Benningen - Der moderne Superheld lebt suburban. In einem Neubaugebiet in Benningen bilden unter anderem der Supersoldat Captain America, der Musketier Aramis und der Hexer Geralt von Riva eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft. Marc Richter ist gleich ein ganzer Heldentrupp in Personalunion. Der 30-jährige Lehrer mit Wuschelkopf, Fünftagebart und Uni-Tübingen-Kapuzenpulli ist seit zwei Jahren Cosplayer. Er schlüpft regelmäßig in die Rollen von fiktiven Charakteren.
Wer gewisse Klischees kennt und sich eine Cosplayer-Behausung als die eines realitätsfernen Chaoten vorgestellt hat, der irrt. Keine leeren Pizzakartons, keine Haufen zerknitterter bunter Heftchen. Statt dessen grau-monotoner Natursteinboden, Designerwaschbecken, alles akkurat aufgeräumt und von Richter persönlich designt – er lebt in einer blitzend sauberen Wohnung. „Ich bin Ästhet“, sagt er. Einen entsprechenden Anspruch hat er auch an seine Kostüme, in die er immer einen immensen Aufwand steckt.
Mal tut er das einfach, um das Ergebnis monatelanger Arbeit an einem Kostüm in einem professionellen Fotoshooting festhalten zu lassen. Mal wird er als Zusatzprogramm bei einem Kinofilmstart gebucht. Und manchmal auch, um schwerst kranken Kindern eine – vielleicht letzte – große Freude zu bereiten.
Wie bei vielen Gleichgesinnten gehört es zu seinem Ehrgeiz, die Kostüme selbst anzufertigen. Captain America – Spitzname Cap – war bislang wohl das aufwendigste seiner Outfits. „Bei diesem Cosplay gab es so viele Details, lauter kleine Einzelteile, die eckig geschnitten sind und zusammengenäht werden mussten“, sagt Richter. Seit zwei Jahren ist er Cosplayer und hat in der Zeit zehn Kostüme fertig gestellt – mindestens, er muss nachrechnen. Sechs weitere Charaktere schlummern derzeit noch in der Entstehungsphase. Etwa der Musketier Aramis aus der BBC-Serie oder der spartanische Krieger Alexios aus der Konsolenspieleserie Assassin’s Creed.
Theresia Ettlich wird eine Nekromantin
In Tamm befindet sich Theresia Ettlich gerade im Endspurt. Am Wochenende, bei der Comic Con Germany in Stuttgart, will sie bei einem Cosplay-Wettbewerb antreten. Das Kostüm ist noch nicht fertig. Sie wird eine Nekromantin aus dem Onlinerollenspiel Guild Wars 2 – ein düsterer, mit einer Fackel bewaffneter Charakter, an dessen Kleid lange Ketten herabhängen und Totenschädel baumeln. Für ihre Präsentation haben die Teilnehmer eine Minute Zeit – zum Beispiel für einen Monolog, eine Choreografie, einen Schaukampf oder kurze Handlungssequenzen, auch passende Musik hat sich Theresia Ettlich schon ausgesucht.
Für sie liegt der Reiz darin, eine Vision Realität werden zu lassen. „Das Konstruieren, das Erstellen des Schnittmusters, die Zeit, bis das Cosplay dann Gestalt annimmt – das macht einfach riesengroßen Spaß“ – sagt die 30-jährige Testingenieurin. Ein Dreivierteljahr braucht sie für ein Kostüm. Die nötigen Fertigkeiten hat sie bei einem Nähkurs erworben. Eigentlich hatte sie den besucht, um sich Turniertanz-Outfits nähen zu können, „irgendwann musste ich mich aber zwischen dem Tanzen und dem Cosplay entscheiden“. Der Reiz, den Alltag hinter sich zu lassen und in eine fremde Haut zu schlüpfen, war größer als die Liebe zum Tanz.
Apropos Liebe: Sowohl Theresia Ettlichs Mann, als auch Marc Richters Freundin Doreen aus dem Moore (kein Fantasiename) sind Cosplayer. „Als ich meine Freundin zum ersten Mal gesehen habe, war ich als Nomad unterwegs, sie als Wonderwoman. Mir hat es komplett die Sprache verschlagen“, erzählt Richter und grinst.
Richters Oma machte ihn zum Helden
Er ist an einem Faschingsdienstag zur Welt gekommen. „Verkleiden, Mottogeburtstage, so etwas mochte ich schon immer“, sagt er. Und schon früh habe er sich für Mantel-und-Degen-Filme begeistert. Als er damals entschied, verkleidet die Comic Con 2016 zu besuchen, bat er seine Oma um Hilfe. Und die Großmutter, die lange Zeit für den Tanzclub Ludwigsburg Turnierkleider genäht hatte, half ihrem Enkel, zum Helden zu werden. Inzwischen kann er es selber. „Nur die besonders aufwendige Punzierung einer Lederrüstung musste ich neulich machen lassen – dafür fehlen mir die Werkzeuge.“
Bei genauem Hinsehen entdeckt man in seiner Wohnung dann doch eindeutige Hinweise auf sein ungewöhnliches Hobby. Über dem großen Flachbildfernseher auf einem Wandbrett stehen das Schild von Captain America und die Lederarmbänder mit den versteckten Klingen eines Assassinen. Daneben: Anduril, das in Herr-der-Ringe-Kreisen legendäre Schwert des späteren Königs Aragorn.
