Daniel Engelbrecht zur EM 2021 „Würde es begrüßen, wenn Christian Eriksen die Karriere nicht fortsetzt“

Daniel Engelbrecht feierte 2014 sein Comeback – heute sieht er das als Fehler. Foto: Baumann

Er hat selbst einen Herzstillstand auf dem Fußballfeld erlitten, er trägt einen Defibrillator – und kann nachfühlen, wie es Christian Eriksen derzeit geht. Im Interview schildert Daniel Engelbrecht seine Gefühle.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Stuttgart - Im Juli 2013 erlitt der damalige Fußballprofi Daniel Engelbrecht während einer Drittligapartie einen Herzstillstand. Seitdem trägt er einen implantierten Defibrillator. Einen solchen wird nun auch Christian Eriksen bekommen, der am vergangenen Samstag bei der EM 2021 reanimiert werden musste. Was rät der frühere Stuttgarter dem Dänen?

 

Herr Engelbrecht, Christian Eriksen, dessen Herz am vergangenen Samstag aufgehört hatte zu schlagen, soll nun einen Defibrillator eingesetzt bekommen. Sie haben genau das erlebt – was bedeutet das?

Allein die Tatsache, dass er einen Defibrillator implantiert bekommt, zeigt mir, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Dass im Krankheitsverlauf schon vor diesem Vorfall bleibende Schäden entstanden sind.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Es hat lange Zeit und drei weitere Operationen gedauert, bis man meine Herzrhythmusstörungen in den Griff bekommen hat. Ich hoffe, das geht bei Christian Eriksen schneller. Dabei denke ich übrigens nicht an den Fußball und ein mögliches Comeback.

Sondern . . .

. . . daran, dass er wieder ganz gesund wird.

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Wieso braucht es auch nach Einsetzen eines Defibrillators eine so lange Zeit und weitere Operationen?

Zunächst einmal muss das nicht bei jedem Patienten so lange dauern. Das Problem der Herzrhythmusstörungen ist aber: Um sie erkennen, beheben und ihre Herkunft bestimmen zu können, müssen sie bei der entsprechenden Operation auch auftreten. Wenn das nicht der Fall ist, kann man auch nichts machen. Wenn doch, dann wäre Christian Eriksen schon auf der sicheren Seite. Beziehungsweise: Er wäre sicherer als er es jetzt gerade ist.

Dreimal rettet der Defibrillator das Leben

An der Notwendigkeit eines implantierten Defibrillators ändert das nichts?

Nein, der bleibt drin. Denn die Rhythmusstörungen können wieder aufbrechen. Daher gehe ich davon aus, dass der Defibrillator nun sein steter Begleiter sein wird.

Sie haben berichtet, Ihnen hat Ihr Defibrillator dreimal das Leben gerettet . . .

. . . genau. Und, ehrlich gesagt, diese weiteren Vorfälle wünsche ich nicht einmal meinen ärgsten Feinden.

Warum?

Diesen Schock bei vollem Bewusstsein zu erleben, das ist der schlimmste Schmerz, den ich je in meinem Leben gespürt habe.

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Ist Ihnen das – wie Ihr erster Herzstillstand, der während einer Partie für die Stuttgarter Kickers eintrat – erneut beim Sport widerfahren?

Das erste Mal war es im Krankenhaus, weil ich die Störungen bewusst provozieren wollte. Das war, im Nachhinein, sehr dumm und naiv von mir. Dann noch einmal in einem Spiel, danach im Training. Also immer unter hoher körperlicher Belastung.

Sie haben einst die Ärzte angefleht, Sie wöllten weiter Fußball spielen. War diese unbedingte Fortsetzung der Karriere damals eine gute Idee?

Mein Vorfall ist mittlerweile acht Jahre her. Ich habe gelernt damit umzugehen – so sehr, dass ich seit drei Jahren Vorträge zu diesem Thema halte. Da geht es um Achtsamkeit und Gesundheit. Wenn ich also nun zurückdenke, würde ich die Entscheidung nicht noch einmal so treffen und damit mein Leben aufs Spiel setzen. Die Menschen sollten diesen Fehler, den ich gemacht habe, nicht auch machen.

