Corona-Virus breitet sich aus Wie gut ist Deutschland vorbereitet?

An Flughäfen wie hier in Frankfurt weisen große Schilder auf mögliche Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus hin. Foto: dpa/Andreas Gora

In China sind drastische Abwehrmaßnahmen gegen die Ausbreitung des neuartigen Virus in Kraft. Ein erster Fall ist nun in Deutschland bestätigt – so schätzen Experten die Gefahr für die Bundesrepublik ein.

Peking/Berlin - Die Zahlen steigen ständig: Inzwischen gehen die chinesischen Behörden von annähernd 2800 bestätigten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus aus, mindestens 80 Menschen seien bereits daran gestorben. Wie andere Länder denkt auch die Bundesregierung darüber nach, die eigenen Bürger aus der Region um Wuhan zurückzuholen. Derweil versuchen Wissenschaftler zu ergründen, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur aktuellen Entwicklung.

 

Wie ist die Situation?

Nach einhelliger Meinung der Experten lässt sich die Lage derzeit mit „extrem volatil“ beschreiben. Das zu den Coronaviren gehörende Virus hat jetzt den noch vorläufigen Namen 2019-nCoV erhalten. In hohem Tempo kamen in den letzten Tagen immer neue Informationen und erste wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse auf den Markt – und diese Situation dürfte in nächster Zeit anhalten.

Wie ist die Lage in China?

Wie ernst die chinesische Regierung die Lage einschätzt, zeigen die drastischen Reisebeschränkungen, die sie in den vergangenen Tagen verhängt hat. Wuhan und andere Großstädte wurden abgeriegelt, die Neujahrsferien zwangsweise verlängert. Shanghai verhängte für Unternehmen einen Zwangsurlaub bis zum 9. Februar, in Wuhan wird in aller Eile ein neues Krankenhaus gebaut. Die Kosten gehen in die Milliarden Euro.

Wie reagiert die Welt?

Rund 50 Fälle sind bisher außerhalb von China festgestellt worden. Allerdings gibt es in anderen Ländern bisher weder Todesfälle noch Anzeichen, dass die Infektion sich dort weiter ausgebreitet hat. Einzelne Länder wie etwa die Mongolei oder Malaysia haben Einreisebeschränkungen verhängt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in Alarmbereitschaft und verschafft sich vor Ort ein Bild der Lage. Bisher hat sie aber keine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ erklärt. Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), schätzt die Gefahr einer weltweiten Ausbreitung des Virus über Einzelfälle hinaus als „zur Zeit gering“ ein.

Wie groß wird die Gefahr für Deutschland eingeschätzt?

Als nach wie vor „sehr gering“, wie RKI-Chef Lothar Wieler am Montag in einem Fernsehinterview betonte. Beim RKI laufen bundesweit alle Informationen zusammen. Die Behörde gibt derzeit eine stets aktualisierte Einschätzung der Lage heraus. Deutschland sei zudem „absolut gut vorbereitet“, so Wieler. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht Deutschland gut gewappnet: „Grundsätzlich sind wir wachsam, wir nehmen die Dinge sehr ernst, wir sind gut vorbereitet“, sagte er in Berlin. Auf die Frage, ob in Deutschland wie in China auch die Abschottung ganzer Städte möglich sei, führte Spahn das Beispiel von Masern an, die deutlich ansteckender seien als das Coronavirus. „Wir bekommen auch einen Masernausbruch in Deutschland mit deutlich milderen Maßnahmen in den Griff, als wir sie derzeit in China sehen.“ Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums ergänzte, sie könne nicht ausschließen, dass es künftig Kontrollen in Form von Screenings an den Flughäfen geben könnte. Erstmals wurde am Montagabend in Deutschland eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern habe sich mit dem Erreger infiziert, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München mit.

Wie aggressiv ist das Virus?

Die derzeitigen Erkenntnisse sprechen dafür, dass das Virus 2019-nCoV deutlich weniger aggressiv ist als die verwandten Coronavirus-Varianten, welche die Lungenkrankheiten Sars und Mers hervorgerufen haben. So gehen die Fachleute davon aus, dass jetzt weniger als ein Prozent der Infektionen tödlich verlaufen – bei Sars und Mers waren es bis zu 13 Prozent. Allerdings weisen Experten auch auf die Gefahr hin, dass das Virus im Zuge seiner Ausbreitung aggressiver werden könnte.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr?

Das ist derzeit nicht genau bekannt. Die bisherigen Coronaviren-Varianten sind wohl erst dann richtig ansteckend, nachdem die ersten Symptome bereits aufgetreten sind. Das hat man bisher auch bei der jüngsten Variante 2019-nCoV angenommen. Doch es gibt Hinweise aus China, dass wohl auch Menschen, die ohne Symptome infiziert sind, das Virus übertragen können. Vermutet wird allerdings, dass wie bei Sars und Mers vermutlich vor allem schwer erkrankte Menschen als wirkungsvolle Infektionsquellen fungieren.

Wie gefährlich ist das Virus dann insgesamt wirklich?

Das wissen die Fachleute derzeit noch nicht so genau. Da die Epidemie vermutlich erst am Anfang steht, werden die nächsten Tage mehr Klarheit bringen. Die Entwicklung hängt vor allem davon ab, wie sich die Aggressivität des Virus weiter entwickelt und wie stark die Infektionsgefahr tatsächlich ist. Experten weisen darauf hin, dass die Mortalität auch davon abhängt, wie viele Menschen mit geringen oder gar keinen Symptomen die Infektion überstehen. So könnte die Sterblichkeitsrate durchaus in der Nähe von gerade mal 0,1 Prozent liegen – weniger als bei einer saisonalen Influenza.

Was sollen Reisende tun?

Inzwischen gibt es Warnungen an den Flughäfen, etwa am Frankfurter Flughafen. Dort heißt es: „Nach einer Inkubationszeit von zwei bis 14 Tagen können folgende Symptome auftreten: Fieber, Husten, Atemnot. Sollten Sie bereits bei Ankunft am Flughafen an Symptomen leiden, wenden Sie sich umgehend an das Flughafenpersonal. Bei späterem Auftreten von Symptomen gilt: Bleiben Sie zu Hause, vermeiden Sie unnötige Kontakte, suchen Sie einen Arzt auf und melden Sie sich unter Hinweis auf Ihre Reise und Ihre Beschwerden telefonisch an.“

Wie geht es weiter?

Weltweit wird die Lage von den zuständigen Behörden wie auch der Öffentlichkeit aufmerksam beobachtet. So kann im Notfall schnell und wirkungsvoll gehandelt werden, sollte sich die Lage verschärfen und sich das Virus außerhalb von China ausbreiten. In Deutschland gibt es dafür fest installierte Vorschriften und Prozeduren. Andererseits warnen Experten auch davor, die Lage zu dramatisieren. Einer von ihnen ist Clemens Wendtner, Chefarzt für Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing. „Es ist für mich insgesamt erstaunlich, dass in Deutschland über 20 000 Influenza-Tote jährlich in der öffentlichen Wahrnehmung weniger schockierend wirken, obwohl hier sogar durch einen einfachen Grippeimpfstoff viel Leid und letztendlich auch viele Todesfälle effizient vermeidbar wären”, sagt der Experte, der Mitglied im Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger beim RKI ist.

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