Costa Concordia Die Insulaner üben sich in Galgenhumor

Dieses Satellitenbild zeigt, wie nahe das Wrack an der Küste und am Hafen von Giglio liegt. Foto: dpa 15 Bilder
Dieses Satellitenbild zeigt, wie nahe das Wrack an der Küste und am Hafen von Giglio liegt. Foto: dpa

Die Havarie der Costa Concordia hat die kleine Insel Giglio unversehens aus dem Winterschlaf gerissen. Viele verdauen noch ihren Schock.

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)
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Isola del Giglio - Wieder einmal pflügt rollend und stampfend die Maregiglio durchs Meer. Normalerweise hat die weiß-rote Autofähre um diese Jahreszeit nicht viel zu tun: Die kleinen Inseln vor der toskanischen Küste liegen im Winterschlaf - oder lagen. Denn seit Freitag dem Dreizehnten ist zumindest auf Giglio alles anders. Und die Maregiglio fährt Extratouren - für Feuerwehr und Höhlentaucher, Polizei und Soldaten und Zivilschutz, vor allem aber für Hunderte von Journalisten.

Auf dem Hinterdeck liegt an diesem Morgen ein junger, bärtiger Mann auf einer Bank. In eine Wolldecke hat er sich gewickelt, er zittert trotzdem. Seinen Kopf hat er auf den Schoß seiner Mutter gebettet; neben ihm sitzt in Schwarz seine Schwester, auf ihm liegt eine Kladde mit Farbkopien. Steckbriefe sind es. Ein eleganter Mann ist auf den Zetteln zu sehen, schwarzes Wollhemd, weißer Kragen, eine Geige aufs Knie gestützt. Sándor Fehér heißt er; der 38-Jährige musizierte auf der Concordia; der Mann in der Wolldecke ist sein Bruder. Die ganze Familie ist nun aus Ungarn angereist, um Sándor zu suchen. Seit der Havarie, seit fast einer Woche, gäbe es kein Lebenszeichen mehr von ihm, sagt der Mann in der Wolldecke in allerbestem Englisch. Aber vielleicht, wenn sie jetzt selber auf die Insel kämen und an möglichst viele Leute den Steckbrief verteilten, . . .

Die Concordia ist schon aus zehn Kilometer Entfernung zu sehen, und je näher die Fähre kommt, umso farbenprächtiger wird das Bild: Gelbe Bergungsschlepper und rote Feuerwehrboote schaukeln auf einem schier sommerblauen Meer. Aus allem heraus aber leuchtet das blendende Traumschiffweiß der Concordia, dem auch die Havarie nichts anhaben konnte. Am Rumpf hängen in vollendeter Nutzlosigkeit neon-orange Rettungsinseln.

Wie eine im Studio nachgebaute Szene für einen Titanic-Film

Da liegt sie also, auf der Seite, fast dreihundert Meter lang, ein weißer Riegel vor den sandbraunen Granitfelsen der Insel. So gestellt wirkt die Szenerie, sagen sich kopfschüttelnd die Journalisten und die eigens für einen Fotoausflug angereisten Touristen auf der Fähre, wie eine im Studio nachgebaute Szene für einen Titanic-Film. Die siebzig Meter lange klaffende Wunde im Rumpf gar, mit dem in ihr festgeklemmten, fatalen Felsbrocken, sie erscheint in derart surrealem Rot, als hätten die Regisseure allzu viel Kunstblut vergossen.

Aber was die Beobachter am meisten verblüfft, was sie im Fernsehen bisher so nicht gesehen haben: Die Concordia liegt praktisch unmittelbar am Ufer, ihr fast flach liegender Schlot streift schier die Felsen. Wäre sie nach ihrem Rutsch über die messerscharfen Klippen und dem bis heute rätselhaften Wendemanöver danach auch nur eine einzige Schiffslänge weitergeglitten, dann wäre sie an die Hafenmauer gekippt - und die 4229 Schiffbrüchigen hätten sich trockenen Fußes retten können.

"Furchtbar, furchtbar, furchtbar", murmelt Emilio Scotto. Vierzig Jahre war er Matrose auf Öltankern und Postschiffen, zweimal hat er die Welt umrundet. Scotto stammt von der Insel, von der Isola del Giglio. Auf ihr, sagt er, gibt es in jeder Familie mindestens zwei oder drei Männer, die zur See gefahren sind. "Männer des Meeres" seien die Gigliesi, sagt Scotto. Aber so was wie die Havarie der Concordia, das hat weder er selbst in seinem 90-jährigen Leben noch ein anderer seiner Bekannten je gesehen. "Madonna, hab ich mir gesagt an jenem Abend, was will dieses Riesenschiff in unserem kleinen Hafen? Und warum liegt es still?"




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