Die Havarie der Costa Concordia hat die kleine Insel Giglio unversehens aus dem Winterschlaf gerissen. Viele verdauen noch ihren Schock.

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)

Isola del Giglio - Wieder einmal pflügt rollend und stampfend die Maregiglio durchs Meer. Normalerweise hat die weiß-rote Autofähre um diese Jahreszeit nicht viel zu tun: Die kleinen Inseln vor der toskanischen Küste liegen im Winterschlaf - oder lagen. Denn seit Freitag dem Dreizehnten ist zumindest auf Giglio alles anders. Und die Maregiglio fährt Extratouren - für Feuerwehr und Höhlentaucher, Polizei und Soldaten und Zivilschutz, vor allem aber für Hunderte von Journalisten.

Auf dem Hinterdeck liegt an diesem Morgen ein junger, bärtiger Mann auf einer Bank. In eine Wolldecke hat er sich gewickelt, er zittert trotzdem. Seinen Kopf hat er auf den Schoß seiner Mutter gebettet; neben ihm sitzt in Schwarz seine Schwester, auf ihm liegt eine Kladde mit Farbkopien. Steckbriefe sind es. Ein eleganter Mann ist auf den Zetteln zu sehen, schwarzes Wollhemd, weißer Kragen, eine Geige aufs Knie gestützt. Sándor Fehér heißt er; der 38-Jährige musizierte auf der Concordia; der Mann in der Wolldecke ist sein Bruder. Die ganze Familie ist nun aus Ungarn angereist, um Sándor zu suchen. Seit der Havarie, seit fast einer Woche, gäbe es kein Lebenszeichen mehr von ihm, sagt der Mann in der Wolldecke in allerbestem Englisch. Aber vielleicht, wenn sie jetzt selber auf die Insel kämen und an möglichst viele Leute den Steckbrief verteilten, . . .

Die Concordia ist schon aus zehn Kilometer Entfernung zu sehen, und je näher die Fähre kommt, umso farbenprächtiger wird das Bild: Gelbe Bergungsschlepper und rote Feuerwehrboote schaukeln auf einem schier sommerblauen Meer. Aus allem heraus aber leuchtet das blendende Traumschiffweiß der Concordia, dem auch die Havarie nichts anhaben konnte. Am Rumpf hängen in vollendeter Nutzlosigkeit neon-orange Rettungsinseln.

Wie eine im Studio nachgebaute Szene für einen Titanic-Film

Da liegt sie also, auf der Seite, fast dreihundert Meter lang, ein weißer Riegel vor den sandbraunen Granitfelsen der Insel. So gestellt wirkt die Szenerie, sagen sich kopfschüttelnd die Journalisten und die eigens für einen Fotoausflug angereisten Touristen auf der Fähre, wie eine im Studio nachgebaute Szene für einen Titanic-Film. Die siebzig Meter lange klaffende Wunde im Rumpf gar, mit dem in ihr festgeklemmten, fatalen Felsbrocken, sie erscheint in derart surrealem Rot, als hätten die Regisseure allzu viel Kunstblut vergossen.

Aber was die Beobachter am meisten verblüfft, was sie im Fernsehen bisher so nicht gesehen haben: Die Concordia liegt praktisch unmittelbar am Ufer, ihr fast flach liegender Schlot streift schier die Felsen. Wäre sie nach ihrem Rutsch über die messerscharfen Klippen und dem bis heute rätselhaften Wendemanöver danach auch nur eine einzige Schiffslänge weitergeglitten, dann wäre sie an die Hafenmauer gekippt - und die 4229 Schiffbrüchigen hätten sich trockenen Fußes retten können.

