„Was traust du dich überhaupt noch raus? Wir bringen dich um!“ Solche Botschaften hat Lukas Pohland als Zwölfjähriger im Internet über sich lesen müssen. Foto: dpa/Oliver Berg
Lukas Pohland ist als Kind Opfer von Cybermobbing geworden. Von seiner Schule und der Polizei hat er damals nur wenig Hilfe bekommen. Damit andere nicht so leiden müssen wie er, hat er einen Verein gegründet.
Herr Pohland, als Kind sind Sie selbst Opfer von Cybermobbing geworden. Was ist damals passiert?
Ich war zwölf. Es begann damit, dass zunächst eine meiner Mitschülerinnen über das Internet gemobbt wurde. Ich bekam das am Rande mit, war in erster Linie erst einmal für sie da, hatte ein offenes Ohr für sie. Dann bekamen das die Täterinnen und Täter mit und identifizierten auch mich als Zielscheibe und machten mich im Internet fertig. Am Anfang waren das vermeintlich harmlose, blöde Sprüche. Es ging aber schnell soweit, dass beleidigt und bedroht wurde, dass unsere Adressen im Internet veröffentlicht wurden. Es war wirklich eine ganze Menge. Ich habe in der damaligen Zeit ein Stück weit selbst erlebt, wie hilflos man sich in so einer Situation fühlt.
Lukas Pohland ist als Zwölfjähriger von Mitschülern gemobbt worden – bis hin zu Morddrohungen. Foto: Verein Cybermobbing-Hilfe/Oliver Nauditt
Was waren das für Beleidigungen?
Anfangs wurden Dinge geschrieben wie: „Du Opfer!“ Daraus wurden dann aber Sätze wie „Was traust du dich überhaupt noch raus? Wir bringen dich um!“ und Ähnliches. Es ging tatsächlich bis hin zu Morddrohungen.
Kannten Sie die Täterinnen und Täter?
Ja, das waren Mitschüler aus unserer Klasse. Die waren ähnlich alt, also zwölf oder 13. Das hat mir gezeigt, wie fies auch Kinder schon sein können.
Aber es war ein Schule im gutbürgerlichem Milieu, es war keine Brennpunktschule, oder?
Es war eine ganz normale Schule, und auf den ersten Blick waren es auch ganz normale Mitschüler.
Wie sind Sie aus dieser furchtbaren Situation wieder rausgekommen?
Wir haben mit unseren Eltern darüber gesprochen, die haben uns sehr gut unterstützt und uns bei den nächsten Schritten begleitet. Weil es einen Schulbezug gab, haben wir versucht, von der Schule Unterstützung zu bekommen. Wir haben mit der Schulsozialarbeit und später mit der Schulleiterin drüber gesprochen. Doch die Schulleiterin sagte irgendwann , dass sie jetzt lieber mit uns Kaffee trinken würde, als über solche Dinge zu reden. Das ist eine Aussage, die mir im Kopf geblieben ist. Ich hätte damals ja auch lieber was anderes gemacht. Insofern haben wir seitens der Schule relativ wenig Hilfe gehabt. Die haben die Verantwortung auf die Polizei geschoben.
Haben Sie Anzeige erstattet?
Ja. Aber die Polizei sah das eher als pädagogisches Problem und verwies wiederum auf die Schule. Die Täter waren ja auch noch unter 14 und somit nicht strafmündig. Am Ende hatten wir den Eindruck, dass uns da nicht so wirklich jemand helfen möchte. Das Cybermobbing endete erst, als wir auf eine andere Schule sind, weil wir keinen anderen Ausweg mehr sahen und es ein ziemlich doofes Gefühl war, täglich den Leuten zu begegnen, die im digitalen Raum schlimme Dinge über einen verbreiten.
Sie mussten als Opfer die Schule wechseln? So sollte es eigentlich nicht laufen.
Eigentlich sollten immer die Täter die Verantwortung tragen müssen und nicht die Betroffenen. Es war ja auch nicht so, dass direkt wieder alles in Ordnung gewesen wäre, nachdem wir die Schule gewechselt hatten. Man kommt in ein neues Setting rein. Für mich war das damals die achte Klasse, und ich musste mich erst einmal wieder einleben.
Was hat Ihnen dabei geholfen, wieder Anschluss zu finden?
Das war schon schwierig, insbesondere weil man so feine Antennen entwickelt. Letztlich musste ich dann da irgendwie durch. Im Endeffekt half mir, dass ich kaum noch schlimmere Erlebnisse haben konnte als an der vorherigen Schule. Aber einfach war es nicht.
Und dann reifte in Ihnen die Idee, einen Verein zu gründen?
Absolut. Ich musste damals wirklich erfahren, wie es ist, wenn man im Internet gemobbt wird. Zunächst fühlte ich mich sehr allein. Dann wurde mir bewusst, dass extrem viele davon betroffen sind. Und mir wurde klar, dass es da sicherlich einigen ähnlich geht wie mir. Da entstand die Idee, diesen Verein zu gründen.
Wie alt waren Sie da?
Der Verein wurde Ende 2018 gegründet, ich war also 14. In diesem Alter darf man in Deutschland einen Verein gründen, man braucht aber noch die Einverständniserklärung der Eltern. Ich hatte sieben Mitstreiter. Das waren ganz unterschiedliche Menschen aus unserer Stadtgesellschaft: ein Landtagsabgeordneter, eine Informatikerin und ein Rechtsanwalt waren darunter, die teilweise auch schon Berührungspunkte mit dem Thema hatten. Ich habe diese Leute einfach angeschrieben beziehungsweise angesprochen. Aber es waren auch Gleichaltrige darunter, also Freunde von mir.
