Coronavirus Stuttgart Anthroposophische Ärzte sprechen sich für Impfung aus

Rudolf Steiner war kein sturer Impfgegner, mit Mitte 50 ließ er sich gegen Pocken impfen. Foto: dpa/Uwe Anspach

In der Pandemie machen Anhänger Rudolf Steiners regelmäßig Schlagzeilen, besonders in der Region Stuttgart. Nun positionieren sich die anthroposophischen Mediziner zu der Diskussion über Impfgegner – und wehren sich gegen Vorwürfe.

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Stuttgart - Plötzlich sind anthroposophisch orientierte Menschen wieder omnipräsent in Diskussionen rund um die Coronapandemie: dieses Mal als Impfgegner und mögliche Mitverursacher der vergleichsweise niedrigen Impfquote in Deutschland.

 

Schon seit dem Ausbruch der Pandemie waren Anhänger Rudolf Steiners – Begründer der Waldorfpädagogik – immer wieder aufgefallen. Anfangs hatten sich anthroposophische Ärzte auf den Bühnen der sogenannten Hygienedemonstrationen geäußert. Später gab es Vorfälle an Waldorfschulen und bei Veranstaltungen, weil Eltern oder Schüler sich gegen die Maskenpflicht wehrten, etwa in Göppingen. Und nun hat kürzlich eine Studie im Auftrag der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung ergeben, dass das anthroposophische Milieu eine große Rolle in der Querdenken-Bewegung spielt.

Die Vorwürfe „tun echt weh“, sagt ein anthroposophischer Arzt

Das alles dürfte mit ein Grund sein, warum anthroposophisch orientierte Ärzte derzeit ungern mit Medien über die Pandemie und die Corona-Impfung sprechen. Auf Anfrage unserer Zeitung lehnen mehrere Mediziner aus der Region Stuttgart Gespräche dazu ab, auch schriftlich wollen sie keine Fragen beantworten. Wer sich allerdings äußert, ist die Gesellschaft anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD), die in Stuttgart gegründet wurde und mittlerweile in München sitzt. Die Ärzte, die dort Mitglied sind, sind zum Großteil kassenärztlich tätig, haben also eine Zulassung durch die Kassenärztliche Vereinigung.

„Es schmerzt schon, wenn in den Medien mit Vorwürfen suggeriert wird, dass die anthroposophische Medizin quasi hauptverantwortlich für die steigende Zahl von Coronatoten und die ungenügenden Erfolge der Impfkampagne wäre oder als Brutstätte für eine Impfgegnerschaft fungieren würde“, sagt Martin-Günther Sterner, selbst anthroposophischer Arzt und Vorstand der GAÄD. „Wenn man weiß, wie viele Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende in anthroposophischen Kliniken und Praxen bis an die Grenze ihrer Kräfte in der Coronapandemie engagiert sind, dann ist das nicht nur unverständlich, sondern tut echt weh.“

Es gebe „unterschiedliche persönliche Meinungen“

Die GAÄD begrüße die Impfung als eine „der wichtigen Maßnahmen zur Bewältigung der Coronapandemie und insbesondere zum Schutz der vulnerablen Bevölkerung ausdrücklich“. Sterner räumt ein, dass man sich für eine „freie und verantwortungsvolle Entscheidung über die Impfung in der Bevölkerung ausspreche“ und es in der GAÄD „unterschiedliche persönliche Meinungen“ dazu gebe.

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Man schätze aber, dass die „große Mehrheit“ der anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte die Impfung befürworte. „Alle anthroposophischen Kliniken haben Impfkampagnen für ihre Mitarbeiter durchgeführt, an manchen Kliniken werden Impfzentren betrieben, niedergelassene anthroposophische Ärzte sind aktiv an den Impfungen beteiligt“, zählt Martin-Günther Sterner auf.

Filderklinik distanziert sich von radikalen Impfgegnern

Die anthroposophische Filderklinik in Filderstadt etwa führe seit Anfang des Jahres Impfungen durch und sei „ein regional geschätzter Partner in der Covid-Versorgung“. Auch in vielen anthroposophischen Praxen in Baden-Württemberg werde ganz selbstverständlich geimpft, sagt Sterner. Und ebenso wie alle Mediziner seien auch sie als anthroposophische Ärztinnen und Ärzte vor allem daran interessiert, „wie wir als Gesellschaft gut durch die Pandemie kommen“, betont er.

Im Übrigen habe Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, eine „konsequent vernünftige, weil pragmatische und völlig undogmatische Haltung zum Impfen“ gehabt, sagt Sterner. „Unabhängig von diesem historischen Bezug setzen wir uns in der Medizin dafür ein, auch die Impffrage professionell und damit im aktuellen Zeit- und Entwicklungskontext zu beantworten.“

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