Im Fernseher läuft gerade Big Bang Theory, die amerikanische Sitcom über einen Haufen comicverrückter Nerds. Richter könnte mit dem Detailwissen der Protagonisten Sheldon Cooper und Leonard Hofstadter über die fantastischen Universen von Marvel, DC und Co locker mithalten. Comics und Fantasyliteratur ziehen ihn in ihren Bann.
Er unterrichtet Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Englisch und Sport an einer Gemeinschaftsschule. „Realität habe ich jeden Tag, wenn ich die Augen aufmache“, findet er. Deswegen schaue er auch „keine Krimis oder Problemfilme“, sondern fahre auf Fantasy ab. „Es ist doch faszinierend, wie die Autoren komplette Welten erschaffen, die in sich konsistent sind“, schwärmt Richter. Diesen Geist sieht er auch in vielen Verfilmungen. „Eine gute Besetzung gibt den Charakteren viel Tiefe, man identifiziert sich und leidet mit.“
Auch die Statur muss passen
Schauspieler ist er selbst auch, wenn er in das Gewand des PC-Spiel-Helden Dastan, Prinz von Persien, in den Kampfanzug von Captain America oder in eine der anderen Identitäten schlüpft. „Ich suche mir Charaktere aus, mit denen ich mich identifizieren kann. Schließlich will ich sie auch mit Körpersprache und Mimik authentisch rüberbringen“, sagt er. Nicht zuletzt deshalb setzt sich der Begriff Cosplay aus den englischen Wörtern für Kostüm und Spiel zusammen. Für eine perfekte Darstellung, findet Marc Richter, ist auch die passende Figur wichtig. Um in Form zu bleiben, trainiert er sechs Mal pro Woche. „Als Bayek aus Assassin’s Creed trage ich obenrum nur zwei Tücher – da kann ich doch keinen Ranzen vor mir herschieben.“
Über einem Stuhl am Esstisch hängt eines seiner neuen Kostüme. Nur der Speer fehlt noch für Oberyn Martell aus der Fantasyserie Game of Thrones. Der Sympathieträger will in der vierten Staffel des Epos den Tod seiner Schwester rächen, findet aber ein äußerst brutales Ende.
Wenn Marc Richter am Wochenende auf die Comic Con geht, bleibt Oberyn daheim. Am Samstag geht Richter als Bucky Barnes, seines Zeichens bester Freund von Captain America. Und am Sonntag als Nomad, ebenfalls eine Figur aus dem Marvel-Universum. Der ist eine Variante von „Cap“ und eines von Richters aufwendigeren Cosplays – auch wegen der Wakanda-Schilder. Der „echte“ Nomad bekommt die Schutzschilder aus extrem widerstandsfähigem Vibranium vom König eines technisch höchst fortgeschrittenen Landes geschenkt. Solche Beziehungen fehlen Richter – aber ein Kumpel mit 3-D-Drucker konnte ihm auch weiterhelfen.
„Manchmal findet man auch Leute mit psychischen Problemen“
Wenn Marc Richter und Theresia Ettlich die Ergebnisse ihrer Fotoshootings in soziale Netzwerke hochladen, werden sie von der Cosplaygemeinde überschüttet mit Lob und Likes. Anerkennung sei wichtig, aber nicht alles, sagt Richter. „Es gibt Menschen, die damit nicht umgehen können. Die ihre Bodenhaftung verlieren, wenn sie mal eine gewisse Zahl von Likes bekommen, und sich benehmen, als wären sie Gottes Geschenk an die Menschheit.“
Das sei nicht die einzige Schattenseite der Parallelwelt. Auch unter den Superhelden menschelt es: „Manchmal findet man beim Cosplay auch Leute, die psychische Probleme haben. Für die das Ganze eine Realitätsflucht darstellt und die auch nicht mehr mit ihrem echten Namen angesprochen werden wollen“, sagt Richter. „Natürlich sind alle Cosplayer irgendwie nerdig. Aber wie überall sonst treffen bei uns verschiedene Charaktere aufeinander – und da gibt es solche und solche“, sagt Theresia Ettlich.
Und dann gibt es noch die, die ihre Kreativität und Begeisterung für wohltätige Zwecke einsetzen. Richter und Ettlich haben sich den „Helden für Herzen“ angeschlossen. Diese Gruppe aus Cosplayern ermöglicht es schwer kranken Kindern, ihre Film- und Comic-Helden kennenzulernen. „Bei der Eröffnung des Kinderhospizes in Stuttgart waren wir zum Beispiel mit dabei – ich als Arielle, die Meerjungfrau, Marc als Captain America“, erzählt Theresia Ettlich.
Ein Laserschwert für einen kranken Jungen
Besonders bewegt ist Marc Richter vom Schicksal eines jungen Krebspatienten: „Er war ein riesiger Star-Wars-Fan. Deswegen hat unser Verein zusammengelegt und ihm beim bekanntesten Lichtschwertbauer Deutschlands ein Laserschwert bauen lassen.“ Die Waffe in der Lieblingsfarbe des schwer kranken Jungen, mit dessen eingraviertem Namen, wurde von einer Delegation aus imperialen Sturmtrupplern in Begleitung der Weltraum-Superschurken Darth Vader und Kylo Ren überbracht. „Ein Dreivierteljahr später ist der Junge gestorben“, sagt Richter. „Seine Eltern haben uns erzählt, dass er seit dem Besuch von nichts anderem mehr geredet hat.“