Was ist die Aufgabe des Vereins?
Letztlich sind es zwei Säulen. Auf der einen Seite die Betroffenenberatung. Wir haben eine anonyme Onlineberatung für Kinder und Jugendliche, an die man sich rund um die Uhr wenden kann und dann innerhalb von 24 Stunden eine Antwort von einem Berater bekommt. Das Besondere ist, dass diese Person an der Seite des Betroffenen bleibt und sie über einen längeren Zeitraum begleiten kann. Wir sind für viele eine erste Anlaufstelle. Denn viele trauen sich oft gar nicht, mit jemandem in ihrer Umgebung zu sprechen. Im ersten Moment tendiert man eher dazu, sich zu schämen, nimmt sich dem vielleicht sogar an und sagt: „Das stimmt schon, was die da schreiben, irgendwo wird da schon was Wahres dran sein.“ Und dabei ist es so wichtig, sich Hilfe zu suchen. Wir versuchen, Anlaufstellen vor Ort zu vermitteln. Wir wollen aber auch dabei unterstützen, das Thema bei den Eltern und in der Schule anzusprechen. Und wir machen klar, dass es wichtig ist, Beweise zu sammeln, also zum Beispiel Screenshots zu machen, denn Cybermobbing ist in vielen Fällen strafbar.
Und die zweite Säule?
Das ist die Präventionsarbeit. Wir wollen im Idealfall Cybermobbing verhindern. Wir veranstalten Projekttage und haben im vergangen Jahr das Schulprogramm „Wir gegen Cybermobbing – unsere Schule macht mit“ gestartet. Es geht darum, dass wir einerseits mit einem Workshop in Schulklassen gehen, über Cybermobbing erzählen, den Begriff mit Schülern definieren. Doch geht es auch um aktive Medienarbeit. Die Schüler erstellen Stop-Motion-Filme zum Thema. Sie sollen selbst kreativ werden, ein eigenes Produkt entwickeln. Es geht darum, einen positiven Umgang mit den Medien zu etablieren. Am Ende unterzeichnen die am Schulleben Beteiligten eine Selbstverpflichtungserklärung: Sie verpflichten sich, aktiv gegen Cybermobbing einzustehen, indem sie Betroffenen helfen und weitergehend darüber aufklären. Das ist uns ganz wichtig, man darf es nicht bei einem Projekttag belassen.
Ihre Schule wollte sich damals nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Wie schätzen Sie die Situation heute ein?
Was können Kinder, Jugendliche, Eltern und eben auch die Schulen präventiv leisten?
Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz. Auf der technischen Seite lässt sich präventiv gar nicht so viel machen. Wir haben zum Beispiel auch ganz viele Fälle, in denen sich Betroffene weitgehend aus dem Internet raushalten und dann trotzdem zur Zielscheibe werden. Denn selbst, wenn man nicht im Internet präsent ist, schließt das nicht aus, dass dort schlimme Sachen über einen geschrieben werden. Und früher oder später bekommt man das natürlich mit. Das ist auch einer der Gründe, warum so wichtig ist, dass in Schulen über das Thema aufgeklärt wird und dass sich Schulklassen ganz aktiv gegen Cybermobbing stellen. So etwas muss von der Schulgemeinschaft wirklich aktiv gelebt werden.
Lessing-Gymnasium in Stuttgart ist Projektschule
Zur Person Lukas Pohland ist 19 Jahre alt und studiert Kommunikation und Marketing in Düsseldorf. Schon mehrfach war er in bekannten TV- Formaten auf dem Podium, unter anderem in der „NDR Talk Show“. Zudem betreibt er Aufklärungsarbeit in der Politik und war bereits mehrmals Gast im Bundeskanzleramt. Darüber hinaus ist Lukas Pohland Mitglied im Beirat der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz.
Zum Verein Der Verein Cybermobbing-Hilfe hat etwa 25 Mitglieder. Das Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen ist bundesweit tätig, bietet für Betroffene Online-Beratungen an und hat bereits an rund 80 Schulen Projekttage organisiert. Das Schulprogramm „Wir gegen Cybermobbing! Unsere Schule macht mit“ gibt es erst seit November 2023. Das Lessing-Gymnasium in Stuttgart hat dieses vor Kurzem absolviert und ist damit die zweite Schule in Deutschland, welche die dazugehörige Selbstverpflichtung unterzeichnet hat.
Studie Der Sie haben letztes Jahr entweder jemanden im Netz gemobbt, sie wurden selbst schikaniert oder sie haben mitbekommen, dass andere Opfer von Cybermobbing wurden. Das bestätigten 57 Prozent der 300 14- bis 17-Jährigen aus Baden-Württemberg, die für die Sinus-Jugendstudie im Auftrag der Krankenkasse Barmer befragt wurden. Obwohl dieser Wert im Vergleich zum Jahr 2022 um sechs Prozentpunkte gesunken ist, sieht der Barmer-Landesgeschäftsführer Winfried Plötze keinen Grund zum Aufatmen. „Der Wert ist gesunken, aber er ist immer noch zu hoch. Cybermobbing bleibt in Baden-Württemberg ein Problem“, wird er in einer Pressemitteilung der Krankenkasse zitiert.