Corona-Krise Die Musik soll nicht verstummen

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Es ist alles mit Fragezeichen versehen: Das finanzielle Polster der musiktreibenden Vereine in Fellbach reicht häufig nur für wenige Monate. Viele treibt die Sorge um, wie sie in der Krise weiterhin Dirigenten, Ausbilder und Chorleiter bezahlen sollen.

In der Corona-Krise bleiben für die musiktreibenden Vereine nicht nur die Instrumente ein Tabu. Foto: Patricia Sigerist
In der Corona-Krise bleiben für die musiktreibenden Vereine nicht nur die Instrumente ein Tabu. Foto: Patricia Sigerist

Fellbach/Kernen - Abgesagte Konzerte und Feste, leere Vereinsheime, gestrichene Proben und kaum noch Unterricht für den Nachwuchs: Auch die musiktreibenden Vereine in Fellbach und Kernen leiden unter der Corona-Krise. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass den Vereinen finanziell gesehen die Puste ausgehen kann.

Der Ruf nach staatlicher Hilfe wird laut

Viele Vereinsvorsitzende machen sich Sorgen, wie es weitergeht, wenn jetzt fest eingeplante Einnahmen wegbrechen. Das finanzielle Polster reicht häufig nur wenige Monate aus, um die laufenden Kosten für Vereins- und Probenräume sowie die Honorare für Dirigenten, Chorleiter und Ausbilder zu bezahlen. Der Ruf nach staatlicher Hilfe wird laut. Alles Sorgen, die auch Christoph Palm umtreiben.

Der frühere Fellbacher Oberbürgermeister ruft als Präsident des Landesmusikverbands Baden-Württemberg in einem Brief an die Mitglieder der „baden-württembergischen Musikfamilie“ zur Solidarität für notleidende Musikerinnen und Musiker auf: „Lassen Sie ihre hauptamtlichen Kräfte nicht im Stich!“

Bei ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten, die die Existenz der freien Musiker bedrohten, könne beispielsweise ein Vorschuss aus der Vereinskasse als Überbrückung dienen, regt Palm an.

Die Zeit bis Ostern könne man dank der guten Fellbacher Vereinsförderung überbrücken

Darüber hinaus arbeite der Landesmusikverband auf „rasche, wirksame Lösungen“ für wirtschaftlich in Not geratene Musikerinnen und Musiker hin. Der Verband bemühe sich auch um eine Kompensation der finanziellen Verluste von Vereinen, die diese „durch die Absage von Konzerten und anderen Veranstaltungen erleiden“.

„Wie sollen wir unser Programm gestalten, wir können ja gar nicht planen“, beschreibt Florian Ladenburger die unklare Lage. Beim Weißwurstbrunch in der Alten Kelter sei die Stadtkapelle Fellbach noch im Plus gelandet, doch das Benefizkonzert in der Pauluskirche musste abgesagt werden. Nun stehe auch das große Konzert im November auf der Kippe, das als wichtige Einnahmequelle eingeplant war. Die Zeit bis Ostern könne man dank der guten Fellbacher Vereinsförderung überbrücken, und noch sieht Ladenburger einigermaßen gelassen in die Zukunft. Gerne würde sein Verein in der Corona-Krise Spenden sammeln, aber ein Konzert sei ja nicht möglich: „Schade, man ist jetzt machtlos“, stellt der Musiker fest.

Der Verein lebe jetzt von der Substanz, da auch die Beiträge der Eltern eingefroren worden seien

Während die Stadtkapelle bei der Ausbildung ihres Nachwuchses auf die Kooperation mit der städtischen Musikschule setzen kann, finanzieren andere Vereine die Ausbildung selbst. Und das hat Folgen für die Lehrer, die meist nur auf Honorarbasis bezahlt werden. „Wir bezahlen die Ausbilder nach Stunden, und wenn sie nicht unterrichten, fließt kein Geld“, beschreibt Martin Rothwein vom Musikverein Oeffingen das Prinzip.

„Bevor sie uns abspringen, kann man eventuell über einen Vorschuss nachdenken“, es handle sich dabei nur um wenige Musiker. Der Verein lebe jetzt von der Substanz, da auch die Beiträge der Eltern eingefroren worden seien. Mehr Sorge als das Finanzielle bereite ihm indes die künftige musikalische Qualität, wenn jeder nur noch für sich üben könne, erklärt Martin Rothwein.

„Es gibt bei uns eine Grundhaltung, dass wir die Menschen, die für uns arbeiten, nicht fallen lassen. Wir wollen die freiberuflichen Musiker unterstützen. Aber wir sind nicht in der Lage, das über lange Zeit zu tun, deshalb brauchen wir staatliche Hilfe“, fasst der Vorstandsvorsitzende Sven Stritzelberger vom Musikverein Stetten das akute Dilemma zusammen. Möglicherweise müsse das für den 21. Mai geplante Wiesenfest in Kernens Teilort abgesagt werden.

