Wie riecht ein Atelier? Stefan Strumbel hat davon eine sehr genaue Vorstellung. Der 1979 geborene Künstler hat sich einen Lebenstraum erfüllt und in seiner Heimatstadt Offenburg ein Industriedenkmal in ein Atelier verwandelt. Bei den Renovierungsarbeiten hat er Schicht für Schicht freigelegt, die Düfte, die ihm bei den Arbeiten um die Nase wehten, gesammelt und am Ende in einer Kerze manifestiert. Die riecht nach Leder, Tabak, Zedernholz, Bernstein und nach einem Hauch von schwarzem Pfeffer. „Atelier“ hat Stefan Strumbel, der privat Flacons sammelt, seine Kreation getauft.
Wer durch Strumbels Kulturort geht und über die Deckenhöhe, die riesige Jugendstil-Fensterfront und andere Details staunt, den umweht der Atelier-Duft ganz sanft, während eine „Berghain“-Optik – also mächtiges, unbehandeltes Gemäuer – auf helles Neonlicht trifft. Im Bauch des Gebäudes, in dem sich eine Rahmenwerkstatt und ein kleiner Verkaufsraum befinden, sind die Kerzen aufgereiht, die gar nicht brennen müssen, um ihren Duft zu verströmen.
In Strumbel aber, um hier mal etwas pathetischer überzuleiten, brennt das Feuer permanent, wenn er die einzelnen Winkel seiner neuen Heimat zeigt, in der nicht nur seine eigene Kunst zu sehen ist, sondern auch die, die er selbst sammelt: Eines der charakteristischen Typografiekunstwerke von Stefan Marx („A dream and a dream comes true“) verschönert den Eingang der „Kantine“ getauften Gastronomie im Kesselhaus. Ihr müsste man eigentlich einen eigenen Artikel widmen, so schön ist sie.
Schwarzwald-Wurst im Asia-Sandwich
Die Farbe im Innern ist eine Cuvée aus Blutrot und Zartrosa. Die Uniformen des Teams, das hier wirbelt, fügen sich sattblau in das Ensemble ein, als hätte man die Szene für ein Gemälde von Edward Hopper entworfen. Serviert wird moderne Deli-Küche mit lokalen Produkten, die über den regionalen Tellerrand blicken. Zum Beispiel Bánh mì, vietnamesische Sandwiches, belegt mit Wurstwaren aus dem Schwarzwald.
Angerichtet werden die Köstlichkeiten auf Zeller Keramik, die der 44-Jährige gestaltet hat. Seit mehr als 200 Jahren wird in Zell am Harmersbach zwischen Karlsruhe und Freiburg deutsche Keramikgeschichte geschrieben: Das „Hahn- und Henne-Service“ durfte in den 1970er Jahren in keiner ordentlichen deutschen Wohnstube fehlen.
Strumbels Interpretation der Teller und Schüsseln konnte die Insolvenz der Firma zwar nicht verhindern, seine Interpretation der Keramik ist aber wunderschön anzusehen. An den Wänden der Kantine, die vom klassischen deutschen Speisesaal so weit weg ist wie Offenburg von Berlin, hängt Fotokunst von Schauspieler Lars Eidinger neben Werken von André Butzer.
Im Hauptraum des Kesselhauses, dessen Wände Fliesen zieren, so grün wie der Schwarzwald, thront eine der Kuckucksuhren, aus Bronze gegossen, die Strumbel im Pop-Art-Stil verfremdet hat. Der Schwarzwald ist sein Kraftort. Das Thema hat er einst zu seinem Leitmotiv gemacht: In den Nuller-Jahren transformierte der Künstler den angestaubten und braun besetzten Heimat-Begriff in einen Regenbogen, indem er die Uhren mit Graffiti, der Ausdrucksform seiner Jugend, verfremdete.
Die „New York Times“ widmete dem Jungen aus dem Schwarzwald daraufhin eine Doppelseite, Karl Lagerfeld ließ sich mit einer Strumbel-Uhr fotografieren, ehe der Künstler genug hatte davon, sich allein mit Insignien seiner Heimat zu beschäftigen. Er widmete sich abstrakteren Werken: großflächigen Malereien, raumgreifenden Installationen, riesigen Skulpturen – um dann doch immer wieder Motive seines Schwarzwalds aufzugreifen. Für die Kunsthalle Göppingen schuf er ein tonnenschweres Herz aus Stahl als Reminiszenz an das Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff.
