Danach haben die Bezirke Mühlhausen, Feuerbach, Zuffenhausen und Bad Cannstatt einen deutlich überdurchschnittlichen Anteil an positiven Coronafällen. Weniger betroffen sind dagegen die Stadtbezirke Sillenbuch, Möhringen, Vaihingen sowie Süd und West. Hedelfingen und Weilimdorf haben nur leicht überdurchschnittliche Coronazahlen, Degerloch und Plieningen liegen leicht unter dem Mittelwert. Als Richtgröße für diese Einschätzung hat das Statistische Amt die durchschnittliche Infektionsrate von drei Prozent der Bewohner genommen. Im ersten Jahr der Pandemie waren es rund 18 000 Infektionsfälle (zuletzt waren es 26 974).
Viertel mit vielen Bedürftigen
Für diese Sachlage gibt es laut Stadt mehrere Gründe: In den Bezirken und Vierteln ist der Anteil der Bewohner, die bedürftig sind und die eine städtische Bonuscard haben, recht hoch, ebenso der Anteil der Menschen, die aus einem Ausland außerhalb der EU stammen. Überdies befinden sich dort Flüchtlingsunterkünfte und größere Pflegeheime, die Corona-Ausbrüche verzeichnet haben. Ob ein Stadtteil über oder unter dem Mittelwert der Infektionsquote liegt, hänge aber auch davon ab, ob dort mehr größere Familien leben oder ob es mehr Single-Haushalte gibt.
Markus Niedergesäss vom Statistischen Amt erklärte, die Ergebnisse zeigten, „dass in strukturschwachen Stadtvierteln gehäuft Coronafälle auftreten“. Kennzeichen für diese seien beengte Wohnverhältnisse. Viele benachteiligte Menschen lebten dort. Der Anteile von Erwerbslosen und von Hartz-IV-Empfängern sei zum Teil relativ hoch, ebenso der der Migranten. Was für die Coronapandemie vor allem in der zweiten Welle sehr relevant war: Es befinden sich dort zum Teil auch Pflegeheime, in denen es Corona-Ausbrüche gab, und Flüchtlingsunterkünfte.
Kleinräumige Untersuchung
In Stuttgarts größtem Bezirk, in Bad Cannstatt, hat man im Untersuchungszeitraum bei 70 600 Einwohnern 2654 Corona-Infektionen registriert, das ist von allen Bezirken der höchste Wert. In Mühlhausen waren es nur 1031 Infektionsfälle, bezogen auf 25 489 Einwohner ist dort der Anteil der Infizierten aber noch etwas höher. Die kleinräumige Herangehensweise zeige überdies ein erhöhtes Infektionsgeschehen entlang des Neckars von Obertürkheim im Osten bis Mühlhausen im Norden sowie einzelne Hotspots in Zuffenhausen, Feuerbach und Weilimdorf.
Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) betonte, man habe keine individuellen Daten ausgewertet. Diese lägen nicht vor. Man könne deswegen auch keine Aussagen treffen darüber, ob Menschen mit einem Migrationshintergrund überproportional betroffen gewesen seien von Corona-Ansteckungen. Es seien keine Schlüsse auf die Individualebene möglich. Daran ändere auch nichts, dass in den besonders betroffenen Bezirken der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund über dem Schnitt von 45,6 Prozent in der Gesamtstadt liege (Mühlhausen 52 Prozent, Feuerbach 48, Zuffenhausen 58, Bad Cannstatt 54 Prozent). Man wolle mit der Studie „niemanden stigmatisieren“, sondern „notwendige Maßnahmen daraus ableiten“, so Sußmann.
Auf die Menschen zugehen
Auch wenn es in den Bezirken und Stadtvierteln gewisse Unterschiede bei den Infektionsquoten gebe, erklärte der Leiter des städtischen Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt, könne man angesichts einer durchschnittlichen Infektionsrate von drei Prozent der Bevölkerung sagen: „Das Virus ist in allen Bereichen ernst genommen worden.“
„Wie im Brennglas“ aber zeigt sich für Sußmann, wie der soziale Status mit ihrem gesundheitlichen Zustand korreliere. Wichtig sei, jetzt „geeignete Maßnahmen abzuleiten“. Das heißt für sie zuerst, die Zielgruppen noch stärker „zu informieren und zu sensibilisieren“. Man werde in den strukturschwachen Stadtvierteln die Maßnahmen „weiter intensivieren“ und verstärkt über die Bezirksbürgermeister, über Multiplikatoren und ehrenamtliche Strukturen die Menschen ansprechen. Dies soll mehr als bisher „direkt und persönlich“ geschehen. Insbesondere soll es eine Kampagne fürs Impfen geben. Ob man in manchen Vierteln gezielt mobile Impfteams einsetzen will, wie dies in Köln und in Mannheim geschieht, müsse man mit dem Land absprechen und den Bedarf ermitteln. Vielerorts könne man, wo es viele Hausärzte gebe, auch „die Regelstrukturen nutzen“, sagte Ehehalt.
Die Zahlen in den Stadtbezirken auf einen Blick
Bezirke
Mühlhausen: Einwohner 25 489, Infektionsfälle in dieser Zeit: 1031; Zuffenhausen: 38 563, 1479; Wangen: 9251, 348; Bad Cannstatt: 70 600, 2654; Hedelfingen: 10 396, 389; Feuerbach: 29 929, 1056; Stammheim: 12 384, 427; Weilimdorf: 31 673, 1046; Botnang: 13 108, 429; Untertürkheim: 16 552, 525; Obertürkheim: 8573, 267; Nord: 27 275, 848; Ost: 48 305, 1392; Münster: 6721, 191; Mitte: 23 625, 635; Süd: 43 757, 1131; Möhringen: 32 783, 780; West: 52 470, 1242; Degerloch: 16 527, 372; Sillenbuch: 23 933, 538; Plieningen: 13 325, 283; Vaihingen: 45 875, 966; Birkach: 7146, 134.