Coronavirus im Kreis Böblingen Junge Menschen in Rutesheim geimpft

Der 20-jährige Lasse Matz wird von der Krankenschwester Sigrid Radloff geimpft. Foto: Simon Granville

In diesen Tagen einen Impftermin gegen das Coronavirus zu bekommen, ist beinahe unmöglich, erst recht für junge, gesunde Menschen. Das hielt die Bürgermeisterin von Rutesheim für ungerecht. Nun wurde im Rathaus Astrazeneca injiziert.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Rutesheim - So niedrig wie am Donnerstagnachmittag war der Altersdurchschnitt im Sitzungssaal des Rutesheimer Rathauses wohl selten: Auf jedem zweiten Platz sitzt eine junge Frau oder ein junger Mann, die die obligatorische Viertelstunde Ruhezeit nach ihrer Impfung gegen Corona abwarten. „Es hat überhaupt nicht weh getan, das war ganz toll“, schwärmt Pia Epple. Die 27-jährige Rutesheimerin hat soeben eine Impfdosis Astrazeneca gespritzt bekommen. Verunsichert wegen möglicher Risiken aufgrund des Astrazeneca-Impfstoffs war sie nicht: „Manche Freunde haben gestutzt, als ich davon erzählt habe. Aber ich habe mich deshalb nicht rechtfertigen müssen“, sagt sie.

 

Man habe von den Jüngeren so lange Solidarität gefordert

Rund 130 Frauen und Männer wurden am Donnerstagnachmittag im Minutentakt im Rutesheimer Rathaus geimpft. Der Großteil von ihnen war zwischen 18 und 28 Jahre alt. Initiiert hatte diese Aktion die Bürgermeisterin Susanne Widmaier gemeinsam mit der Bondorfer Ärztin Cornelia Ikker-Spiecker. „Die Alten und Kranken sind schon geimpft“, erläutert Widmaier. Nun aber müssten auch die Jüngeren gegen Corona immunisiert werden, findet sie: „Man hat von den Jungen so lange Solidarität gefordert.“ Nun, da es Lockerungen und bestimmte Privilegien für Geimpfte gebe – etwa sich nicht alle paar Tage testen lassen zu müssen, wenn man irgendwohin wolle – halte sie die Situation für problematisch, „denn viele Junge hatten bisher gar keine Möglichkeit, sich impfen zu lassen.“

Auch bei den Hausärzten, wo die Impfpriorisierung inzwischen aufgehoben ist, würden die jungen Menschen bisher durchs Raster fallen, weil die Ärzte natürlich die Krankenakten ihrer Patienten kennen – und dann ebenfalls Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen vorziehen würden, sagt sie. Aus diesem Grund wusste Widmaier sofort, dass sie die jüngeren Menschen in den Fokus nehmen wolle, als ihr die Bondorfer Cornelia Ikker-Spiecker anbot, mit ihrem Team vorbeizukommen. Die beiden kennen sich aus dem Kreistag.

Ein Fake-Account auf Instagram kam der Stadt zugute

Parallel kam der Bürgermeisterin noch etwas Anderes zugute: Vor einiger Zeit hatte ein junger Mann eine falsche Instagramseite der Stadt Rutesheim aufgebaut. Innerhalb kurzer Zeit folgten dem Mann extrem viele Menschen. Nachdem Susanne Widmaier herausgefunden hatte, wer hinter dem Fake-Account steckte, sprach sie den Mann an – und fragte ihn, ob er nicht die offizielle Instagramseite der Stadt betreuen wolle. Er sagte zu. Und genau dort, also auf Instagram, warb die Stadt dann auch für die Impfaktion – und erreichte so die gewünschte Zielgruppe, darunter auch die 27-jährige Pia Epple. Ihr hatten Freunde den Beitrag gezeigt, am Dienstag nach Pfingsten hat sie sich dann angemeldet.

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Auch Lasse Matz (20) vergewisserte sich auf Instagram, dass bei der Aktion tatsächlich junge Menschen im Fokus stünden. „Mein Vater arbeitet bei der Stadt, er hat mir zuerst davon erzählt gehabt“, berichtet er. In seinem Umfeld seien die meisten schon geimpft – etwa seine Mutter als Lehrerin oder seine Freundin als Krankenschwester. Vorbehalte gegen Astrazeneca hatte auch er nicht, sagt er.

Das Vertrauen in Astrazeneca habe stark gelitten

Unterdessen hat man bei der Rutesheimer Stadtverwaltung in den vergangenen Tagen sehr deutlich gemerkt, dass das Vertrauen in das Vakzin von Astrazeneca stark gelitten hat. „Auch deshalb mussten wir die Aktion irgendwann für Menschen außerhalb Rutesheims öffnen sowie für einige, die älter als 28 sind“, sagt Widmaier. „Wir wollten auf keinen Fall, dass Impfdosen im Müll landen.“ Zuletzt hätten sich immer wieder Interessierte an- und dann wieder abgemeldet, „eine Sekretärin war die komplette Woche mit der Organisation beschäftigt“.

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Und worauf freuen sich die jungen Menschen besonders, wo sie endlich die ersehnte Spritze erhalten haben und eine vollständige Immunisierung näher gerückt ist? „Ich bin erleichtert, dass ich mich irgendwann nicht mehr jeden Tag testen lassen muss, wenn ich ins Fitnessstudio gehe“, sagt der Student Justus Anton Unfried (25) aus Friolzheim im Enzkreis. Das war für ihn auch die entscheidende Frage: wie lange er nach der Impfung keinen Sport machen dürfe? Zwei Tage lang soll er es ruhiger angehen lassen, hieß es von der Ärztin.

Pia Epple ist unterdessen froh darüber, dass nun zunehmend großflächig geimpft werde: „Ich freue mich, wenn wieder etwas Normalität einkehrt“, sagt sie.

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