Coronavirus-Krise Wenn Verwandte an Corona-Verschwörungstheorien glauben

Die Teilnehmer der „Mahnwachen“ wollen, dass die Corona-Beschränkungen möglichst schnell fallen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Bill Gates will uns alle töten, das Virus ist nicht schlimmer als eine Grippe und soll sowieso nur von etwas Größerem ablenken. Diese abstrusen Ideen kann man ignorieren – doch was tun, wenn Freunde oder gar Verwandte daran glauben?

Stuttgart - „Sie nehmen uns die Freiheit – und das ist erst der Anfang!“ „Die wollen uns alle zwangsimpfen!“ Wem diese Aussagen bekannt vorkommen, hat entweder am Wochenende die Berichterstattung zur Widerstand2020-Kundgebung in Stuttgart verfolgt, Facebook-Kommentare gelesen oder ein nicht ganz ernst gemeintes Meme von Freunden bekommen, wie sie zurzeit vor allem auf Whatsapp kursieren.

 

Doch das hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Eine Ausnahmesituation wie die Corona-Krise wird nach Überzeugung der baden-württembergischen Verfassungsschützer von Extremisten genutzt, um Stimmung zu machen und Verschwörungstheorien im Internet zu verbreiten.

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5G, Bill Gates, die Abschaffung des Grundgesetzes, Zwangsimpfungen, Freiheitsentzug oder der vereitelte Besuch beim Friseur als Anlass für Falschinformationen: Auch die Präsidentin des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, Beate Bube, warnt vor Verschwörungstheorien, die vor allem bei Reichsbürgern beliebt sind. „Hierbei wird das Virus wahlweise als biologische Waffe dargestellt, die gezielt gegen die Bevölkerung zum Einsatz gekommen sei, oder seine Existenz wird komplett verleugnet“, so Bube. Rechtsextreme erklären sich die Ausbreitung des Virus gern als Ablenkungsmanöver der Regierung, um mehr Schutzsuchende aufzunehmen, während andere gezielt Falschinformationen verbreiten.

Melden, blockieren, ignorieren?

Klickt man sich durch Facebook, darf man gar nicht überrascht sein: Wo sich inzwischen vermehrt ältere Menschen tummeln, wird nun eifrig spekuliert, kommentiert und geteilt. Viele scheinen überzeugt zu sein, nach dem Ansehen von drei YouTube-Videos genügend Fachkompetenz angeeignet zu haben, um Urteile abgeben zu können – über Sachverhalte und über andere Menschen, die sich an die Vorgaben halten und in den entsprechenden Kreisen gerne auch als „Schlafschafe“ bezeichnet werden.

Online kann man leicht mit Menschen, die solche „Meinungen“ verbreiten, locker umgehen: Entfreunden, blockieren, melden oder ignorieren – doch was tun, wenn in der Familien-Whatsapp-Gruppe Verschwörungstheorien die Runde machen?

Auf keinen Fall lächerlich machen

Gibt es also produktive Wege, mit solchen Situationen umzugehen? Die „New York Times“ hat darüber mit Brendan Nyhan, Professor am Dartmouth College, gesprochen. Nyhan beschäftigt sich mit Fehlwahrnehmungen über Politik und das Gesundheitswesen. Er rät davon ab, die Verbreiter dieser Verschwörungstheorien lächerlich zu machen und als Idioten hinzustellen. „Verschwörungstheorien treten häufig rund um Desaster und Tragödien auf, wenn Menschen Kontrollverlust erleben und versuchen, einen Sinn in der Situation zu sehen“, formuliert Nyhan das Phänomen.

Man sollte sich verdeutlichen, was hinter diesen Verschwörungstheorien steckt – und das ist nach Nyhans Ansicht die pure Angst. Er empfiehlt daher, den kritischen Geist der anderen zu beflügeln, damit sie auch die Verschwörungstheorien selbst hinterfragen. Stehen vielleicht sogar bei Verschwörungstheoretikern politische Interessen im Vordergrund? Wer ist die Quelle? Ist sie seriös?

Seriöse Nachrichten empfehlen

Nyhan rät auch, nicht zu viel Energie und Zeit in das Widerlegen der Theorien zu legen, auf diese Weise sei den Anhängern von Verschwörungstheorien kaum beizukommen. Man sollte daher eher seriöse Nachrichten empfehlen und auch prominente Sportler oder Stars als Beispiel zu nehmen. So nennt er den US-Basketballer Steph Curry, der seine Berühmtheit und Reichweite nutzt, um für Aufklärung zu sorgen. Der 32-jährige Kapitän des NBA-Vizemeisters Golden State Warriors interviewte den Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, Anthony Fauci, via Instagram-Livestream und sorgte dafür, dass sich auch Personen mit weniger politischem Interesse für die Pandemie und die Maßnahmen interessieren.

Wichtig sei vor allem eine konstruktive Kommunikationsstrategie und Sachlichkeit – was in der Familie leichter gesagt als getan ist. Manchmal hilft auch schon ein Hinweis auf Websites, wie Mimikama, die sich mit Verschwörungstheorien und Falschmeldungen beschäftigen.

Eine speziell auf deutsche Befindlichkeiten zugeschnittene und nicht sonderlich ernst gemeinte Verschwörungstheorie lautet übrigens so: Das Coronavirus wurde von der deutschen Automobilindustrie verbreitet, damit die Regierung noch mehr Steuergeld in diesen ohnehin schon schwächelnden Wirtschaftszweig steckt und Menschen mit Prämien zum Autokauf (natürlich nur Daimler, Audi, VW) gezwungen werden.

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