Einst stand er wegen Sachbeschädigung vor Gericht, weil Hausbesitzer seine Graffiti weniger schön fanden als die Szene selbst. Heute schätzt die Stadt Offenburg sein Werk anders ein: „Stefan Strumbel ist ein Künstler von Weltrang, der sich leidenschaftlich zu seiner Heimatstadt bekennt. Neben dem ehemaligen Bundestagspräsidenten und Parlaments-Urgestein Wolfgang Schäuble dürfte er der bekannteste Offenburger sein“, lässt die Pressestelle der Stadt wissen.
Patrice-Video im Strumbel-Kosmos
Einer wie er flieht nicht aus der Enge der Kleinstadt, sondern holt sich die Weite nach Offenburg. Wer Strumbel auf Instagram folgt, sieht Koch Tim Mälzer bei der Sendung „Kitchen Impossible“ vor einem Strumbel-Werk sitzen. Sänger Patrice hat gerade ein Video im Kesselhaus gedreht. Musiker Matz Mutzke, ebenfalls ein Kind des Schwarzwaldes, hat das Cover seines Albums im Atelier fotografiert, das Artwork stammt von Strumbel: „Das ist die Mission. Hier sollen alle Sinne bespielt werden, mit Duft, Musik, Kunst.“
Abseits aller Beobachtung des Künstlerkosmos Strumbel hält der Blick in die badische Gegenwart Stuttgart in Sachen Stadtentwicklung den Spiegel vor. Das Kesselhaus ist das Wahrzeichen des Mühlbachareals, eines Neubaugebiets, inhaltlich gar nicht so weit weg vom Rosensteinquartier hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof.
Das neue Stadtquartier in Offenburg wurde 2019/20 fertiggestellt. „Im Zentrum des Leitbildes der Stadt der kurzen Wege stand der Wunsch, das Verkehrsaufkommen zu vermindern. Die Reduzierung des motorisierten Verkehrs im Stadtviertel erhöht die Sicherheit und Lebensqualität und trägt gleichzeitig zur Minderung der CO2-Emissionen bei“, erklärt ein Stadtsprecher die Wohnbebauung rund um das Kesselhaus.
Im künftigen Rosensteinquartier in Stuttgart könnten die Wagenhallen städtebaulich eine ähnliche Rolle einnehmen wie Stefan Strumbels Atelier in Offenburg. Am Stuttgarter Nordbahnhof tummeln sich Künstlerinnen und Künstler, wo einst Bahnen instand gesetzt wurden.
Das Offenburger Kesselhaus war früher Energielieferant und Kraftquelle für die Weberei auf dem Spinnereiareal, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts städtischer Motor der Industrialisierung war. Was hat Strumbel an dem imposanten Gebäude gereizt? „Das Kompakte mit der zerbrechlichen Brutalismus-Romantik, ein absoluter Rohdiamant“, erklärt er am Ende der Führung bei einem Espresso aus der Siebträgermaschine von La Marzocco. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Werk von Cosima von Bonin, das eine brennende Zigarette zeigt – eine Lichtinstallation, die Lust macht, mit dem Rauchen wieder anzufangen.
Der Schlachthof soll zum Kulturzentrum werden
Wenn Stefan Strumbel in seinem gewaltigen Studio nicht gerade konzentriert an neuen Werken arbeitet, stehen die Türen offen. „Am schönsten ist ein Atelier, wenn man es zum Leben erweckt. Ich möchte deshalb auch immer wieder die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen. Ob mit Kunst, Kulinarik, Tanz, Märkten oder einem regelmäßigen Kesselhaus-Talk, in dem gesellschaftspolitische Themen mit spannenden Persönlichkeiten besprochen werden“, sagt er – und telefoniert dann mit seinem Galeristen Nils Müller, um eine kommende Ausstellung in New York zu besprechen.
Vor dem Kesselhaus soll ein kuratierter Skulpturenpark entstehen mit Werken verschiedenster Künstler. Blickt man am ehemaligen Kraftwerk vorbei, fällt der Blick auf das nächste Industriedenkmal, den bachabwärts gelegenen alten Schlachthof. Der soll zu einem Zentrum für Kultur umgebaut werden. Der Plan dahinter: Alt und Neu aufeinandertreffen lassen und eine Atmosphäre schaffen, in der man die Stadt nicht gleich wieder schreiend verlassen will – wie zum Beispiel im Stuttgarter Europaviertel hinter dem Hauptbahnhof.
„A beautiful thing is never perfect“ steht in riesigen Lettern an der Backsteinwand des Kesselhauses. Eine wunderschöne Sache ist niemals perfekt. Das hatte sich Stefan Strumbel bei der Renovierung seines Kesselhauses immer wieder gesagt, um das Kleinod nicht totzusanieren. Der Plan ist aufgegangen. Wobei Strumbels Kraftquelle im Schwarzwald inzwischen einen erstaunlichen Grad der Perfektion erreicht hat.