Coronavirus in Baden-Württemberg Das neue Nachtleben

Der Aufenthalt im öffentlichen Raum in Baden-Württemberg ist zwischen 20 und 5 Uhr nur noch mit triftigem Grund möglich. Der Stuttgarter Schlossplatz ist in diesem Zeitraum fast leer. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Baden-Württemberg hat wegen hoher Corona-Infektionszahlen eine nächtliche Ausgangsbeschränkung verhängt. Drei Menschen berichten, wie sich dies auf ihre Arbeit auswirkt – ein Nachtbürgermeister, ein LKW-Fahrer und eine Seelsorgerin.

Stuttgart - Geschlossene Bars, verrammelte Clubs, menschenleere Straßen: ein solches Bild kennt Robert Gaa eigentlich nicht, wenn er in den späten Abendstunden durch das Mannheimer Szeneviertel Jungbusch geht. Gaa ist Nachtbürgermeister von Mannheim – der Mann, der sich eigentlich um das Miteinander von Clubbetreibern, Kneipiers, Nachtschwärmern, Anwohnern und Stadtverwaltung kümmert.

 

Seit in Baden-Württemberg ein nächtliches Ausgangsverbot erlassen wurde, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen, ist es noch ruhiger geworden in den nächtlichen Straßen Mannheims – mit einer manchmal fast beklemmenden Stille in Straßen, in denen früher Menschen vor Bars und Kneipen fröhlich beisammen standen. Robert Gaa ist ein Nachtbürgermeister ohne Nachtleben.

Die nächtliche Ausgangssperre verändert das Leben aller Bürger – aber ganz besonders das Leben derjenigen, deren Berufsleben genau auf die Abend- und Nachtstunden ausgerichtet ist. Drei von ihnen erzählen hier, was sie gerade erleben.

Der Nachtbürgermeister: Kampf ums Überleben der Clubs

„Die Situation ist gerade angespannt“, sagt Gaa. Die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen hätten die Mannheimer Nachtkultur komplett stillgelegt. Der Nachtbürgermeister muss sich jetzt nicht mehr herumschlagen mit zornigen Anwohnern, die sich über Ruhestörungen beklagen. Und auch nicht um Rivalitäten von verschiedenen Clubs oder Barbesitzern. Nun kämpft Gaa gegen die Schließung von Bars und Clubs, weil die monatelangen Schließungen sie finanziell in Not gebracht haben. „Es geht darum, die Akteure in der Kulturbranche in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen.“

Seit August ist Gaa Nachtbürgermeister. Sein Vorgänger Hendrik Meier steht ihm wegen der miserablen Lage der Clubszene noch bis zum Jahresende zur Seite. „Wir bieten Fragestunden an, erstellen Newsletter zu den aktuellen Regeln und geben Hilfestellungen zum Thema Förderung“, sagt der 30-Jährige DJ und Veranstalter.

Einen ersten Erfolg konnte der neue Amtsinhaber in Zusammenarbeit mit der Stadt bereits erzielen: Die Mannheimer Kulturbranche erhielt wegen ihrer schwierigen Situation eine Förderung in Höhe von 220.000 Euro. „Die Clubs und freien Theater haben dadurch die Möglichkeit, Corona-gerechte Veranstaltungen umzusetzen, sobald diese wieder erlaubt sind“, sagt Gaa. Sein Fokus liegt nun darauf, das Kulturleben frühestens im Frühjahr anzukurbeln. „In Mannheim gibt es sehr viele Kellerklubs. Es ist wichtig, Freiflächen für die Kultur zu schaffen.“

Der LKW-Fahrer: Plötzlich freie Fahrt

Nicht nur die Innenstädte in der Region sind abends wie leer gefegt, wegen der nächtlichen Ausgangsbeschränkung ist auch Verkehr auf den Autobahnen ausgedünnt. Unfälle und Staus sind zur Seltenheit geworden. „Die Straßen sind frei, das ist für uns Lkw-Fahrer eine angenehme Situation“, sagt Polychronis Vassiliadis, der seit mehr als 20 Jahren für das Logistikunternehmen Dachser in Kornwestheim tätig ist. Wegen des Lockdowns sei er bei der Lieferung von Waren wie Wurst, Fleisch, Milch und Schokolade deutlich pünktlicher geworden. „Wir können die Abfahrt und Ankunft momentan planen, das war vor dem Lockdown bei normalem Verkehr nicht möglich“, erzählt er.

Bis zu 250 Kilometer legt er mit seinem Lastwagen auf einer Fahrt zurück. Auf einen Kaffee und einen kleinen Snack in einer Autobahn-Raststätte verzichtet Vassiliadis allerdings wegen der Corona-Situation. „Meine Pausen lege ich bei den Firmen ein“, sagt der Berufskraftfahrer. Wegen der ständig wechselnden Corona-Situation habe es in diesem Jahr immer wieder Schwankungen bei der Warenmenge gegeben. „Es macht sich bemerkbar, dass die Hotels und Restaurants geschlossen sind“, sagt Vassiliadis. Allerdings hätte die Lebensmittelspedition vor Weihnachten alle Hände zu tun.

Die Seelsorgerin: Corona – eine psychische Herausforderung

Genauso sieht es bei der Evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart aus. Dort müssen die 110 ehrenamtlichen Mitarbeiter vermehrt zum Hörer greifen. Denn die verschärften Corona-Maßnahmen sind auch für Menschen aus Stuttgart und der Region ein Stresstest. Sie entwickeln Ängste, weil sie kein Ende der Krise sehen und rufen deshalb häufiger bei der Stuttgarter Hilfseinrichtung an – eine von 13 Stellen in Baden-Württemberg. „Die Anzahl der Anrufe ist in Corona-Zeiten massiv angestiegen. Derzeit sorgen sich viele Menschen, wie sich die Pandemie auf das Weihnachtsfest auswirkt“,“ sagt Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der Evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart.

Das Gesprächsaufkommen sei deutlich höher als vor der Corona-Krise. Das zeigt die aktuelle Statistik der Telefonseelsorge: Während im vergangenen Jahr 15.000 Gespräche eingegangen sind, nahmen die Mitarbeiter der Hilfseinrichtung bis November 2020 mehr als 16.800 Anrufe entgegen. Auch die Online-Beratungsangebote wie beispielsweise Chats werden stärker nachgefragt. 2019 seien 900 Chatgespräche geführt worden, in diesem Jahr bisher mehr als 1200. „Mit den Lockerungen im Sommer haben sich die Zahlen wieder normalisiert, davor waren wir an unseren beiden Leitungen ständig gefragt“, erzählt die Leiterin der Evangelischen Telefonseelsorge.

Einsamkeit sei auch in Corona-Zeiten das zentrale Thema. Hinzu komme, dass sich viele Menschen überfordert fühlen. „Für viele Eltern ist es eine Doppelbelastung, wenn sie zu Hause arbeiten und gleichzeitig die Kinder beschäftigen müssen, weil diese keinen Präsenzunterricht in der Schule mehr haben“, sagt sie. Trotz dieser psychischen Belastungen hat die Corona-Krise auch einen positiven Nebeneffekt. „Das Verantwortungsbewusstsein der Menschen steigt. Wir haben oft Anrufer, die Angst davor haben, andere anstecken zu können“, erzählt Rudolph-Zeller.

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