Ratschlag zum Karriereende

Es geht um Leistungssportler?

Auch, aber nicht nur. Auch Menschen in anderen Berufsfeldern haben extrem hohe Belastungen.

Was heißt das in Bezug auf Christian Eriksen?

Ich würde mich freuen und es begrüßen, wenn er seine Karriere als Profifußballer nicht fortsetzt und sich stattdessen seiner Familie widmet.

Finanzielle Sorgen hat er wohl keine.

Davon gehe ich aus. Ich war damals 22 Jahre alt, hatte das unbedingte Ziel, es in die erste oder zweite Liga zu schaffen. Da kam es für mich nicht infrage, aufzuhören. Zumal ich finanziell nicht in der Lage war ausgesorgt zu haben. Da ist Christian Eriksen sicher in einer anderen Position. Die Last, seine Liebsten finanziell absichern zu müssen, entfällt immerhin mal.

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Sie haben rational begründet, warum eine Fortsetzung der Karriere nicht sinnvoll ist. Dabei fehlte die emotionale Komponente.

Das stimmt, es war für mich mit die schwerste Entscheidung, den aktiven Fußball aufzugeben, das hat mich hart getroffen und tut mir immer noch weh. Wenn ich Fußballspiele sehe, sehe ich mich selbst. Ich bin im besten Fußballalter – aber: Das Herz wollte eben nicht. Das ging mir nahe, aber das musste ich akzeptieren. Heute bin ich auch einfach froh, dass ich noch am Leben bin.

In den vergangenen Tagen waren Sie ein viel gefragter Gesprächspartner. War es schwierig, die eigenen Geschichte so noch einmal zu durchleben?

Es war schon emotional, das noch einmal so zu durchleben. Aber in diesem Fall mache ich das gerne. Ich weiß, dass ich aufklären kann. Ich weiß, dass die Menschen verstehen wollen, wie es Christian Eriksen geht.

Der Defibrillator muss geschützt werden

Sie haben bei Ihrem Comeback lange vor dem Entschluss zum Karriereende einen Brustpanzer getragen, um den Defibrillator zu schützen. Ist das heute auch noch nötig – oder ist die Technik unempfindlicher geworden?

Natürlich gibt es da eine Weiterentwicklung. Fakt bleibt aber: Das Teil stört. Ich war Stürmer, musste viele Bälle sichern und auch mit der Brust annehmen. Da ist der Panzer ein Muss – sonst besteht die Gefahr, dass der Defibrillator beschädigt wird. Und ich will mir gar nicht ausmalen, was dann passieren kann. Das Gerät könnte auslösen, wenn es nicht muss. Oder er löst nicht aus, wenn er gebraucht wird. Beides muss man unbedingt vermeiden.

Wie hat sich der Umgang mit dem Thema in den vergangenen Jahren verändert?

Das Thema war bei meinem Vorfall noch nicht so präsent. Die Zuschauer haben sich über die Tragweite keine Gedanken gemacht. Heute weiß jeder nach wenigen Sekunden, was Sache ist. Wobei es für Christian Eriksen positiv war, dass es in der Öffentlichkeit passiert ist. Da waren Helfer und ein Defibrillator vor Ort.

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Als Sie wieder begonnen haben – wie sind Mit- und Gegenspieler mit Ihrer Geschichte umgegangen?

Ich habe einen gewissen Respekt vor der Situation gespürt. Mitspieler und Gegenspieler haben mich nach den Partien sehr oft gefragt: Geht es dir gut? Ist alles ok? Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ich während des Spiels geschont wurde.

Welchen Sport treiben Sie heute?

Ich gehe mehrmals die Woche ins Fitnessstudio und spiele mit Freunden auch Tennis. Ich kann alles machen – Fußball unter professionellen Bedingungen ist aber etwas ganz anderes.

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