Corona-Krise in der Bundesliga Die große Flaute auf dem Transfermarkt
Durch die Coronakrise hat es auf dem Winter-Wechselmarkt der Bundesliga kaum Aktivität gegeben. „Das ist fast schon beängstigend“, sagt der VfB-Sportdirektor Sven Mislintat.
Durch die Coronakrise hat es auf dem Winter-Wechselmarkt der Bundesliga kaum Aktivität gegeben. „Das ist fast schon beängstigend“, sagt der VfB-Sportdirektor Sven Mislintat.
Stuttgart - Das Sportfernsehen der modernen Prägung hat vor einiger Zeit dem Anlass entsprechend ein völlig neues Format erfunden. Seither ist beim Sender Sky News HD und auf anderen Kanälen an jenem Tag vom sogenannten D-Day, dem Deadline Day die Rede, an dem der Markt für sämtliche Transfers innerhalb sowie hinein in die Fußball-Bundesliga um 18 Uhr seine Pforten schließt.
An diesem Montag ist wieder D-Day gewesen. Doch es ging in der Branche, die in den vergangenen Jahrzehnten nur ein höher, schneller und weiter in Form von stetig anwachsenden Transfersummen und Umsatzrekorden kannte, diesmal deutlich ruhiger zu. Die Corona-Krise lässt grüßen. „Das ist schon fast beängstigend“, sagt etwa der VfB-Sportdirektor Sven Mislintat zu den Aktivitäten auf dem Transfermarkt, die erneut deutlich geringer ausgefallen sind. Denn die Bundesliga geht finanziell am Stock. Auch, weil die gut dotierten Spielerverträge aus der Zeit vor der Pandemie jetzt immens drücken. Während die Profis anders als früher keine allzu große Lust nach einer Luftveränderung verspüren. Denn ein Neuvertrag zu verbesserten Konditionen ist aktuell nur für absolute Starspieler zu ergattern.
„Im Sommer haben noch alle gesagt, dass die ausgefallenen Wechsel im Winter nachgeholt werden“, ergänzt Mislintat: „Aber es ist auch diesmal wieder wahnsinnig ruhig gewesen. Es war fast gar keine Bewegung drin.“
Tatsächlich ist für die meisten Clubs sparen Trumpf, seit durch Corona die Einnahmen aus den TV-Geldern etwas geringer geworden sind – und zudem die Zuschauer-Einnahmen aus den Heimspielen nun schon seit zehn Monaten komplett wegfallen. „Fast alle Clubs müssen daher erst verkaufen, ehe sie sich nach neuen Spielern umschauen können“, sagt Mislintat, der in dieser Winter-Transferperiode überhaupt keinen neuen Spieler geholt hat. Im Gegenzug verließen mit Ailton (zum FC Midtjylland) und Maxime Awoudja (zu Türkgücü München) nur zwei Spieler aus der zweiten Reihe den VfB. Schließlich sind in Zeiten, in denen auch in Stuttgart ein weiterer Gehaltsverzicht durch die eigenen Profis ein sehr wahrscheinliches Szenario ist, hohe Millionen-Transfers nicht zu vermitteln.
Eine Ausnahme bilden hier nur internationale Topadressen wie der FC Bayern oder die im Fachjargon als „Owner-Clubs“ bezeichneten Vereine, also Clubs mit einem externen Geldgeber wie viele englische Vereine oder etwa RB Leipzig, das trotz Corona-Krise mit der Verpflichtung des Ungarn Dominik Szoboszlai von RB Salzburg für 20 Millionen Euro den ligaweiten Königstransfer realisiert hat.
Anderenorts wird der Gürtel enger geschnallt: Gerade mal fünf Bundesligavereine nahmen diesmal überhaupt Geld in die Hand. Gab die Liga im Winter 2019/20 noch 196 Millionen Euro für neue Spieler aus und nahm 86 Millionen Euro ein, wurde diesmal auf beiden Seiten lediglich ein Drittel dieser Summen bewegt. Christian Seifert, der Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hat die Umsatzeinbrüche auf dem deutschen Transfermarkt im Jahr 2020 auf rund 300 Millionen Euro beziffert. Weil wenig Geld da ist, sind inzwischen Leihgeschäfte groß in Mode gekommen – so beweist etwa Eintracht Frankfurts Sportchef Fredi Bobic mit der Rückholaktion von Luka Jovic von Real Madrid auf Leihbasis ein glückliches Händchen.
Der selbst ernannte Big City Club Hertha BSC, der von den Finanzspritzen des Investors Lars Windhorst profitiert, holte den 2007er-VfB-Meisterspieler Sami Khedira von Juventus Turin. Zwar kommt Khedira ablösefrei – kostet für die restlichen 15 Spiele bis Sommer aber immerhin stolze zwei Millionen Euro an Gehalt.
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Aus seiner Zeit in Stuttgart kennt auch Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider Khedira sehr gut. Natürlich hätte sich auch das Liga-Schlusslicht S04 den Mittelfeldspieler gut als emotionalen Anführer auf dem Platz vorstellen können. „Derlei Geschäfte sind für Schalke aber aktuell nicht drin“, erklärte Schneider.
Im Gegenteil: Auch am D-Day ging der Aderlass der Königsblauen weiter. So wurde Verteidiger Ozan Kabak zum FC Liverpool transferiert, während im Gegenzug Skodran Mustafi vom FC Arsenal kommt. Sportlich ist die Rochade ein Verlust, denn Mustafi kam bei den Gunners nur auf drei Einsätze. Doch für Kabak winken den Schalker mit Leihgebühr plus Kaufoption nach Saisonschluss 30 Millionen Euro.
Generell erwarten die Experten aber auch langfristig eine Abkühlung des Marktes: „Es wird immer Ausreißer bei absoluten Topspielern geben“, sagt Sven Mislintat: „Dennoch werden die Transfersummen und die Gehälter auch nach Corona geringer ausfallen.“