Corona-Krise und der Sport Der Interessenskonflikt im Football

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Der deutsche Verband möchte die Saison 2020 spielen, zehn der 16 Erstligisten sind jedoch dagegen – auch die Stuttgart Scorpions.

Die Corina-Krise setzt dem deutschen Football enorm zu. Foto: Baumann
Die Corina-Krise setzt dem deutschen Football enorm zu. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Verzweiflung ist groß: Auf Biegen und Brechen möchte der American Football Verband Deutschland (AFVD) noch in diesem Jahr den Spielbetrieb starten, und weil das so ist, wird abenteuerlich argumentiert. Football sei eine Kollisionssportart und keine Kontaktsportart, heißt es. Deshalb sei eine Infektionsgefahr dramatisch niedriger als bei Ballsportarten wie etwa Fußball. Überdies seien die Spieler ja auch ausreichend angezogen. Es wird da so getan, als kämen sie auf dem Platz ganz ohne das Atmen aus.

„Da lachen alle drüber. Wenn Football keine Kontaktsportart ist, was dann? Also mir fällt keine andere Sportart ein, in der die Akteure so aufeinandertreffen wie bei uns“, sagt Volker Lässing, der Vorstandschef des Bundesligisten Stuttgart Scorpions. Lässing versteht zwar, dass der Verband die Saison wegen Sponsorenverträgen noch irgendwie retten möchte, aber die meisten Vereine, so auch die Stuttgarter, sehen es anders. „Wir stehen der Sache relativ skeptisch gegenüber, weil wir nicht wissen, ob wir überhaupt und unter welchen Bedingungen wir spielen können.“ Die Frage sei, ob die Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten seien. Auch sei nicht klar, ob man das Gazi-Stadion nutzen dürfe. Lässing sieht sich in einem Wust von Unklarheiten.

Im September soll es losgehen

Die Fragen, die er sich stellt, beschäftigen auch die meisten seiner Kollegen. Von 16 Erstliga-Clubs haben sich zehn dafür ausgesprochen, die Saison wegen der Corona-Pandemie abzusagen – und damit komplett sausen zu lassen. Weil aber im erlauchten Kreis des Verbandes mehr Vertreter der Clubs eine Stimme haben, die für einen Saisonstart sind, wird vorerst an den Plänen festgehalten. Im September und Oktober will der AFVD die normalen Rundenspiele absolvieren lassen, im November stehen dann die entscheidenden Partien um die Meisterschaft auf dem Programm. Letztendlich darüber entschieden soll aber erst Mitte Juni werden.

Geisterspiele, auch das ist dem Vorstandschef der Stuttgart Scorpions klar, die kommen für die meisten Clubs überhaupt nicht in Frage. Die Kosten der Vereine werden über Zuschauereinnahmen gedeckt, weil man ja keine Einkünfte aus Fernsehübertragungen habe, sagt Lässing. Ohne Einnahmen sind einige Clubs gefährdet. Und sollte es tatsächlich im September losgehen, dann müssten die Spieler mindestens sechs Wochen zuvor mit intensiven Trainingseinheiten beginnen – ansonsten ist das Verletzungsrisiko viel zu hoch.

Zu viele Kleingruppen

Am Training scheiden sich ohnehin die Geister. Die Möglichkeiten stellen sich im Corona-Jahr komplett anders dar als zuvor. Die Footballer wissen, dass sie in Kleingruppen trainieren müssen, aber das wird im Hinblick auf die personelle Stärke der Mannschaften ein schwieriges Unterfangen. Das Scorpions-Team für die German Football League hat 70 Spieler. „Wenn wir die jetzt in die geforderten Kleingruppen von fünf Personen aufteilen, dann fangen wir mit das Training mittags um 14 Uhr an - und sind um 22 Uhr fertig“, sagt Volker Lässing.

Hinzu kommt: Die Scorpions verfügen über insgesamt neun Mannschaften. Die Damen haben 50 Spielerinnen, allein 60 Talente hat die U19. „Das stellen wir uns natürlich die Frage: Wie bekomme ich ein Training zustande? Habe ich genügend Trainingsplätze? Lässt uns die Stadt Stuttgart auch ins Gazi-Stadion, um es als Trainingsstätte zu nutzen?“ fragt sich Lässing, der eher gegen den Spielbetrieb ab September ist, aber alternativ für Freundschaftsspiele. Damit die Footballer in diesem Jahr zumindest noch ein bisschen was haben von ihren Sport.