergeben, dass bei Corona die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses höher ist als bei Influenza. Dafür ist nach Ansicht der Forscher die Art der Übertragung verantwortlich – etwa, dass das Coronavirus wohl leichter durch Aerosole übertragen wird.
Was heißt das für Schutzmaßnahmen?
Diese Ergebnisse der US-Forscher legen die Forderung nahe, dass sich so wenig Menschen wie möglich gleichzeitig in einem Innenraum aufhalten. Damit sinkt auch die Gefahr eines Superausbreitungs-Ereignisses. Die Forscher weisen auch darauf hin, dass durch das Tragen einer Maske die verbreitete Viruslast gesenkt wird – und damit das Risiko, dass nicht infizierte Menschen so viele Viren abbekommen, dass sie sich anstecken. Das ist wichtig, denn nach den Berechnungen der US-Wissenschaftler ist die Infektion unterhalb einer gewissen Viruslast unwahrscheinlich.
Im Video: Steigende Infektionszahlen – Ist ein zweiter Lockdown möglich?
Schwächere Influenzawelle
Die Grippewelle 2019/2020 hat laut Robert-Koch-Institut in diesem Frühjahr mindestens zwei Wochen kürzer gedauert als in den vorangegangenen drei Winterhalbjahren. Die Experten sind überzeugt, dass dazu die „bundesweiten Maßnahmen zur Eindämmung und Verlangsamung der Covid-19-Pandemie in Deutschland“ erheblich beigetragen haben. Die Ständige Impfkommission (Stiko) spricht sich trotz oder gerade wegen Corona weiterhin für Grippeimpfungen vor allem für Risikogruppen aus. Dazu zählen Senioren – vor allem auch in Pflegeheimen – und chronisch Kranke sowie Ärzte und Pflegekräfte.