ExklusivDaimler baut Vertrieb um Chinesen kaufen Mercedes-Niederlassungen

Von hap/fmk 

Der chinesische Handelskonzern Lei Shing Hong steht kurz vor der Übernahme der ostdeutschen Niederlassungen von Mercedes-Benz.

Im Februar haben Mitarbeiter der ostdeutschen Mercedes-Niederlassungen mit einem Warnstreik gegen den Verkauf protestiert. Vor einer Woche wurde  nun ein Tarifvertrag zur Absicherung der Arbeitsplätze abgeschlossen. Foto: imago
Im Februar haben Mitarbeiter der ostdeutschen Mercedes-Niederlassungen mit einem Warnstreik gegen den Verkauf protestiert. Vor einer Woche wurde nun ein Tarifvertrag zur Absicherung der Arbeitsplätze abgeschlossen. Foto: imago

Stuttgart - Der Autobauer Daimler wird seine ostdeutschen Mercedes-Niederlassungen voraussichtlich an das chinesische Unternehmen Lei Shing Hong (LSH) verkaufen. Die Chinesen seien klare Favoriten, der Verkauf stehe kurz vor dem Abschluss, bestätigten mehrere Quellen der Stuttgarter Zeitung. Daimler hält sich noch bedeckt. Es gebe derzeit Gespräche mit Interessenten, die ein ernsthaftes Interesse an der Übernahme der ostdeutschen Niederlassungen bekundet hätten, teilte eine Sprecherin des Unternehmens mit. Bis zum Abschluss aller Gespräche wolle man sich nicht zu möglichen Investoren äußern.

Daimler arbeitet mit Lei Shing Hong bereits in Asien zusammen. Das in Hongkong ansässige Unternehmen ist weltweit der größte Vertriebspartner. Im Dezember haben die Chinesen schon die Niederlassung in Erfurt mit zwei weiteren Standorten übernommen. Die Trennung von den Niederlassungen im Osten ist Teil einer im Juli des vergangenen Jahres beschlossenen umfassenden Neuordnung des konzerneigenen Vertriebsnetzes in Deutschland. Daimler will damit die Kosten senken. Im Autovertrieb werden branchenweit nur schmale Margen erreicht.

Die Ankündigung dieser Neuordnung hatte im vergangenen Jahr bundesweit heftige Proteste bei den Mitarbeitern ausgelöst, die bei Daimler bleiben wollten. Für die Autohäuser im Westen wurden dann mit dem Betriebsrat umfangreiche Absicherungen bei den Sozialleistungen und zur Sicherung des Arbeitsplatzes beim Verkauf eines Standorts ausgehandelt. Kündigungen sind bis 2023 ausgeschlossen.

Die ostdeutschen Niederlassungen sind in einer eigenen Gesellschaft, der Mercedes-Benz Vertriebsgesellschaft mbH (MBVG) mit eigenem Betriebsrat organisiert. Dort gelten andere Tarifvereinbarungen als im Westen. Nach mehreren Verhandlungsrunden wurde in der vergangenen Woche mit dem Betriebsrat und der IG Metall für die ostdeutschen Standorte ein „Zukunftstarifvertrag“ abgeschlossen, mit dem die Arbeitsplätze abgesichert werden sollen. Damit hätten die Mitarbeiter „gute Startbedingungen für den neuen Stern des Ostens“, meinte Olivier Höbel, der Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, nach dem Abschluss der Vereinbarung. Der Vertrag sieht unter anderem vor, dass die Niederlassungen bis Ende 2017 in ihrem wesentlichen Bestand erhalten bleiben. Die betriebliche Alterssicherung wird laut IG Metall für die nächsten Jahre abgesichert.

Zudem erhalten die Beschäftigten beim Verkauf von Daimler einen Bonus von 5000 Euro und vom neuen Arbeitgeber einen „Begrüßungsbonus“ von 3000 Euro. Allerdings gibt es keine Garantie, dass der Erwerber die bei Daimler übliche Tarifbindung übernimmt und Mitglied des Arbeitgeberverbands wird. Dazu sollen laut IG Metall „zeitnah“ Gespräche mit dem Erwerber geführt werden.

Die Firmengruppe Lei Shing Hong verbindet mit Daimler eine lange Geschichte. Schon im Jahr 1986 hat das Unternehmen in Hongkong zusammen mit den Deutschen eine Mercedes-Benz China Ltd. gegründet und damit erstmals die Rolle des Vertriebspartners übernommen.

Damals kaufte in China allerdings noch kaum jemand Luxusautos. Als das Geschäft in den Neunzigern anzog, stand Lei Shing Hong jedoch bereit, um dort für Daimler Autohäuser zu eröffnen. Der Absatz der Wagen mit dem Stern auf der Motorhaube wurde nach und nach zum wichtigsten Umsatzbringer. Mehr als 85 Prozent der Erlöse kommen heute aus dem Autogeschäft.

2013 hat Lei Shing Hong in Tibet das hundertste Autohaus für Daimler eröffnet. Bis Ende 2014 hatte das Unternehmen in China mehr als 120 Autohäuser in 60 Städten und pflegte für die Marke Mercedes Kontakte zu 600 000 Kunden. Für Daimler verkauft Lei Shing Hong nicht nur in China Autos, sondern beispielsweise auch in Kambodscha oder in Australien.

Lei Shing Hong verkauft auch Wagen von Porsche und ist außer im Autohandel auch im Geschäft mit Baumaschinen unterwegs. Hier ist das Unternehmen China-Vertriebspartner für den amerikanischen Konzern Caterpillar, einen Nachbarn von Daimler im Pekinger Stadtteil Wangjing. Weitere Sparten sind Immobilien, Finanzdienste und sonstiger Handel. Insgesamt kommt Lei Shing Hong auf rund neun Milliarden Euro Umsatz.

Bis 2008 war das Unternehmen an der Börse notiert; da der Löwenanteil sich im Besitz eines malaysischen Adeligen und des Managements befand, sank der frei handelbare Anteil der Aktien unter die vorgeschriebene Grenze von 15 Prozent. Die Investoren haben das Papier daraufhin aus dem Handel nehmen lassen. Die Marktkapitalisierung lag am letzten Handelstag lediglich bei sieben Milliarden Hongkong-Dollar, das sind heute 800 Millionen Euro.

Der größte Anteilseigner ist weiterhin die malaysisch-chinesische Familie Lau. Deren derzeitiger Patriarch, der Milliardär Chor Lok Lau, kontrolliert auch den Aufsichtsrat von Lei Shing Hong. Die Laus besitzen weit verzweigte Finanzinvestitionen in Südostasien.