Corona-Lockdown-Studie Deutsche sind einsamer – vor allem Frauen und Jüngere

Von Laura Kurtz 

Die psychische Gesundheit der Menschen leidet in der Corona-Krise zwar weniger als bislang angenommen. Doch die Einsamkeit ist gestiegen – in manchen Bevölkerungsgruppen ganz besonders.

Viele Menschen sehnen sich in der Corona-Krise nach einer herzlichen Umarmung. Foto: imago images/Shotshop
Viele Menschen sehnen sich in der Corona-Krise nach einer herzlichen Umarmung. Foto: imago images/Shotshop

Stuttgart/Berlin - Die Corona-Krise hat das Leben vieler Menschen in Deutschland grundlegend verändert. Finanzielle Sorgen, die Mehrbelastung durch Kinderbetreuung und die fehlenden sozialen Kontakte könnten zu einem wesentlichen Anstieg der psychischen Belastung in der deutschen Bevölkerung führen. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat dies untersucht und gibt nun einen ersten Einblick in die Folgen der Krise.

Aus den Ergebnissen geht hervor, dass die Deutschen den ersten Monat des Lockdowns besser verkraftet haben als erwartet. Zwar ist die subjektive Einsamkeit im Vergleich zu den Vorjahren erheblich angestiegen, andere Indikatoren für psychische Belastungen, wie die Lebenszufriedenheit oder das emotionale Wohlbefinden, sind jedoch bisher unverändert. Einigen Bevölkerungsgruppen sollte dennoch besondere Aufmerksamkeit zuteil werden.

Anstieg der Einsamkeit – vor allem bei Frauen und Jüngeren

Abstand halten, zu Hause bleiben, möglichst wenig soziale Kontakte – die Menschen waren und sind während des Lockdowns zu einer gewissen Isolation gezwungen. Das zeigt sich auch in den Ergebnissen der Studie: Die Corona-bedingten Einschränkungen haben im April 2020 zu einem deutlichen Anstieg der subjektiven Einsamkeit geführt. Dabei beschreibt der Begriff „Einsamkeit“ die Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen.

Während die Deutschen im Jahr 2017 recht wenig einsam waren (Durchschnittswert 3 auf einer Skala von 0 bis 12), stieg dieser Wert durch die Krise auf 5,4, wie es in der Auswertung heißt. Das heißt: Eine Person, die im April 2020 durchschnittlich einsam ist, hätte vor Corona im Jahr 2017 zu den 15 Prozent der einsamsten Menschen in Deutschland gezählt.

Zu stärkerer Einsamkeit kommt es über alle Bevölkerungsgruppen hinweg, zwei Gruppen sind der Studie zufolge aber besonders betroffen: Frauen und junge Menschen. Nahezu doppelt so viele Frauen geben an, in der Krise einsam zu sein als im Vergleichsjahr 2017. Im Vergleich der Altersgruppen zeigt sich eine deutliche Abnahme der Einsamkeit mit zunehmendem Alter.

Laut den Autoren ist es denkbar, dass sich die gestiegene Einsamkeit – sollte sie nicht wieder zurückgehen – langfristig auf das Wohlergehen und die psychische Gesundheit auswirken wird. Daher sollte im Verlauf der nächsten Monate beobachtet werden, ob die Einsamkeit unter der Bevölkerung nach einer Lockerung der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen wieder sinkt.

Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden nahezu unverändert

Dennoch scheint es um die physische Gesundheit der Menschen aktuell gut zu stehen, wie die Auswertung weiter zeigt: Andere Kennzeichen des Wohlbefindens sind trotz des starken Anstiegs der Einsamkeit der Deutschen bisher unverändert.

So zeigten die Befragten im April 2020 im Durchschnitt eine allgemeine Lebenszufriedenheit von 7,4 auf einer Skala von 0 bis 10 – dieser Wert ist unverändert zum Wert des Vorjahrs. Auch das emotionale Wohlbefinden hat sich nicht verändert und liegt im April 2020 bei 14,7. Sowohl für die Lebenszufriedenheit als auch für das Wohlbefinden waren die Angaben in den vergangenen Jahren sehr stabil.

Wo mit Blick auf Einkommensgruppen sonst Unterschiede in der Lebenszufriedenheit festzustellen waren, gleichen sich die Höher- und Niedrigverdienenden in diesem Jahr an. Über alle Einkommensgruppen hinweg wird im April 2020 eine ähnliche Lebenszufriedenheit berichtet.

Gestiegen ist jedoch die durchschnittliche Depressions- und Angstsymptomatik. Sie lag im April 2020 bei 2,4 (Wertebereich 0 bis 12) und ist damit deutlich höher als noch 2019, als der Wert bei 1,9 lag. Allerdings ist das aktuelle Niveau nicht außergewöhnlich hoch, sondern mit der Depressions- und Angstsymptomatik im Jahre 2016 vergleichbar, als der Wert bei 2,3 lag.

Weniger Sorgen um die Gesundheit

Eine weitere unerwartete Erkenntnis geht aus der Studie hervor: In der Corona-Krise machen sich die Deutschen seltener große Sorgen um ihre Gesundheit und sind insgesamt zufriedener mit ihrer Gesundheit als in den Jahren zuvor. Der Anteil der Personen, der angibt, sich große Sorgen um seine Gesundheit zu machen, ist während des Lockdowns deutlich von 19 Prozent im Vorjahr auf zehn Prozent im April 2020 gesunken – so gering war die Sorge in den vergangenen fünf Jahren nicht.

Die durchschnittliche Zufriedenheit mit der Gesundheit ist messbar gestiegen, von durchschnittlich 6,6 auf 7,3 Punkte im April 2020. Allerdings handelt es sich bei diesen Effekten möglicherweise um Kontrasteffekte. Das bedeutet, dass die Menschen ihre eigene Lage nun im Kontext der Pandemie und einer möglichen eigenen Erkrankung besser bewerten und damit relativ gesehen zufriedener sind beziehungsweise sich weniger Sorgen um ihre Gesundheit machen.

Über die Studie

Die Ergebnisse sind erste Schlussfolgerungen aus der SOEP-CoV-Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auf Basis der Langzeitbefragung Sozio-oekonomisches Panel (SOEP). In ihrem Rahmen werden SOEP-Haushalte von April 2020 bis Juni 2020 – zusätzlich zu der regelmäßigen jährlichen Befragung – zu ihrer beruflichen und familiären Situation sowie zu ihren Sorgen und ihrer Gesundheit befragt. Aus den Daten lässt sich ablesen, wie der Lockdown das Niveau der selbstberichteten psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens der in Deutschland lebenden Menschen im Vergleich zum Niveau der Vorjahre beeinflusst hat.

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