Corona und der Drang nach draußen Ausflugsziele rund um Stuttgart unter Druck

Wunderschönes Fleckchen Erde: der Glemsmühlenweg zwischen Markgröningen und Unterriexingen Foto: factum/Andreas Weise 13 Bilder
Wunderschönes Fleckchen Erde: der Glemsmühlenweg zwischen Markgröningen und Unterriexingen Foto: factum/Andreas Weise

Ein lähmendes Virus hat das Freizeitverhalten verändert: Die Menschen zieht es mehr in die Landschaft vor ihrer Haustür. Wandervereine und Touristikverbände freut das. Doch es gibt auch Schattenseiten.

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Kreis Ludwigsburg - Verreisen geht nicht, Freunde treffen ebenfalls nicht, und Ferien sind auch mal wieder. Viele vom Lockdown geschlauchte Menschen zieht es hinaus in die nähere Umgebung. Manche lernen ihren Landkreis erstmals richtig kennen. „In die Natur zu gehen, ist in der angespannten Situation ja auch perfekt, um dem Corona-Blues zu entkommen“, sagt Dietmar Gretter, Geschäftsführer des Naturparks Stromberg-Heuchelberg, dem 25 Gemeinden aus den Landkreisen Ludwigsburg, Enz, Heilbronn und Karlsruhe angehören. „Es ist absolut positiv, dass die Leute wahrnehmen, was es Tolles in ihrer Nähe gibt.“

Dass das Sprichwort „Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah“ durch Corona neue Bedeutung erlangt hat, merkt man auch beim Schwäbischen Albverein. Im Vergleich zu früheren Jahren seien deutlich mehr Wanderer, Nordic Walker, Jogger und auch Mountainbiker unterwegs, vermeldet der Verein. Liegt Schnee, gesellen sich zudem Familien auf Schlittenhangsuche dazu. Besonders beliebte Ziele sind nach Erfahrung der Vereinsmitglieder der Monrepos-See und die Zugwiesen in Ludwigsburg, die Hessigheimer Felsengärten, das Naturschutzgebiet Enztalschlingen zwischen Vaihingen-Roßwag und Mühlhausen, die Weinberge rund um Hohenhaslach und der dortige Weitblickweg, aber auch der Wunnenstein bei Winzerhausen und das Bottwar- und Murrtal.

Wild in Todesangst

Doch die Entdeckungslust hat auch Kehrseiten. Zu viel Volk in Wald und Fluren stresst die Tiere, die dort leben. „Jetzt im Winter müssen die Wildtiere Energie sparen“, mahnt Dietmar Gretter. „Jede Störung macht diese Strategie zunichte.“ Menschen, die nicht auf den Wegen blieben, und frei laufende Hunde in sensiblen Gebieten seien da Gift. Die Folgen sind teils drastisch. Ein Foto eines zu Tode gebissenen, trächtigen Rehs haben die Jagdpächter im Wüstenbachtal bei Burgstall (Rems-Murr-Kreis) an den Spazierweg gehängt – mit dem Kommentar: „Liebe Hundefreunde, das neue Jahr beginnt genau so, wie das alte aufgehört hat! Immer wieder gerissenes oder zu Tode gehetztes Rehwild! Hier auf dem Bild ist eine hochträchtige Rehgeiß, gehetzt und mit Bisswunden am Hals von Hunden!“ Jeden nicht gehorsamen Hund werde man fortan zur Anzeige bringen – „oder auch vom Jagdschutzrecht Gebrauch machen“.

Hunde und Menschen, die das Wild aufschrecken, sind ein Problem. Ein anderes ist, dass an Hotspots das Abstandhalten nicht immer klappt. „Wenn Sie an den Hessigheimer Felsengärten Begegnungsverkehr haben, wird’s schwierig“, sagt Christel Krumm, Vorsitzende des Stromberggaus im Schwäbischen Albverein. Gegenseitige Rücksichtnahme sei auch in der Natur das A und O.

