Hier sieht man Jannis im Kinderheim in der Ukraine. Foto: priva/t
Als Sonja und Volker Jannis adoptieren, wissen sie nicht, dass er ein alkoholgeschädigtes Kind ist. Mit dieser Reportage hat unsere Reporterin Viola Volland den Journalistenpreis der Diakonischen Werke Baden und Württemberg gewonnen.
„Der Beitrag geht unter die Haut, und es beeindruckt, wie vertrauensvoll die Adoptiveltern über ihre Gefühle und Erlebnisse sprechen“, so die Begründung der Jury, Viola Volland mit dem Diakonie-Journalistenpreis 2024 in der Kategorie Print auszuzeichnen. Am Wettbewerb nahmen knapp 100 Journalistinnen und Journalisten teil.
Plötzlich hat Jannis ein Küchenmesser in der Hand. Er sieht Sonja an, scheint zu überlegen. Gleich sticht er zu, denkt sie. Wie durch Watte hört sie ihren älteren Sohn Laurin fragen, was das solle mit dem Messer? Da ist es auch schon vorbei, Jannis legt das Messer weg. Aber was würde das nächste Mal sein, wenn die Wut ihn überkommt? Was wäre, wenn sie dann allein wäre mit Jannis?
„Da habe ich gedacht, er muss weg“, erinnert sich Sonja. Einige Monate sind vergangen seit dem Schockerlebnis mit dem Messer, das nicht folgenlos bleiben sollte. Sonja und ihr Mann Volker entschieden, dass ihr damals 15 Jahre alter Sohn nicht mehr bei ihnen leben kann. Ende Mai ist Jannis in eine stationäre Wohngruppe gezogen. Und so ruhig es jetzt in dem Haus der Familie im Landkreis Karlsruhe ist – das Schicksal ihres Sohns lässt die Eltern nicht los.
Sie hatten zehn Tage, um sich für oder gegen das Kind zu entscheiden
„Das ist mein Kind“, dachte Sonja, als sie Jannis das erste Mal sah. Es sei wie Liebe auf den ersten Blick gewesen. Die 55-Jährige sitzt neben ihrem Mann am Esstisch der Familie, vor sich einen Karton mit Bildern. Die ältesten Fotos von Jannis sind von 2009, sie zeigen ein niedliches, zartes Kleinkind, das einen mit verstörtem Blick ansieht. 22 Monate alt war Jannis, als sie ihn in einem ukrainischen Kinderheim in Mykolajiw kennenlernten. Sie hatten zehn Tage Zeit, um sich für oder gegen die Adoption zu entscheiden. Sie hätten gerade mal „zehn Minuten gebraucht“, erzählt Sonja.
Auch Volker war es egal, dass Jannis noch nicht sprechen konnte und nur unsicher laufen, weil es ihm an Körperspannung fehlte. Der große Sohn, den sie 2004 adoptiert hatten, weil sie keine leiblichen Kinder bekommen können, war zunächst ebenfalls entwicklungsverzögert gewesen. Der Ältere habe schnell aufgeholt. So ähnlich, dachten sie, würde es auch bei ihrem zweiten Kind laufen. Aus den Adoptionsunterlagen wussten sie, dass Jannis das fünfte Kind seiner Mutter und dass er drei Monate zu früh auf die Welt gekommen war. Was in den Unterlagen nicht stand: dass Jannis’ Mutter in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hatte. Das Kind, das Sonja und Volker sofort in ihr Herz schlossen, ist alkoholgeschädigt auf die Welt gekommen. Es hat eine Fetale Alkohol-Spektrumsstörung (FASD).
An den Folgen trägt das Kind sein ganzes Leben
„Alkohol ist ein Nervengift“, sagt Susanne Sommer von der Fachberatung Jugendhilfe zu FASD beim Pforzheimer Jugendhilfeträger Fazit GmbH. Auch kleine Mengen oder ein gelegentlicher Alkoholkonsum können das Ungeborene schwer schädigen, das sei leider vielen nicht bewusst. Nach Schätzung der Bundesdrogenbeauftragten werden in Deutschland jedes Jahr rund 10 000 Kinder mit FASD geboren, weshalb zu konsequentem Alkoholverzicht in der Schwangerschaft aufgerufen wird. Letztlich werde die Gesellschaft aber immer mit dieser Behinderung zu tun haben, sagt Susanne Sommer, weil so viele Schwangerschaften ungeplant sind. Erfährt die Mutter spät, dass sie schwanger ist, kann der Schaden schon geschehen sein.
An den Folgen des Alkoholkonsums trägt das geschädigte Kind sein ganzes Leben. FASD ist nicht heilbar. Sonja und Volker erzählen ihre Geschichte, um ein größeres Bewusstsein für diese Behinderung zu schaffen, die mit Verhaltensauffälligkeiten einhergeht. Und auf die die Gesellschaft bisher nur unzureichende Antworten hat.
