Cro „Spacejam“ Musik im Espressoformat
Cro veröffentlicht an diesem Freitag seine neue EP „Spacejam“. Im Streamingzeitalter ist er damit nicht allein. Hat die klassische Langspielplatte so langsam ausgedient?
Cro veröffentlicht an diesem Freitag seine neue EP „Spacejam“. Im Streamingzeitalter ist er damit nicht allein. Hat die klassische Langspielplatte so langsam ausgedient?
Das Album als Format wurde mindestens ebenso oft totgesagt wie Vinyl als Medium. Die Ära der Albumbands sei vorbei, so etwas wie die Beatles, Pink Floyd oder Genesis wird es nach Ansicht vieler nie wieder geben. Die Realität sieht jedoch anders aus. In einer Zeit, in der Bands wie Metallica ein eigenes Presswerk kaufen und Künstler wie Taylor Swift vier Prozent des gesamten Vinylabsatzes der USA ausmachen, kann man diese Unkenrufe getrost ignorieren.
Ein Wandel in der Veröffentlichungspolitik zeichnet sich dennoch ab: Während nicht nur, aber überwiegend Musiker älterer Semester auf die Langspielplatte als absolute Kür setzen, gehen Newcomer und junge Acts deutlich libertärer mit Musikformaten um. Größter Gewinner der Streaming-Ära scheint derzeit die EP zu sein.
EP, das steht für Extended Play und meint eine Mischform zwischen Single und Album. Vier, fünf Songs, weder abendfüllend noch kurz. Newcomer nutzen dieses Format gern, um einen ersten Eindruck vom eigenen Schaffen zu teilen, etablierte Bands wagen auf EPs gern mal das eine oder andere musikalische Experiment, das sie der Fans zuliebe auf einem Studioalbum lieber unterlassen würden. In der Streaming-Ära kommt der EP eine ganz neue Rolle zu: Sie erlaubt den Künstlern, ihre Relevanz selbst zu steuern. Mit drei EPs in einem Jahr bleibt man länger im Gespräch als mit einem Album alle drei Jahre – insbesondere mit der deutlich verkürzten Halbwertszeit vor allem im Pop.
Nun steigt auch der Stuttgarter Rapper Cro ins EP-Business ein und veröffentlicht mit „Spacejam“ seine ganz persönliche Sommer-Playlist: smoothe Songs, voller Vibe, Soul-Groove und Unbeschwertheit. Um mangelnde Aufmerksamkeit muss er sich zwar nicht sorgen, mit „Sommer“ hat er gerade erst an der Seite von Casper einen Sommerhit abgeliefert. Seine erste EP zeigt aber, dass auch er experimentiert. Mit Formaten, Stilen, Strategien. „Tru.“ war ein echt kluges Werk, „Trip“ dann ein überambitioniertes Doppelalbum, „11:11“ eine wenig durchdachte Skizze. Jetzt „Spacejam“, eine EP. Und die Leichtigkeit der Songs spricht irgendwie für diese Formatwahl. Für ein Album wären sie vielleicht zu wenig.
Der Streaming-Markt ist bitter umkämpft. Wer nicht Taylor Swift oder Billie Eilish heißt, die beide weiterhin auf das klassische Albumformat setzen, muss ordentlich strampeln, um nicht unterzugehen. „Publish or perish“ sagt man im akademischen Umfeld dazu – Hauptsache, man haut die wissenschaftlichen Paper am laufenden Band raus. Ähnlich ist es bei Spotify und Co.: Wer nicht ständig eine neue Single, einen Remix oder ein anderes Goodie parat hat, schafft es nicht in die begehrten Playlists oder auf die Startseite der Plattform.
Und das ist das Ziel vieler Musikerinnen und Musiker: Spotify ist mit 456 Millionen Usern der größte Streamingdienst der Welt. 2022 wurden mit Streaming insgesamt mehr als 17 Milliarden US-Dollar eingenommen. Angelehnt an diesen riesigen Markt ändern sich Veröffentlichungsgewohnheiten ebenso schnell wie Hörgewohnheiten. Und um hier erfolgreich mitzumischen eignen sich derzeit EPs einfach deutlich besser: Für die Künstler ist es günstiger, vier neue Songs zu produzieren, der Hörer ist nicht mit einem ganzen Album konfrontiert, das vielen Streamern schlicht zu lang ist. In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne für TikTok-Clips reicht, gewinnt man mit „The Dark Side Of The Moon“ keinen Blumentopf mehr.
Auch andere Stuttgarter Akteure setzen auf dieses Format. Zum Beispiel die Popsängerin Jules, die Post-Punks von The Krimis oder die aufstrebende Soul/Jazz-Künstlerin Jiska. Mit „At The Duck Pond“ veröffentlicht sie im November ihre zweite EP.
„Man gibt sich als Künstlerin mehr Zeit um von der eigenen Gefühls- und Lebenswelt zu erzählen als bei einer puren Single-Veröffentlichung“, begründet Jiska. „Ich mag EPs wie ich Kurzgeschichten mag: Man bekommt trotz der Kompaktheit etwas Ganzheitliches.“
Als Musikfan ist sie aber auch ein Albumfan, betont sie. Und an das glaubt sie weiterhin: „Ich bin der Meinung das mit genügend Single-Auskopplungen und guter Kommunikation der Hype auf ein Album immer noch größer ist als auf eine EP.“
Zunutze macht sie sich die Vorteile des Kurzgeschichtenformats dennoch. „Bei einer EP laufen weniger Songs Gefahr, ignoriert zu werden. So werden bei meiner nächsten EP drei von fünf Songs vorab erscheinen und haben genug Zeit, um als Singles zu glänzen und gehört zu werden.“
Dieser Trend ist nicht neu: Das Magazin Billboard führte schon im Oktober 1957 offizielle EP-Charts ein und bemerkte damals: „Der Teen-Markt dominiert offenbar den EP-Verkauf; sieben der zehn meistverkauften EPs stammen von Künstlern, die eine starke Anziehungskraft auf Teenager ausüben: vier von Elvis Presley, zwei von Pat Boone und eines von Little Richard.“ Die Geschichte wiederholt sich offenbar.
Innovation
1952 steht eine Revolution an in der Musikwelt: Damals beherrschen die Musikriesen Columbia und RCA Victor den Schallplattenmarkt, jeder der Big Player hat ein eigenes Vinyl-Abspielformat. Singles sind gefragt, für gewöhnlich enthalten sie ein Stück pro Seite. Gegenstück dazu ist die LP (Long Play), mit dem sich Columbia ab 1948 eine Menge Marktmacht sichert. Dann kommt das Label RCA Victor mit einer Innovation um die Ecke: Die EP, Extended Play, die plötzlich eine doppelt so lange Aufnahmezeit hatte wie eine Single – das Zwischenstück zwischen Single und Album ist geboren. Anfangs hat RCA großen Erfolg mit diesem Format und bringt allein von Elvis Presley 28 EPs zwischen 1956 und 1967 auf den Markt. Während das Format in Europa – vor allem im Schweden – sehr erfolgreich ist, hat es in den USA keine Chance gegen die LP. Und taucht erst im entstehenden Punk ein Jahrzehnt später wieder auf.