Corona-Impfstoffe Warum der Welt der Impfstoff fehlt

Schlange stehen vor einem Impfzentrum in Indien. Foto: dpa/Ajit Solanki

Die Versorgung ärmerer Länder mit Corona-Vakzinen reicht nicht aus. Doch ein Ausbau der Produktion vor Ort stößt auf Hürden.

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Stuttgart - Deutschland hat ein Luxusproblem: Mehr Impfdosen als Impfwillige. Doch global ist das Bild anders. So sind in Afrika nur 1,9 Prozent der Menschen geimpft. Ein vermeintlicher Ausweg ist es, überschüssige Impfdosen aus den reichen Ländern in andere Regionen der Welt abzutreten. Die USA sagen, dass sie bereits 110 Millionen Impfdosen mit insgesamt 50 Ländern geteilt haben. Und auch Deutschland hat in den vergangenen Tagen angekündigt, erstmals 1,3 Millionen Dosen aus der jüngsten Lieferung von Astrazeneca direkt an die Impfstoffinitiative Covax der Weltgesundheitsorganisation WHO umzulenken.

 

Abgabe überschüssiger Impfstoffe ist problematisch

Aber das schafft Probleme: Nicht benötigte Impfstoffe nähern sich oft dem Verfallsdatum. Die Mengen sind zu unregelmäßig und zu gering. Die globale UN-Impfstoffkampagne Covax hat zwar Direktverträge mit Herstellern wie Astrazeneca oder Novavax abgeschlossen, konnte bisher nur ein Bruchteil der 2021 notwendigen Dosen organisieren. Von dem von der G-20-Staaten versprochenen 2,3 Milliarden Dosen ist man jedenfalls noch weit entfernt.

Einzige Lösung: Überall produzieren

Der einzige Weg, der die Situation dauerhaft verbessern würde, ist der Aufbau der Impfstoffproduktion auch in den bisher unterversorgten Regionen. Und das sind beileibe nicht nur arme Länder. Selbst hochentwickelte Industriestaaten wie Kanada, Japan oder Südkorea haben keine ausreichende Impfstoffproduktion.

Impfstoffe werden nämlich bisher nach den Spielregeln der globalen Arbeitsteilung mit teils komplexen Lieferketten produziert. Das Bewusstsein, dass sie ein strategisches Gut sind, hat sich erst in der Pandemie geschärft.

Vorbild Astrazeneca

Selbst die EU musste erleben, dass sie von US-Exportbeschränkungen oder – etwa im Falle von Johnson und Johnson – von Produktionsproblemen jenseits des Atlantiks betroffen war. Der britisch-schwedische Hersteller Astrazeneca hat zudem erleben müssen, wie wenig Lieferverträge wert sein könnten: Hier setzte man stark auf eine Zulieferung aus Indien, das global der wichtigste Medikamentenlieferant für ärmere Länder ist. Doch die Deltavariante und ein insgesamt schleppendes Impftempo machte Indien zum Impfstoffprotektionisten.

Im Vergleich zu Firmen wie Moderna oder Biontech ist Astrazeneca aber ein Vorbild. Man produziert preisgünstig und ist größter Lieferant von Covax. Zudem produziert das Unternehmen mit Ausnahme von Afrika in allen Regionen der Welt. Das Unternehmen hat auch als eines der ersten Lizenzen vergeben – in Indien wird der Impfstoff etwa unter dem Namen Covishield unter einer eigenen Zulassung völlig autonom produziert.

Patentschutz nicht entscheidend

Seit Monaten läuft der Streit, ob das Festhalten am Patentschutz den globalen Produktionsausbau verhindert. Doch zumindest in der aktuellen Phase sind Patente gar nicht das entscheidende Problem. Es fehlt an Produktionsstätten, welche schnell liefern könnten – und dafür haben nur die Impfstoffentwickler selbst das nötige Know-how.

Sie müssen also schnell bereit sein, zu kooperieren und zu expandieren. Pfizer und Biontech arbeitet nun etwa auch in Lateinamerika und Afrika mit lokalen Herstellern zusammen. Johnson und Johnson hat in Südafrika mit dem Aufbau einer lokalen Produktion begonnen. Doch der Aufbau ist mühsam, oft gibt es bei der Medikamentenherstellung nur wenig lokales Know-how.

Kritik von Hilfsorganisationen

Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ kritisiert zudem beispielsweise das Biontech-Kooperationsprojekt in Südafrika als viel zu kleinteilig. Anstatt die Technologie mehreren Produzenten zur Verfügung zu stellen, arbeite Biontech nur mit einer Firma zusammen, und auch nur für die Abfüllung und Endfertigung des Impfstoffs. Mehrere Unternehmen in Afrika könnten aber in existierenden Fabriken binnen zehn Monaten selbst Impfstoff herstellen: „Damit Afrika unabhängig von europäischen und US-Importen wird, brauchen die Produzenten dort Zugang zu Technologie und Inhaltsstoffen für alle Produktionsschritte“, stellt die Hilfsorganisation klar.

Beim Ausbau konzentriert sich Biontech lieber auf entwickelte Standorte, etwa in Singapur, wo man jetzt einen neuen Hauptsitz für Asien samt einer kompletten Produktionsanlage für Impfstoffe mit der mRNA-Technologie plant.

Lesen Sie den Kommentar zur Impfstoffproduktion aus unserem Plus-Angebot: Eine gemeinsame Überlebensfrage

Wie schwierig es selbst für ein mit Impfstoffen erfahrenes Land wie Indien ist, im Zweifelsfall die Produktion schnell hochzufahren, zeigt zudem die Tatsache, dass es die indischen Hersteller bisher nicht schafften, selbst die Produktion für das eigene Land abzudecken. Sie blieben teils weit hinter ihren Zusagen zurück.

Auch beispielsweise eine in Thailand von Astrazeneca hochgezogene Produktion bleibt bisher weit hinter ihren Lieferzielen zurück und verzögert die dortige Impfkampagne massiv. Der Ruf nach mehr Impfstoff hat im Land am Wochenende Tausende Demonstranten auf die Straße getrieben.

Was ist die Impfstoffinitative Covax?

Initiative
Im April 2020 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Initiative Covax gestartet. Bis Ende 2021 sollen mindestens zwei Milliarden Covid-Impfstoffdosen zur Verfügung stehen. Ärmere Länder sollen mindestens

1,8 Milliarden dieser Impfdosen erhalten. Inzwischen nehmen 192 von insgesamt rund 200 Staaten weltweit teil, darunter 100 wohlhabendere Länder und 92 Staaten mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Wohlhabendere Nationen kaufen dabei beispielsweise Impfstoffe zum vollen Preis bei den Herstellern und reichen sie dann weiter. Ärmere Länder erhalten Impfstoffe mit Rabatt oder gratis.

Beiträge
Reichere Länder unterstützen die Initiative auch durch Geldbeiträge. Die EU zahlt beispielsweise eine Milliarde Euro. Deutschlands direkte und indirekte Beteiligung summiert sich auf zwei Milliarden Euro – und man ist damit einer der größten Geldgeber. In Summe stehen bisher rund zehn Milliarden Dollar zur Verfügung. Dazu gibt es Impfstoffspenden. Die EU will bis Ende 2021 100 Millionen Dosen zur Verfügung stellen, davon stellt Deutschland 30 Millionen. Insgesamt finanziert Deutschland nach Angaben der Bundesregierung rund 350 Millionen Dosen. Im dritten Quartal 2021 droht laut WHO aber eine große Kluft zwischen den erwarteten Lieferungen und dem Bedarf.

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