InterviewCorona-Krise bei Schaustellern in Stuttgart Melanie Weeber: „Endlich wieder unter den Menschen“

Von Michael Weier 

Wer über den Teil-Lockdown klagt, muss sich nur in die Rolle der Schausteller versetzen: Hier geht schon das ganze Jahr über nichts. Melanie Weeber durfte immerhin für ein paar Wochen mit ihrem Stand auf die Königstraße – und setzt auch darauf, einen Stand beim Weihnachtsmarkt-Ersatz zu erhalten.

Melanie Weeber vor ihrem Stand auf der Königstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Melanie Weeber vor ihrem Stand auf der Königstraße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Wer über den Teil-Lockdown klagt, muss sich nur in die Rolle der Schausteller versetzen: Hier geht schon das ganze Jahr über nichts. Melanie Weeber durfte immerhin für ein paar Woche mit ihrem Stand auf die Königstraße – und hofft darauf, dies auch vor Weihnachten wieder zu dürfen, obwohl der Weihnachtsmarkt ja ebenfalls abgesagt worden ist.

Hallo Frau Weeber, haben Sie die Königstraße jemals so leer erlebt wie in diesen Tagen?

Nein, definitiv noch nie. Bei schönem Wetter ist sonst sogar an einem Sonntag mehr los.

Sie sind dennoch froh, dass Sie mit Ihrem Wagen hier stehen?

. . . auch wenn das keine Königstraße ist, wie man sie kennt: Genau. Als Schausteller ist man in dieser Zeit um jeden Cent froh, den man verdienen kann. Und ich bin auch einfach froh, wenigstens mal wieder unter die Leute zu kommen.

Die Schausteller hat es mit den Einschränkungen ja noch härter erwischt als die Gastronomie?

Ja, für die Gastro ist es ja schon bitter, aber für uns noch schlimmer. Wir haben alle unsere Lkw abgemeldet, aber die Fixkosten bleiben dennoch hoch. Wir haben Fahrgeschäfte, wenn die nur rumstehen, verursachen die auch Kosten. Zudem fließt nicht alles bei den Hilfen mit ein. Nur ein Beispiel: Die Kosten für meinen Steuerberater werden nicht als Fixkosten angerechnet. Aber ich kann doch die Steuer nicht selbst machen!

Die Fahrgeschäfte sollten ja auf einem Volksfest light aufgebaut werden, daraus wurde aber auch nichts. Warum?

Das verstehe ich auch nicht. Gerade für die Kinder hätte man doch ein Angebot machen können. Der Europa-Park durfte wieder öffnen, wir durften nicht. Das verstehe ich wirklich nicht. Wir sind wahrlich keine Corona-Leugner, aber was der Einzelhandel kann, hätten wir auch gekonnt. Wir können mit Hygienebestimmungen sicher umgehen.

Nun gibt’s auch keinen Weihnachtsmarkt, dafür dürfen mehrere Stände in der Innenstadt aufgebaut werden. Ihrer ebenfalls?

Das hoffe ich stark, immerhin bin ich eine Stuttgarterin.

Glühweinstände dürfen aber nicht?

Das erscheint mir ebenfalls völlig sinnlos. Gastronomen verkaufen Glühwein zum Mitnehmen, Schausteller dürfen das nicht? Und wenn keiner mehr darf, dann wird eben alles in den privaten Bereich verschoben, ohne Hygienebestimmungen? Ich glaube nicht, dass das besser ist. Die Leute sind einfach Corona-müde.

Die sechste Generation der Schaustellerfamilie

Vita Melanie Weeber ist 1979 in Göppingen geboren. Nach ihrem Abitur im Jahr 1998 zog sie zum Studium nach Stuttgart. Nach ihrem BWL-Abschluss arbeitete Melanie Weeber beim Pharmagroßhändler Gehe (gehört heute zur McKesson-Gruppe). Im Jahr 2002 stieg sie in das Familienunternehmen ein. Sie lebt mit ihrem aus Frankreich stammenden Mann in Mühlhausen und hat zwei Kinder.

Firma Die Familie Weeber betreibt den Beruf der Schausteller bereits in der sechsten Generation, unter anderem mit Fahrgeschäften und eben dem einzigen Stand, bei dem man sich Herzen beschriften lassen kann. Auch über einen Online-Shop: www.wasentogo.de




Unsere Empfehlung für Sie