"Furchtbar, furchtbar, furchtbar", murmelt Emilio Scotto. Vierzig Jahre war er Matrose auf Öltankern und Postschiffen, zweimal hat er die Welt umrundet. Scotto stammt von der Insel, von der Isola del Giglio. Auf ihr, sagt er, gibt es in jeder Familie mindestens zwei oder drei Männer, die zur See gefahren sind. "Männer des Meeres" seien die Gigliesi, sagt Scotto. Aber so was wie die Havarie der Concordia, das hat weder er selbst in seinem 90-jährigen Leben noch ein anderer seiner Bekannten je gesehen. "Madonna, hab ich mir gesagt an jenem Abend, was will dieses Riesenschiff in unserem kleinen Hafen? Und warum liegt es still?"

Hunderte der Schiffbrüchigen sind bei Don Lorenzo gelandet

Scotto vermutete zuerst, sie wollten an Bord ein Fest veranstalten. Aber das hatte es noch nie gegeben, und die Fahrpläne und das "normale" Verhalten der Kreuzfahrtschiffe, die wöchentlich mehrfach an Giglio vorbeiziehen, kennt Scotto auswendig. Und überhaupt: wieso zeigte der Bug der Concordia, die nach Norden unterwegs war, nach Süden? Doch bevor er eine Antwort auf diese Fragen bekam, sah Scotto von seiner Wohnung direkt am Hafen auch schon, wie das Schiff sich neigte, ganz langsam, ganz leise, ohne jeden Lärm. "Ein paar Stunden später war an den Kais alles so voll von Leuten wie sonst nur im Sommer. Da war kein Durchkommen mehr. Und das bei unserer Insel, wo im Winter nur eine Handvoll Hanseln leben."

Hunderte der Schiffbrüchigen sind bei Don Lorenzo gelandet. Er ist der Pfarrer am Ort, was man aber nicht gleich sieht, weil er über dem schwarzen Priesterhemd ein stahlblaues Fleece-Hemd gegen die Winterkälte trägt. "Nicht schon wieder", wehrt Don Lorenzo ab, der sich in diesen Tagen vor Fernsehteams und Interviews nicht mehr retten kann, aber dann erzählt er trotzdem noch einmal von jener Nacht: wie er die Kirchentür geöffnet hat, wie die Inselbewohner mit Decken und Jacken, mit haufenweise trockenen Socken, mit Tee und Brot vorbeikamen. "Ich habe auch eine philippinische und eine indonesische Ordensschwester hier, die konnten die Geretteten aus der Besatzung in deren eigener Sprache trösten. Und die Familien mit Kindern, die haben wir gleich in unseren Kindergarten weitergeleitet."

Angst, sagt Don Lorenzo, hätten seine unfreiwilligen nächtlichen Kirchenbesucher offenbar nicht gehabt, "aber sie waren völlig durcheinander, keiner wusste, was er tun sollte; aber sie haben immerhin gesehen, dass Leute sich um sie gekümmert haben". Das schönste Dankeschön, das Don Lorenzo erhalten hat, "das war der mir entgegengestreckte Okay-Daumen einer deutschen Touristin". Mit ihr hätte er sogar auf Deutsch reden können, "aber sie schaffte das gar nicht".

"Ich dachte, es sei eine Fotomontage"

Neun Kilometer ist Giglio lang, tausend Leute in drei Dörfern wohnen normalerweise hier, und die jungen Leute, wenn sie eine höhere Bildung als die Hauptschule wollen, müssen woanders hingehen. Jeden Sommer kommen bis zu 200.000 Touristen nach Giglio, zum simplen Entspannen oder zum Tauchen vorwiegend, an Spitzentagen im August können es zwölf- oder dreizehntausend auf einmal sein. "Mehr verkraftet die Insel gar nicht", sagt ein etwa Vierzigjähriger, der oben auf dem Inselberg lebt, in der mittelalterlichen, burgartig ummauerten Siedlung Castello. Als Giovanni, wenn überhaupt, will er sich in der Zeitung wiederfinden, und er hat in jener Nacht überhaupt nichts mitbekommen. "Am Samstagmorgen habe ich, wie jeden Tag, das Internet angemacht, und als ich die Schlagzeilen sah und das Foto mit der Concordia da angeblich vor unserer Insel, dachte ich, das sei ein blöder Scherz, eine Fotomontage. Dann bin ich vors Haus, und genau unter meinen Klippen sehe ich das Ding in echt. Es war ein Schock."

