Stuttgart - In den kommenden Monaten sollen auch in Deutschland Millionen von Menschen gegen Corona geimpft werden. Doch wie sicher sind die Impfstoffe? Und was passiert, wenn man sich nicht impfen lassen will?
Wie sicher sind die Impfstoffe?
Die derzeitigen Studien haben bisher keine schwerwiegenden Nebenwirkungen ergeben. Allerdings können nicht nur die Impfstoffe selbst, sondern auch die zur Verstärkung der Wirkung eingesetzten Zusatzstoffe, die sogenannten Adjuvantien, Nebenwirkungen auslösen. Dies war vor einigen Jahren teilweise bei einem Impfstoff gegen die Schweinegrippe der Fall gewesen. Langzeitfolgen von Impfungen seien generell sehr selten, heißt es bei der Ständigen Impfkommission (Stiko). Probleme tauchten in der Regel zwei bis drei Wochen nach der Impfung auf. Manche Kritiker warnen, dass es durch mRNA-Impfstoffe und andere genbasierte Vakzine zu bleibenden Veränderungen des menschlichen Erbguts kommen könnte. Mediziner und Genetiker sehen keine Hinweise.
Werden bei einer schnellen Einführung Standards vernachlässigt?
Die zuständigen Gremien betonen, dass geltende Standards eingehalten werden. „Wir wollen keine Zeit verlieren. Trotzdem werden wir nicht einfach irgendetwas durchwinken“, versichert das Stiko-Mitglied Christian Bogdan vom Uniklinikum Erlangen. Um die Abläufe ohne Sicherheitseinbußen zu beschleunigen, konnten die Hersteller Ergebnisse nach und nach einreichen.
Können Geimpfte andere infizieren?
Bei den derzeit kurz vor der Zulassung stehenden Impfstoffen wie etwa dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist dies noch nicht klar. Für den individuellen Schutz geimpfter Personen ist dieser Punkt zwar nicht entscheidend, wohl aber im Hinblick auf die Bekämpfung der Pandemie.
Wie hoch ist die Impfbereitschaft?
Laut einer Umfrage von Infratest dimap im Rahmen des ARD-Deutschland-Trends von Mitte November wollen sich 37 Prozent der Deutschen auf jeden Fall impfen lassen, wenn ein Impfstoff vorliegt – im August waren es noch sieben Prozent mehr. 34 Prozent halten es zumindest für wahrscheinlich, dass sie sich impfen lassen. 29 Prozent gaben hingegen an, dass sie sich „wahrscheinlich nicht“ oder „auf gar keinen Fall“ impfen lassen wollen. In einer anderen Umfrage stimmten in Deutschland 69 Prozent der Menschen der Aussage „voll und ganz“ oder „eher“ zu, dass die Impfstoffe sicher sind.
Welche Rolle spielt die Corona-Politik für die Akzeptanz einer Impfung?
Der Virologe Alexander Kekulé hält es für entscheidend, dass die Corona-Maßnahmen für die Mehrheit der Bevölkerung nachvollziehbar sind. „Sonst bekommen wir auch mit Blick auf die Impfung Probleme. Da brauchen wir eine ausreichende Zahl von Menschen, die aus eigener Überzeugung mitmachen. Sonst erreichen wir die Herdenimmunität nicht“, sagte er unserer Zeitung. Bisher gingen Experten davon aus, dass sich zur Erreichung der Herdenimmunität rund zwei Drittel der Bevölkerung impfen lassen müssten.
Darf der Staat tatsächlich eine Impfpflicht beschließen?
Ja. Vor mehr als zwei Jahrhunderten, im Jahr 1807, wurde in Bayern die Pockenschutzimpfung staatlich angeordnet. Seitdem streiten nicht nur Mediziner, sondern auch Juristen übers Impfen. Das Bundesverwaltungsgericht hat 1959 eine Impfpflicht für zulässig erachtet, auch damals ging es um Pocken. Das Bundesverfassungsgericht hat in diesem Frühjahr einen Antrag abgelehnt, der sich gegen die Masernimpfung richtet.
Wird es eine staatliche Impfpflicht bei Corona geben?
Anfangs sicher nicht. Politiker aller Couleur betonen die Freiwilligkeit. Es ist davon auszugehen, dass dies auch so bleibt – zumal neben den bekannten Argumenten der Impfskeptiker bei Corona die fehlende Erfahrung mit den neuen Impfstoffen als Risiko hinzukommt.
Gibt es eine Impfpflicht durch die Hintertür?
Wahrscheinlich ja, doch dabei ist zu differenzieren. Der Staat wird wohl für kein Tun oder Unterlassen seiner Bürger eine Impfung vorschreiben. Private Organisationen oder Unternehmen können das anders halten. Ob die Gerichte dies dulden, wird vom Einzelfall abhängen. Ein Impfnachweis für die Nutzung des Nahverkehrs, um zur Arbeit zu kommen, wird höhere Hürden haben als eine Nachweispflicht beim Betreten einer Messe. Den deutschen Gerichten entzogen sind Spieler aus dem Ausland. Die australische Fluggesellschaft Qantas etwa hat angekündigt, eventuell einen Impfnachweis von ihren Passagieren zu verlangen. Staaten können einen Nachweis bei der Einreise fordern, so wie heute schon beim Gelbfieber.