Die Entwicklungsverzögerung lässt sich auch anders erklären
Jannis ist ein unruhiges, ein zappeliges Kind. Seine Ärzte tippen auf die Aufmerksamkeitsdefizit-und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Seit er fünf Jahre alt ist, nimmt er Tabletten. Im sozialpädiatrischen Zentrum wird Sonja zwar nach Alkohol in der Schwangerschaft gefragt, doch sie verneint, weil sie annimmt, „so was Schwerwiegendes“ hätte die Adoptionsagentur ihnen doch gesagt. Jannis’ Entwicklungsverzögerung und seine späteren Lernschwierigkeiten lassen sich zudem gut mit seinem schwierigen Start ins Leben erklären, als Frühchen aus dem Heim.
Volker und Sonja wollen über die Behinderung aufklären. Foto: vv
Als aber ein behandelnder Orthopäde meint, ihr zehn Jahre alter Sohn habe den typisch kleinen Kopf eines alkoholgeschädigten Kindes, horcht Sonja auf. Könnte das sein? Volker beginnt zu recherchieren und liest zum ersten Mal über eine Behinderung, die das herausfordernde Verhalten seines jüngsten Sohnes erklären würde: das Fetale Alkoholsyndrom (FAS). Es ist die ausgeprägteste Form der Spektrumsstörung FASD. Das Syndrom passt genau zu Jannis, der wenig Empathie zeigt, nicht aus Fehlern lernt und vergesslich ist. Der nach dem Tod der Oma nie wieder über diese sprechen wird. Der vor den Ferien multiplizieren kann und nach den Ferien nicht mehr. „Dass ich nicht selbst darauf gekommen bin“, sagt der Kinderarzt, als Volker ihm von seiner Vermutung erzählt. Bis sie die offizielle Diagnose vom Facharzt haben, dauert es aber noch.
Nachts stellt der Vater den Strom ab wegen des ausufernden Medienkonsums
Als Jannis in die Pubertät kommt, wird es „extrem“, wie Sonja sagt. Jannis ist aggressiv, weigert sich zu lernen, schwänzt die Schule. Die Eltern rufen das Jugendamt zu Hilfe. Das entscheidet, dass der Teenager nach der Schule zu einer Gruppenmaßnahme gehen soll, um Sozialverhalten zu lernen. Doch Jannis fühlt sich dort unwohl. Die anderen kommen aus schwierigen Verhältnissen. Sie finden es toll, mit den Betreuern ins Schwimmbad zu gehen. Jannis kann man damit nicht beeindrucken. Er langweilt sich. Als er nicht mehr hin will, brechen sie die Maßnahme ab.
Zu Hause gibt es viel Streit. Jannis fängt an zu rauchen, beklaut die Eltern, ist „hochgradig mediensüchtig“, wie Volker berichtet. Nachts stellt der Vater den Strom ab, weil Jannis sich weigert, den Fernseher auszuschalten. Sie nehmen ihm das Smartphone ab, von dem er nicht loskommt. „Da hat er den Türrahmen eingetreten“, erzählt Sonja. Sie kaufen einen kleinen Tresor für seine Geräte. Jannis versucht, ihn aufzubrechen.
Als die Polizeibeamten in sein Zimmer kommen, wirkt er ganz friedlich
Das Schuleschwänzen wird schlimmer. Jannis weigert sich, morgens aufzustehen. Er tritt nach seiner Mutter, bespuckt sie, sagt nicht Mama zu ihr, sondern ein Schimpfwort. Sie rufen die Polizei, als er einmal so außer sich ist, dass er seinen Schreibtischstuhl zerlegt. „Bitte nehmen Sie ihn mit in die Psychiatrie“, betteln die Eltern die Beamten an. Doch als diese hoch in Jannis’ Zimmer kommen, liegt der friedlich in seinem Bett. Wenn er wolle, könne er umschalten, sagt Sonja.
Sie hat inzwischen Angst vor ihrem Sohn. Wenn Volker Nachtschicht hat, schließt sie die Schlafzimmertür ab. Das Jugendamt schickt im Sommer 2022 einen Familienhelfer. Der spricht zuerst mit den Eltern, rät ihnen, dass sie Jannis nicht so viel verbieten sollen, dass sie großzügiger mit ihm umgehen sollen. Dann lernt er Jannis näher kennen, macht mit ihm Ausflüge. Im Oktober bricht er ab. Er habe auch keinen Einfluss, sagt der Familienhelfer laut den Erinnerungen der Eltern und rät zu einer Wohngruppe.