 

Immer dem Logo hinterher

„Es liegt nahe, dass viele Menschen, wenn sie Ziele suchen, auf dieselben Ziele kommen“, meint Dietmar Gretter vom Naturpark Stromberg-Heuchelberg. Im Sommer habe er mitunter gedacht: „Wenn die großen Parkplätze an der Ehmetsklinge voll ist, dann müsste man folgern können, dass es am See selbst auch voll ist.“ Zwischendurch musste der Badesee wegen Überfüllung gesperrt werden. „Als das Wetter so toll und die Schwimmbäder zu waren, brachte das die hiesigen Badeangebote an die Grenzen.“ Freilich: Das Problem entstand auch, weil der Bürgermeister von Obersulm (Kreis Heilbronn) den Breitenauer See dicht machte und so den Verdrängungswettbewerb befeuerte.

Wem es um Sonne und frische Luft geht, der muss aber mitnichten immer die bekannten Ziele ansteuern. „Bei uns gibt es viele tolle Strecken und Aussichten, die überhaupt nicht überlaufen sind“, schwärmt der Geschäftsführer des Naturparks, und verweist auf die Homepage und Broschüren mit Tipps. Man brauche nicht einmal große Kartenlesekompetenz: Der Naturpark biete mit seinen „Wanderdreiklängen“ ein lückenloses, einheitlich beschildertes Wegenetz mit mehr als 60 Rundwanderwegen. „Man muss nur einen unserer Wanderparkplätze anfahren, und los geht’s, immer dem Logo hinterher.“

Für Naturerlebnis braucht es keine Gebrauchsanleitung

Eltern rät Gretter, sich über die Planung nicht zu sehr den Kopf zu zerbrechen: „Oft sind sie unsicher, was sie mit den Kindern machen sollen, und zu kritisch oder anspruchsvoll. Man muss sich gar nicht immer eine Gebrauchsanleitung ausdenken.“ Für Kinder sei die reine Sinneswahrnehmung, der Aufenthalt in der Natur an sich schon ein Abenteuer. Holz anfassen, verschiedenfarbige Naturmaterialien sammeln: „Einfache haptische Erfahrungen sind wichtig. Hauptsache raus, die Kinder finden dann schon was.“

Das kann Christel Krumm nur unterstreichen. Kinder seien in der freien Natur nach wie vor begeisterungsfähig. Der Albverein habe viele gekennzeichnete Wege, da könne man an nahezu jeder Ecke schöne Touren machen. Corona mache zwischenzeitlich als etwas altbacken abgelegte Bräuche wie das Rucksackvesper wieder zum Trend. „Die Einkehrmöglichkeiten fehlen ja“, sagt sie. Gerade viele Albvereinler, die gern gemeinsame Wanderungen unternähmen, vermissten das schmerzlich: „Die Geselligkeit ist ein wichtiger Faktor.“ Kindern mache es hingegen auch Freude, beim Vorbereiten zu helfen, einzuschätzen, was man tragen könne, und nach der Anstrengung an einem schönen Fleck zu vespern – „und danach den Müll wieder mitzunehmen“, betont Krumm.

Falschparken kann richtig teuer werden

„Viele Ziele kann man öffentlich erreichen, man braucht nicht immer das Auto“, sagt sie. Wenn man zu entsprechenden Zeiten fahre, drohe auch keine Überfüllung. Dem Verkehrsverbund Stuttgart, dem Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehr und dem Verkehrsverbund Pforzheim-Enzkreis zollt der Albverein großes Lob: Das Angebot sei ausgebaut worden.

Kontinuierlich Knöllchen verteilt werden mussten hingegen durch das veränderte Freizeitverhalten am Neckar und an der Enz, besonders im Sommer, „als die Enz als Freibadersatz diente“, berichtet Frank Wittmer, Sprecher des Landratsamtes, in dem auch die Untere Naturschutzbehörde angesiedelt ist. Ausflügler ließen gerne mal ihr Auto abseits der Parkplätze am Wasser stehen. Die Anzahl der Parkverstöße in der freien Landschaft sei „deutlich angestiegen“. Das kann richtig teuer werden: Nach dem Bußgeldkatalog „Umwelt“ ist dafür ein Bußgeld von 88,50 Euro – 60 Euro Bußgeld und 28,50 Euro Gebühr – fällig.




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