Aber schon jetzt schlage die Krise auch finanziell spürbar durch, da der Pächter des Vereinsheims sein Lokal schließen musste

Und auch das beliebte Open-Air-Konzert, das der Musikverein Rommelshausen am selben Maiwochenende geplant hat, steht auf der Kippe. „Die Situation ist schwierig. Wir wissen nicht, ob wir für die bestellte Bühne und die Technik Stornierungskosten bezahlen müssen.“ Für einen Teil der Festwerbung seien schon Kosten entstanden, berichtet der Vereinsvorsitzende Josef Gschwandl, der mit seinen Vorstandskollegen erst nach Ostern eine endgültige Entscheidung über den Festtermin fällen möchte. Aber schon jetzt schlage die Krise auch finanziell spürbar durch, da der Pächter des Vereinsheims sein Lokal schließen musste. Die geringeren Einnahmen, die der Pächter nun noch mit dem Liefern seiner türkischen Speisen erziele, reichten nur für das Nötigste.

„Ich hoffe, dass sich alles nach Ostern zum Besseren wendet“, erklärt Josef Gschwandl, dessen Verein vor fünf Jahren das Dach des Vereinshauses in Rommelshausen sanieren ließ und dafür ein Darlehen abzahlen muss. Und da auch das übrige Gebäude und die Technik in die Jahre gekommen seien, stünden laufend Reparaturkosten an. Er hoffe nun auf das Verständnis der Eltern – und darauf, dass sie weiterhin die Beiträge für die Musikausbildung zahlten.

Natürlich fehle jetzt vielen Sängern der soziale Kontakt

Kai Müller, der in der Chorgemeinschaft Fellbach mehr als 300 Sängerinnen und Sänger aus Chören in Ludwigsburg, Ditzingen, Untertürkheim, Weil der Stadt und Schmiden anleitet, möchte die anberaumten Konzerte nicht absagen, sondern nur verschieben. „Wir werden in den Sommerferien durchproben und die verlorene Zeit wieder reinholen, kündigt der versierte Chorleiter mit Blick auf das große Konzert am 1. November an, bei dem rund 350 Mitwirkende die Besucher im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle begeistern wollen.

Natürlich fehle jetzt vielen Sängern der soziale Kontakt, der eine große Stärke der Chorgemeinschaft sei. Aber ihre Einzelstimmen könnten die Sänger auch zuhause einüben, dafür verschicke Müller Woche für Woche die Anleitungen per Mail und stelle die Stimmen außerdem online zur Verfügung. Wenn manche Musiker nun per Videoschalte musizierten, habe das nichts mit vernünftiger Chorarbeit zu tun. Chorklang habe etwas mit Präsenz zu tun, alles andere sei nur ein Gag.

Weil die Dirigenten meist über Mitgliedsbeiträge finanziert würden, müssten die Honorare weiterhin fließen, sagt Müller, der bei Problemen Beratung anbietet. Solisten, Bandmitgliedern und Kleinkünstlern entstehe ein enormer Schaden, der hoffentlich vom Rettungsschirm des Landes ausgeglichen werde.

Seine Chorgemeinschaft sei wie eine große Familie, in der man sich helfe, wenn ein Verein in Schieflage gerate. Seinen Stimmbildern habe er bereits einen Vorschuss angeboten. „Uns haut das Virus nicht aus der Bahn“, meint Müller, der die Zwangspause für Archivarbeiten nutzt. Er werde die Krise hoffentlich überstehen, zudem habe er mit seiner Firma für Chorreisen ein weiteres Standbein.

Die Fellbacher Musikschule bietet digitalen unterricht an

Die Musikschule Fellbach setzt in der Corona-Krise auf den digitalen, videogestützten Unterricht. Dazu werden Audio- und Videoaufnahmen ausgetauscht, erklärt die Stadtsprecherin Sabine Laartz. Das sei möglich, wenn die Schülerinnen und Schüler ein Handy oder einen Computer benutzten. Der Unterricht wird möglichst zu den gleichen Zeiten angeboten wie vor der Krise. Ob Gebühren für Unterricht, der nicht erteilt werden kann, erstattet werden, müsse aber noch geprüft werden.

Vor allem der Unterricht für Ensembles ist momentan nicht möglich. Gleiches gilt auch für die Chöre und Orchester. Außerdem können die jüngsten Musikschüler momentan nicht in der musikalischen Früherziehung unterrichtet werden. Musikschüler, die beispielsweise am Instrumentenkarussell teilnehmen, werden inzwischen Notenrätsel und andere Materialien per E-Mail zur Verfügung gestellt. Ähnlich wie bei den Schulen können Eltern diese Aufgaben dann mit ihrem Nachwuchs bearbeiten.

Am vergangenen Wochenende gab es eine Videokonferenz mit Lehrkräften der Musikschule Fellbach, die von ihren Erfahrungen beim Online-Unterrichten berichteten: Das Angebot stoße auf große Resonanz bei den Eltern.