Daimler und die S-Klasse Das Kriegsbeil in Sindelfingen ist begraben

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Die S-Klasse wird bis zum Start der neuen Generation im Einschichtbetrieb gebaut. Werkleitung und Betriebsrat haben sich nun doch noch in Verhandlungen geeinigt.

Die Montage der S-Klasse wird vom Zwei- auf den Einschichtbetrieb umgestellt. Foto: dapd
Die Montage der S-Klasse wird vom Zwei- auf den Einschichtbetrieb umgestellt. Foto: dapd

Stuttgart - Im Daimler-Werk Sindelfingen muss nun doch kein neutraler Schlichter über die Produktions- und Arbeitszeitplanung in der S-Klasse-Montage entscheiden. Werkleitung und Betriebsrat haben sich in Verhandlungen auf einen Kompromiss geeinigt. Das Unternehmen nahm die Kündigung der Betriebsvereinbarung zurück, so dass die Bildung einer Einigungsstelle beim Arbeitsgericht nun hinfällig ist.

In Sindelfingen wird die S-Klasse-Montage von Zwei- auf Einschichtbetrieb umgestellt. Im nächsten Jahr kommt die neue S-Klasse; deshalb ist die Nachfrage gegenwärtig gering. Nach der Einigung wird nun bis zum Anlauf der neuen S-Klasse von Woche zu Woche zwischen Früh- und Spätschicht gewechselt. Die Geschäftsleitung konnte sich mit ihrer Forderung nach einer Dauerfrühschicht, die für die Beschäftigten den Verzicht auf elf Prozent Zulage in der Spätschicht bedeutet hätte, nicht durchsetzen. Durch die Umstellung auf den Einschichtbetrieb wird die Hälfte der dort tätigen 2500 Mitarbeiter nicht mehr gebraucht. Diese Beschäftigten sollen in die C-Klasse-Montage wechseln und dort etwa 250 bis 300 Leiharbeiter ersetzen, für die ihr Arbeitgeber dann einen anderen Job finden muss. In Sindelfingen sind etwa 1300 Leiharbeiter tätig; davon arbeiten 900 in der Montage der C-Klasse.

Die Forderungen sind in der Schublade verschwunden

Das Unternehmen hatte Ende September mit dem Abbruch der Verhandlungen und der Anrufung der Einigungsstelle für einen Eklat gesorgt. Dies, so hieß es von Seiten der Beschäftigten, habe es seit mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Im Anschluss präsentierte das Management einen Forderungskatalog, der nicht nur die Dauerfrühschicht enthielt. Die tägliche Arbeitszeit, so hieß es, solle zwischen sechs und neun Stunden schwanken können, die Zahl der Schichten, die einseitig vom Unternehmen abgesagt werden können, solle mehr als verdoppelt werden, und an Samstagen solle auch in der Spätschicht gearbeitet werden können. All diese Forderungen sind jetzt erst einmal wieder in der Schublade verschwunden.

Durchsetzen konnte sich das Management bei dem heiklen Thema Arbeitszeitkonten. Auf diesen Konten dürfen grundsätzlich Salden zwischen 50 Überstunden und 100 Fehlstunden entstehen. Mit Überlegungen, die maximalen Fehlstunden auf 200 zu erhöhen, konnte sich der Betriebsrat nicht anfreunden. Er sah die Gefahr, dass diese Salden nicht mehr ausgeglichen werden können. Zum Verdruss der Belegschaft erhob das Management den Vorwurf, immer mal wieder anfallende Mehrarbeit werde nicht genutzt, um die Salden zu reduzieren; Mitarbeiter, so hieß es, ließen sich Überstunden und Sonderschichten vielmehr ausbezahlen. Der Betriebsrat sieht den Grund für die hohen Minussalden nicht im finanziellen Interesse der Beschäftigten, sondern darin, dass immer wieder Schichten wegen Umbauten in der Produktion abgesagt werden mussten.

„So flexibel wie immer“

Die Wahlfreiheit wird jetzt eingeschränkt. Ist das Zeitkonto negativ, dann fließt Mehrarbeit automatisch auf das Zeitkonto; ausbezahlt werden könnte Mehrarbeit also erst ab einem Kontostand null. Der Betriebsrat hatte zunächst als Kompromiss angeboten, Mehrarbeit so lange automatisch auf das Zeitkonto zu buchen, bis dort nicht mehr als 50 Stunden fehlen. Die Vereinbarung zum Arbeitszeitkonto gilt für das gesamte Werk Sindelfingen. „Mit dieser Vereinbarung ist uns ein weiterer Schritt in Richtung mehr Flexibilität im Werk Sindelfingen gelungen“, kommentierte der Sindelfinger Werkleiter Willi Reiss die Vereinbarung.

Betriebsratschef Erich Klemm zeigte sich erleichtert, dass eine Einigung auf dem Verhandlungsweg und der Erhalt der Wechselschicht erreicht wurden. Dass es an Flexibilität bisher gefehlt haben könnte, weist Klemm weit von sich: „Die Sindelfinger Mannschaft und ihr Betriebsrat sind so flexibel wie immer, wenn es erforderlich ist und dabei auch die Interessen der Belegschaft berücksichtigt werden.“ So wurden zwischen Januar 2011 und Juli 2012 im Werk Sindelfingen mit seinen 23 000 Beschäftigten 250 Vereinbarungen zur Flexibilisierung der Arbeitszeit abgeschlossen.

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