Die Jugendlichen lebten immer im Moment, erklärt die Expertin
In Gesprächen zeigt sich Jannis sogar oft verständig. Doch er hält sich nicht an die Absprachen. Als wären sie aus dem Gedächtnis gelöscht. Das sei typisch für diese „unsichtbare Behinderung“, sagt Susanne Sommer. Sie kennt die Familie aus ihrer FASD-Beratung. Alkoholgeschädigte Kinder und Jugendliche lebten immer im Moment. „Entsprechend wird dem Impuls nachgegeben, sie können sich auch nicht selbst regulieren“, sagt die Expertin. Sie seien schnell überfordert, könnten Risiken nicht einschätzen und mit Zeit und Geld nicht umgehen. Menschen mit FASD hätten zudem ein erhöhtes Risiko für eine Suchterkrankung.
Fachberaterin Susanne Sommer Foto: R/onny Döring
Jannis’ extremes Verhalten sei ein Zeichen seiner Überforderung. „Menschen mit FASD brauchen eine Umfeldanpassung, so wie der Rollstuhlfahrer seine Rampe braucht“, erklärt Susanne Sommer. Sei das Umfeld an die Fähigkeiten angepasst, könne Teilhabe am Leben gelingen. Sie hält oft Vorträge vor Fachkräften. Denn es gebe noch viel Unwissen. Typisch sei, dass wie im Fall von Jannis’ Familie zunächst „die Eltern als nicht erziehungsfähig angesehen werden“. Seit Januar hat Jannis die offizielle Diagnose FAS. Seither begegne man ihnen im Jugendamt ganz anders, sagt Sonja.
Die Eltern würden auch nach Schleswig-Holstein fahren
Jannis ist inzwischen 16 Jahre alt und lebt bereits in der dritten Einrichtung. Nach drei Wochen musste er das erste Heim wieder verlassen. „Sie haben ihn nach Schema behandelt“, sagt Sonja. Als er mit den Regeln brach, wurde er mit vier Wochen Süßigkeitenverbot belegt. Das funktioniere aber nicht bei einem Jungen, „der im Moment lebt“. Als er in der zweiten Einrichtung war, hat er sich zum Schrecken seiner Eltern zwischenzeitlich mit Obdachlosen getroffen. Er sei sehr leicht beeinflussbar und würde mit jedem mitgehen, der ihn danach fragt, sorgt sich Sonja.
Aktuell ist ihr Sohn in einer Notunterbringung, in einer Inobhutnahmestelle. Das ist aber eine Übergangslösung. Die Suchanfragen laufen, das Jugendamt hat den Radius erweitert. Die Eltern würden auch nach Schleswig-Holstein fahren für Besuche, wenn er nur gut aufgehoben wäre. „Jannis muss man 24 Stunden am Tag beaufsichtigen, sonst macht er Blödsinn“, sagt Volker.
Stufenpläne funktionieren nicht
Susanne Sommer sieht mindestens eine „intensivpädagogische Einrichtung“ in dem Fall geboten. Das Personal müsse sich zwingend mit der Behinderung auskennen. Die in Wohngruppen beliebten Stufenpläne funktionierten beispielsweise nicht. Diese basieren auf dem Prinzip: Je besser ich mich verhalte, desto mehr darf ich. Wechselnde Regeln überforderten Jugendliche mit FASD. Besser wären wenige, aber gleichbleibende Regeln, erklärt die Fachberaterin. Konsequenzen müssten immer zeitnah erfolgen.
Was Jannis wohl in fünf Jahren macht? Gerade geht er wieder täglich zur Schule, aber wie lange noch? Ob er die Nacht wohl in seinem Bett verbringt oder sich herumtreibt? Das sind die Gedanken, mit denen Sonja abends einschläft. Die Schlafzimmertür ist nachts immer noch zu. Aber sie dreht den Schlüssel nicht mehr um.
Erste Fachberatung zu FASD im Land
Beratung Die Fachberatung FASD-Hilfe von der Gesellschaft für lösungsorientierte Jugendhilfe, Fazit, ist die erste FASD-Beratungsstelle in Baden-Württemberg. Sie unterstützt Menschen mit FASD und deren Bezugspersonen, leistet Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Bei sozialrechtlichen Fragen, aber auch Fragen zum Alltag mit FASD kann man sich zum Beispiel an die Beratungsstelle wenden. Sie wurde 2017 mit Fördermitteln des KVJS und des Sozialministeriums aufgebaut. Im Dezember läuft die Förderung aus, bisher gibt es keine Anschlussfinanzierung. Allein in diesem Jahr hat die FASD-Hilfe rund 100 Vorträge gehalten. Wöchentlich finden im Schnitt zehn bis zwölf Beratungen statt.
Kontakt Die Fachberaterin Susanne Sommer ist unter sommer@fasd-hilfe.de oder unter Telefon 01 51 / 67 24 70 31 zu erreichen. Mehr Informationen gibt es unter https://fazit-jugendhilfe.de/.