Giovanni ist es auch zu verdanken, dass vier Amerikaner schnell von der Vermisstenliste gestrichen werden konnten. "Ich bin da zufällig an einem Hotel vorbeigekommen, nachmittags um halb vier. Da standen vier seltsame Leute; ihre Kleider tropften immer noch. Die waren im Hotel einfach eingeschlafen."

Wie jeder, den man in diesen Tagen auf der Insel fragt, kommt Giovanni auf den Kapitän der Concordia zu sprechen, auf Francesco Schettino, der das Schiff auf die Klippen gesteuert hat. Wütend sind sie auf Schettino. "Absoluter Wahnsinn" sei diese Route gewesen, sagen sie alle: "Vor allem war es absolut jenseits, das Schiff vor den Passagieren zu verlassen", wettert Giovanni und holt die Zeitung unter seinem Arm hervor: "Jetzt hat er dem Staatsanwalt auch noch erzählt, er sei gar nicht freiwillig ins Rettungsboot gestiegen, das Schiff habe so schief gelegen, dass er reingefallen sei! Hat sie der noch alle?"

Das Trinkwasser kommt aus dem Meer

Treffpunkt des schmucken, in seiner steilen Felsenbucht hochkletternden Dorfes ist in diesen Tagen die Einsatzzentrale am Hafen. Da sind die Profitaucher der Feuerwehr in ihren dicken Neoprenanzügen, behängt mit Karabinern, Seilen und anderem Kletterzubehör wie Bergsteiger. Noch suchen sie nach Vermissten, "aber die Arbeit wird immer härter", sagt einer: "Das Wasser im Schiff ist mittlerweile braun wie Kaffee, da siehst du nichts mehr."

Am Kai liegt auch eine Plattform vor Anker mit Kran und Schläuchen und Generatoren und Tanks; auf ihr werken recht wortkarge holländische Spezialisten in ihren von schwarzen Ölflecken durchtränkten orangefarbenen Overalls. Demnächst wollen sie das Heck der Concordia durchbohren und Heizschlangen in die Tanks senken, um das Schweröl anzuwärmen und dann abzupumpen. Auf vier Wochen Arbeit richten sich diese Männer ein, "wenn das Wetter mitspielt", sagen sie.

Und die Gigliesi am Ufer, die hoffen nur, dass das gutgeht. "Wir müssen hoffen, eine andere Wahl haben wir nicht", sagt eine Frau, die auf die Fähre zum Festland wartet. Flüchtet sie etwa schon? "Nein, nein, ich besuche nur meine kranke Tochter." Die Gigliesi leben vom Sommertourismus und vom kleinen Fischfang. "Unser Trinkwasser", sorgt sich Emilio Scotto, der Neunzigjährige, "holen wir über Entsalzungsanlagen aus dem Meer." Öl an der Küste oder auf dem Grund, sagen sie alle, "das wäre unser Ende."

"Wir verkaufen das Öl und werden reich"

Wobei - es gibt auch Leute, die schon wieder zu Scherzen aufgelegt sind. In der Runde um Giovanni sagt einer: "Die sollen uns das Öl doch lassen. Dann verkaufen wir's und werden reich!" Und ein anderer: "Was ich immer schon zu meiner Frau sage: Die sollen das Schiff aufrichten, sanieren und ordentlich verankern, dann haben wir wenigstens mal ein Luxushotel!"

An diesem Abend melden italienische Nachrichtenagenturen: "Bei der von Tauchern aus der Concordia geborgenen Leiche handelt es sich um den ungarischen Bordgeiger Sándor Fehér (38). Die Angehörigen haben seine Leiche identifiziert."

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